Die Roche baut einen Turm. Einen Zweiten, noch Höheren. 205 Meter soll er werden. Was heisst, soll? Wird er werden. Denn der Grosse Rat wird ihn am kommenden Mittwoch abnicken. Opposition ist keine zu erwarten. Auch ausserhalb des Rathauses nicht. Selbst die Stadtbildkommission zuckt nur noch leicht indigniert mit den Schultern. Man hat seine Lehren aus dem Bau 1 genannten, nun die Stadt prägenden ersten Turm gezogen. Damals, vor Baubeginn, gab es noch so etwas wie Opposition. Allerdings hauptsächlich ausserhalb der Politik. Denn diese wusste stets: Wes Steuereinnahmen ich verbrat, des Lied ich sing – und zwar im rot-grün-bürgerlichen Chor.

Das Gewicht des milliardenschweren Konzerns wiegt eben schwerer als alle stadtplanerischen Bedenken zusammen. Dazu passt eine kleine Anekdote aus der Bauverwaltung. Für den Bau 2 müssen bestehende Roche-Gebäude weichen. Die (Büro-)Arbeitsplätze werden für die Zeit bis zum Bezug des zweiten Turmes in Container ausgelagert. Diese entsprechen in ihrer Höhe aber nicht den arbeitsgesetzlichen Bestimmungen. Die Lösung war nicht etwa ein teures Provisorium. Nein, Roche muss in den Containern bloss regelmässig Luftkontrollen durchführen.

Das ist so pragmatisch wie symptomatisch. Niemand sägt am Hochhaus, auf dem er sitzt. Die ungleiche Symbiose geht sogar so weit, dass die SP auf ihrer Wahlkampf-Website in einer Reihe lustiger Filmchen den bestehenden Roche-Tower ins Zentrum rückt, inszeniert als neues Wahrzeichen der Stadt.

Viel besser als qualmende Schlote

Man kann sich über die Ästhetik des Bauwerkes streiten, allerdings ist es in jedem Fall ein erfreulicherer (und ungefährlicherer) Anblick als die frühere Skyline mit ihren qualmenden Schloten. Die Abkehr von der dreckigen Chemie, deren Altlasten noch längst nicht alle beseitigt sind, ist ein Segen für Menschen und Umwelt in der Region. Life Sciences verschmutzen weder Luft noch Gewässer. Stattdessen füllen sie die Stadtkasse, weshalb auch niemand so genau wissen will, was in den schicken Gebäuden genau geschieht.

Die bald von einem weiteren Turm geprägte Skyline macht die Stadt zudem grösser, als sie ist. Mondäner. Einzigartiger. «Meh Basel», wie der sehr originelle Wahlslogan von – ironischerweise – SP und FDP verspricht, geht fast nicht. Höchstens mit einem dritten Turm. Und einem Vierten. Oder dann, wenn Basel auch von innen wächst.

Weniger Bürokratie, mehr Fantasie

Das beginnt mit einer Regierung und einem Parlament, das sich nicht darin übt, in selbstgefälliger Pose möglichst viele gebratene Tauben in den Schlund zu stopfen. Führt sich fort im Bemühen, zwischen Anspruchshaltung und Gestaltungswillen ein Gleichgewicht herzustellen. Und endet in einer Strategie, wie die Lebensqualität unabhängig von Supersteuerzahlern hochgehalten werden kann. Das Ziel: Ein sozial verträgliches Klima, das bestehende KMU und kleine Startups aus allen Bereichen gedeihen lässt. Weniger Bürokratie, mehr Fantasie.

Das Klumpenrisiko Pharma ist beträchtlich. Das ist keine Kritik an Novartis und Roche. Doch sie agieren global. Bekommt Indien oder ein anderes Riesenland die Grippe, dann nützt auch Tamiflu nichts. Dann hat das direkte Auswirkungen auf die Konzerne. Und die Stadt. Überschüsse von mehreren hundert Millionen Franken sind zwar ein Geschenk des Himmels, aber nicht gottgegeben.

Eine Diskussion ausserhalb der üblichen Schablone

Doch darüber redet man nicht. Möglicherweise ändert das auf die Regierungs- und Grossratswahlen vom 23. Oktober hin. Möglicherweise entsteht eine Diskussion ausserhalb der üblichen Schablone bürgerlich (Sparen! Steuern runter!) und rot-grün (Investieren! Reiche schröpfen!). Wenn Basel schon an den Wolken kratzt, darf man ja auch ein bisschen Wolken schaufeln. Wahrscheinlich ist es aber nicht. Es dürfte eher um fehlende Parkplätze, absurde Veloparkierverordnungen, geschlossene Behindertengleichstellungsbüros, unkontrollierte Museumsfinanzen und weitere Probleme und Problemchen gehen, welche Basel so gar nicht von anderen Schweizer Städten abhebt.

Egal, wer künftig die Mehrheit bildet, das Einzige, was sich ganz sicher verändern wird, ist die Skyline.