Graffiti-Kunst
«Basel Line»: Den Anfang machte ein Zürcher – dann kamen die Basler Sprayer und Tamara Wernli

Die Basler Bahnhofseinfahrt ist weltberühmt für seine Graffitis. Die Anfänge der «Basler Line» erzählen von einer neuen Jugendkultur, die sich ihren Raum farbig erobert.

Benjamin Rosch und Naomi Gregoris
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Am Anfang kannte die Line noch viele leere Stellen.
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...Dennoch platzierten die Basler Writer Schicht...
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Die Bedingungen der Basler Line sind und waren ideal, um eine Vielzahl ausgeklügelter Stilformen herovrzubringen.
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Graffitis: Basel Line
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Am Anfang kannte die Line noch viele leere Stellen.

Thierry Furger

Jahrelang nichts als grauer Beton und dann das: ART CRUNC ZOFF IN PERIOD PANZERISMUS sticht plötzlich farbig aus der öden Fläche der Basler Bahnhofseinfahrt. Hingesprayt, «gemalt», wie man in der Szene sagt. Eine Szene, die es damals in Basel noch kaum gibt. Anfang der Achtzigerjahre hat zwar die Hip-Hop-Kultur Einzug gehalten, von den szenetypischen Graffiti aber merkt man kaum etwas in der Öffentlichkeit. Bis 1985 dieser Schriftzug auftaucht. Der kryptische Satz ist das erste Kapitel in einem Buch, an dem seit über 30 Jahren geschrieben wird. Nicht auf Papier, sondern auf nackten Betonwänden, in dunklen Nachtstunden. Spuren einer Subkultur, die sich von Anfang an in Zwischenwelten bewegt. Untergrund und Öffentlichkeit, Vandalismus und Kunst, Protest und Kommerz. Und ihre Erzählerin ist diese Strecke, ein rund acht Kilometer langes Band, das sich vor der Zugeinfahrt zum Bahnhof Basel hinzieht.

Von der historischen Bedeutung, welche die Graffiti-Line später mal haben wird, ist in diesen frühen Jahren aber noch nichts zu spüren. Erst mal stören sich die Basler daran, dass ausgerechnet ein Zürcher den besten Spot gefunden hat, um sein Werk anzubringen. Hinter den hellblauen Lettern steht Gen U One, ein Zürcher «Writer», der mit den codierten Worten klarmacht: Hier ist was im Gange. Writing, das Anbringen von Graffiti, ist Teil einer aufkeimenden Hip-Hop-Kultur. Filme und Plattencover vermitteln der Jugend im Mief der Achtzigerjahre eine neue, aufregende Szenerie. Im Kino läuft «The Warriors», ein US-amerikanischer Film über Jugendgangs in New York, die sich heftige Strassenkämpfe liefern.

«Zwei sind um die Ecken gestanden und haben gepfiffen, wenn ein Zug kam. Dann mussten wir uns an die Wand drücken, und es knallte vom Luftwiderstand.» Pietro «g204» del Sonno Basler Sprayer

«Zwei sind um die Ecken gestanden und haben gepfiffen, wenn ein Zug kam. Dann mussten wir uns an die Wand drücken, und es knallte vom Luftwiderstand.» Pietro «g204» del Sonno Basler Sprayer

zvg

Imitation ist der erste wichtige Schritt, die Subkultur in eine neue Heimat zu führen. Das reicht von der Kleidung über die Sprache bis zum Abmalen verfügbarer Graffiti. Aber nicht nur: Breakdance und Rap sind eng mit Hip-Hop verbunden und werden von den Basler Jugendgangs mit Hingabe aufgenommen.

Kurze Zeit nach dem Graffiti von Gen U One sind auch von Basler Sprayern, sogenannten «Writern», Spuren an den Wänden der Strecke zu sehen. Die «Line», wie sie bald in der Szene genannt wird, ist ideal fürs Sprayen: viele freie Flächen und unmöglich zu überwachen. Die Writer ziehen sich die orangenen Westen der Bahnwärter über und sprayen am helllichten Tag.

Die ersten Werke werden noch von den SBB übermalt, danach überlassen sie das Feld den Farben. Pietro «G204» Del Sonno gehört zu den ersten Basler Graffitikünstlern, Secondo, wie viele. Den Weg zu den Bahngeleisen findet er auch heute mühelos, weiss, welche Nachbarn gerne die Polizei rufen. «Zwei sind um die Ecken gestanden und haben gepfiffen, wenn ein Zug kam. Dann mussten wir uns an die Wand drücken, und es knallte vom Luftwiderstand», erzählt er.

Tamara Wernli die erste Sprayerin

Scorpio, Dest, Ashe, Endo – die damalige Szene ist überschaubar, zählt wenige Dutzend Sprüher. Schnell machen sie sich einige mit ihren Pseudonymen einen Namen, vereinen sich zu Crews. «The Color Children» nennen sich G204, Dest und Ashe. Auch eine Frau gehört dazu, vielleicht die erste Basler Sprayerin: Jil. Es ist die bekannte Basler Moderatorin Tamara Wernli. «Ja, Jil, das war ich. Nach all den Jahren kann ich mich ja outen», sagt sie, angesprochen auf ihr Hip-Hop-Alias. «G204 war mein Mentor. Mit ihm zusammen habe ich an Skizzen gebastelt und bin dann sprayen gegangen. Damals war ich so 15 oder 16 Jahre alt.»

An Hip-Hop-Partys vernetzen sich weitere Writer, nach den Festen gehts an die Zuggeleise. Obwohl noch genügend kahle Wände dort stehen, beginnt ein künstlicher Kampf um den Raum. Binnen kurzer Zeit tragen die Sprayer Schicht auf Schicht, unbefangen von internationalen Einflüssen. Zeit spielt dabei eine grosse Rolle: Die jungen Sprayer sind hier weniger in Hast als anderswo. Das Betreten des SBB-Geländes ist zwar strafbar, eine Verhaftung läuft dennoch deutlich glimpflicher und günstiger ab als in anderen Städten und kommt selten vor.

Es existiert sogar ein Video von einem Stabschef der Basler Polizei, der in einem Interview seine Freude über «die Graffiti entlang der Eisenbahn» zum Ausdruck bringt: «Ich finde das gut und niemand hat Veranlassung, dagegen etwas zu tun.» Der Satz ist aufgezeichnet im Film «Freiheit aus der Spraydose», entstanden 1991 an der Uni Basel.

Unter diesen vergleichsweise günstigen Umständen formen sich schnell eigenständige Stilrichtungen. Vorbilder gibt es zu der Zeit wenige, Graffiti kriegt man fast nur direkt vor Ort zu sehen. Und Basel ist ein guter Platz dafür: Die Einzigartigkeit der «Line» spricht sich herum, bald kommen Künstler aus der ganzen Welt, um sich zu verewigen. Das wiederum hat Einfluss auf die Basler Writer, die sich immer stilsicherer bewegen. Viel Zeit, viel Platz, viele Einflüsse: Die guten Bedingungen an der Basler Line machen es möglich, dass mehrere Basler Writer zu international gefeierten Künstlern aufsteigen. Dest, Smash 137 und der inzwischen verstorbene Dare können ihre Passion für die Dose zum Beruf machen.

Schon für die Jugendlichen der 80er ist das Malen mehr als nur ein Ausweg aus dem Grossstadtgrau: «Für mich heisst Sprayen nicht nur eine Dose in die Hand nehmen und loslegen. Da steckt mehr dahinter», sagt eine junge Frau, die sich Lu nennt, aus dem Umfeld von G204 und Dest in «Freiheit aus der Spraydose». Man müsse sich mit dem Zeichnen auseinandersetzen. Es sei ein Wahnsinnsgefühl, wenn man mitten in der Nacht aktiv sein könne, ohne gestört zu werden.

Auch das ist Teil der Faszination: Ausserhalb der Gesellschaft etwas schaffen, in Ruhe gelassen werden vom Alltag. Und immer auch, das sagen viele Writer: Kunst schaffen. Graffiti malen ist mehr als öffentliches Markieren, es ist eine Kunstform. Eine, die nicht unter den Launen des Marktes oder sonst einer Öffentlichkeit steht: Writer sprayen nur für sich selbst und die Szene.

Gegen die Vergänglichkeit

«Malen ist ein totales Egoding.» Thierry Furger sitzt in seinem Atelier in Zürich und blättert in einem Buchentwurf. Darin sind etliche Abbildungen der «Line» zu sehen, von Gen U Ones silberblauen Lettern bis hin zu den grossen Werken von TNT und Rebel. Furger ist begeistert über die frühen Werke der ersten Generation der Basler Sprayerszene. «Endo beispielsweise war seiner Zeit voraus, er hat sehr früh vollkommene Bilder erschaffen.» Einige davon hat der Grafiker unter anderem von G204, einem der ganz wenigen Basler Writern, die die Graffiti auf der Basler Strecke schon sehr früh dokumentarisch festgehalten haben. Furger will mit diesem Buchprojekt die Entwicklung der Line aufarbeiten. Sein zentrales Thema ist auch ein grundsätzliches in der Welt der Sprühfarbe: die Vergänglichkeit.

Schon mit zwölf Jahren besuchte er zum ersten Mal die Strecke, zusammen mit seinem Vater. «Der wusste, dass ich ein Fan von Graffiti war, und dafür gab es in der Schweiz keinen besseren Ort.» Mit einer Fotokamera hält er fest, wie sich die Writer überbieten. Daraus soll heute, 30 Jahre später, ein Foto-Album entstehen, das die Entwicklung zu den Anfängen der Basler Line Schicht für Schicht dokumentiert. Einfach ist das Unterfangen auch für Furger nicht, der die Szene gut kennt. Gross ist das Misstrauen, jemand wolle sich an der Kunst anderer bereichern. Und so sichtbar die Werke sind, so bedeckt halten sich ihre Ersteller. Sein Buch soll auch im Eigenverlag und in geringer Stückzahl erscheinen.

Noch immer lebt die Line. Grossflächige Grundierungen künden neue Werke an. G204 siehts und freuts. Eine derart einzigartige Geschichte wird aber in Basel nicht mehr geschrieben werden. «Heute ist durch das Internet eine eigenständige Stil-Entwicklung viel schwieriger. Alles ist überall verfügbar», sagt Furger. Bilder von neuen Graffiti fänden sofort den Weg ins Internet, würden vervielfacht und kopiert. «Das führt aber auch dazu, dass es schwerer wird, herauszustechen.»