Die Zukunft eines Versprechens. «The future of a promise», das steht auf der Stofftasche. Sie hängt einer jungen Frau über die Schulter, die über den Voltaplatz am Restaurant Florida vorbei zur Gasstrasse schlendert. Enge Jeans, dicke Brille, kahler Beton, alte Hausfassaden. Gelebte Urbanisierung. Die Zukunft eines Versprechens von SP-Alt-Regierungsrätin und SP-Baudirektorin Barbara Schneider.

Schneider versprach, das St. Johann aufzuwerten. Insbesondere die Gegend rund um den Voltaplatz. Unter ihrer Leitung wurde die Nordtangente fertiggestellt. Verkehrsberuhigung als Grundlage für neue Häuser. Für die Verschiebung des Trams von der Gas- in die Voltastrasse. Für mehr Lebensqualität. Es geht um Urbanität. Um Basel Nord, das Vorzeigekind der Stadtentwicklung.

Aufwertung hinterlässt Verlierer

Aber es gibt auch Verlierer. Die Aufwertung hat sie hinterlassen. Diejenigen, deren günstiger Wohnraum zu verschwinden droht. Sie leben zum Beispiel am Ende der Wasserstrasse. An den Häusern hängen Transparente. «Wasserstrasse bleibt.» «Eure Aufwertung ist unsere Verdrängung.» Sie sollen auf die negativen Folgen der Aufwertung aufmerksam machen. Wie der Holzturm auf der Voltamatte, den Mitglieder des Vereins Wasserstrasse Ende Mai errichtet hatten. Es sollte ein Treffpunkt für Bewohner und Interessierte werden. Um sich auszutauschen, zu diskutieren, zu sein. Nun ist er weg. Beamte bauten ihn am Dienstagmorgen wegen der Krawalle von vergangenem Samstag ab.

An die Ausschreitungen erinnert noch ein grosser schwarzer Fleck am Boden. Dort hat es gebrannt. Sprayereien. Und die zertrümmerten Scheiben des dunklen Baus von Christ und Gantenbein am Voltaplatz. Ein markantes Gebäude, das zum Inbegriff der Aufwertung geworden ist. Und letzten Samstag zum Feindbild der Aufwertungsgegner. Wenn sie es denn waren, die Feuer entzündeten und Fenster zertrümmerten.

Im Communiqué ist von einem Angriff die Rede

Ein anonymes Schreiben wurde zwar am Donnerstag auf dem Besetzerblog «d’Made im Daig» veröffentlicht. Die Betreiber verschickten es auch an die Medien. In der Erklärung mit dem Titel «Kein Geld macht uns glücklich» ist von einem Angriff die Rede, der sich am Samstagabend rund um den Voltaplatz ereignet habe. «Die Stadt und die Investoren haben einen sozialen Konflikt geschaffen, der nun langsam in Gewalt umschlägt.» Die Verfasser sehen die Verdrängung der ursprünglichen Anwohner vorangetrieben. Die Rhetorik ist kämpferisch. Und einfach. Genauso wie ihre Logik. Forderungen stellen sie keine. Dafür künden sie weitere Aktionen an.

Im Moment ist einzig klar, dass auf der Voltamatte in der Nacht von Samstag auf Sonntag rund zweihundert Leute feierten. Feste gab es dort in der Vergangenheit öfter. Sie waren friedlich. Manchmal laut. Polizeikommandant Lips erklärte am Dienstag an einer Pressekonferenz, dass zehn bis fünfzehn Chaoten aus der Masse herausgekommen seien, die Scheiben zertrümmerten und dann wieder den Schutz der Masse suchten. Der Polizei-Einsatz sei korrekt abgelaufen. Man habe den entstandenen Sachschaden von 100000 bis 200000 Franken nicht verhindern können.

«Ress macht Stress»

Das bezweifelt Mario Ress. «Ress macht Stress» ist sein Motto. Er hält, was er verspricht. Ress widerspricht gerne und oft. Schon an der genannten Pressekonferenz musste Sicherheitsdirektor Hanspeter Gass den Präsidenten des Neutralen Quartiervereins St. Johann darauf aufmerksam machen, dass er doch bitte bei der Fragerunde den Journalisten den Vorzug lassen soll. Ress murrte. Und hielt sich daran.

Der Inhaber einer Beratungsfirma wohnt seit 25 Jahren im St. Johann. Sein Büro ist im hinteren Bereich des Spielzeugladens seiner Frau an der Elsässerstrasse. Gleich neben den Bewohnern der Wasserstrasse. Deren Anliegen versteht Ress eigentlich schon. «Wir vom Quartierverein unterstützen den Verein Wasserstrasse im Streben nach genossenschaftlicher Wohnform», sagt er. Aber für die Randalierer hat Ress kein Verständnis. «Wenn die sich für Freiräume einsetzen wollen, warum müssen dann andere leiden?», fragt er sich. Der Respekt gegenüber Hab und Gut anderer sei denen abhanden gekommen.

Auf dem Weg vom Spielzeugladen in die Wasserstrasse grüsst er eine Frau, die gerade mit einer Einkaufstasche in einem Hauseingang verschwindet. Er fragt einen Bauarbeiter, wo er denn jetzt durchgehen solle. Und lacht verzeihend. Ein Schild zeigt in die falsche Richtung. Dann erklärt er, worauf es ankommt, ob die Häuser bleiben können. Er spricht über die Anliegen der Industirellen Werke (IWB) und des Kantona. Dass die IWB wahrscheinlich künftig auf die grossen Öltanks können. Alles hänge jetzt von der Detailplanung ab. Es würden Bestrebungen laufen, dass die Häuser am hinteren Teil der Wasserstrasse nicht dem Erweiterungsbau des Schulhauses weichen müssten. Verantwortliche von Kanton und IWB bestätigen Ress’ Aussagen. Der Präsident der Quartiervereins ist interessiert und bestens informiert. Regelmässig bietet er Führungen durch das Quartier an.

Auf gutem Weg

Aber eigentlich sei das St. Johann auf einem guten Weg. Klar, Optimierungspotenzial gebe es immer. Aber er glaube an eine gute Zukunft. Darum ist er auch noch hier. Engagiert sich. Steckt etliche Stunden Freiwilligenarbeit in den Verein. Und ist ein leidenschaftlicher Wetterer. Gegen die Chaoten vom Samstag. Gegen die, die Abfall liegen lassen. Gegen die Schmierereien an den Wänden. Gegen die Raser. Gegen Heime ganz generell. Gegen die Läden, die zu Unzeiten noch Alkohol verkaufen. Gegen den Kanton, der die Bevölkerung zu wenig einbezogen habe bei der Planung. Gegen die Einöde am Vogesenplatz und gegen die Neugestaltung der Gasstrasse.

Ein gutes Zeichen ist das eigentlich für Stefan Dössegger, wenn sich die Anwohner wieder über Gestaltung ärgern könen und sich nicht mehr über den Verkehr aufhalten müssen. Dössegger ist Leiter der Fachstelle Stadtteilentwicklung der Kantons- und Stadtentwicklung Basel-Stadt. Aber natürlich nehme man die neuen Probleme, die im Quartier entstehen, ernst. Auch die Anliegen derjenigen Anwohner, die sich verdrängt fühlen. «Wir haben die Stimmung wahrgenommen», sagt Dössegger. Verdrängung könne in Einzelfällen vorkommen.

Für friedlichen Protest wie im Fall der Wasserstrasse habe er durchaus Verständnis. «Da sind wir ja auf dem Weg zu einer Lösung», sagt er. Über verschiedene Ansichten zu diskutieren, gehöre zum Prozess der Stadtentwicklung. Von einer Gentrifizierung des St. Johanns will der Stadtentwickler aber nichts wissen. Damit ist die grossflächige Aufwertung von ursprünglich preisgünstigen Stadtvierteln gemeint, bei der wohlhabende Mieter und Eigentümer zunehmend Gruppen mit weniger Einkommen und mit einem tieferen Sozialstatus verdrängen.

Dösseggerbegleitet die Stadtentwicklung in Basel Nord seit 2005. Dass sich dank der Nordtangente der Verkehr im Quartier beruhigte, ist aus seiner Sicht ein grosser Erfolg. «Heute donnern kaum mehr Lastwagen über die Kreuzung. Früher war die Voltastrasse eine Barriere mitten im St. Johann» sagt er. Die Nordtangente sei der Katalysator für die Entwicklung dieses Stadtteils gewesen. Und die neuen Gebäude, er zeigt zum Christ&Gantebein-Haus, seien ein wichtiger Impuls für das Quartier.

«Sie ermöglichen Neuzuzügern, hier zu wohnen.» Ziel: Durchmischung. Dösseggers Stichwort. Darauf kommt er immer wieder zu sprechen. «Klar, dafür muss man etwas tun.» Kleine Dinge seien wichtig, wie das Büchergestell der Christoph-Merian-Stiftung in die Gasstrasse, das Quartierbewohner gemeinsam betreuen. Oder die Öffnung eines Hinterhofes, der allen zugänglich ist, wie das beim Gebäude Volta West gleich neben dem Haus von Christ und Gantenbein bereits geschehen ist. Musiker, Kinder und Alteingesessene zusammenführen.

Arbeitsplätze, Quartiertreffpunkte und Kinderkrippen

«Das Leben muss das Gebiet um die Voltastrasse weiter in Beschlag nehmen», sagt er. Das brauche Zeit. Und neben Städtebau auch andere Massnahmen. Arbeitsplätze, Quartiertreffpunkte und Kinderkrippen. Von denen hat es bereits einige. Zum Beispiel im Erdgeschoss des Janus-Hauses (Bild). Und Max Küng gibt Dössegger Recht. «Krippen und Apotheken sind die Pionierpflanzen neuer Stadtteile», schreibt der Magazin-Reporter in einem Bericht über einen Spaziergang durch seine alte Heimat.

Der Text ist Teil einer Broschüre. Sie liegt stapelweise am Freitagmorgen im UBS-Ausbildungszentrum auf. Die Stadtentwicklung hat zum Experten-Panel geladen. Thema: Augen auf, Basel wächst. Der Saal ist voll. Anzüge, so weit das Auge reicht. Thomas Kessler, der oberste Stadtentwickler, begrüsst und nimmt sogleich Bezug auf die Ereignisse der vergangenen Tage. Er verwirft die Hände. Er verurteilt das anonyme Schreiben, weist die Vorwürfe von sich. «Gentrifizierung gibt es hier nicht.» Neue Häuser, das sei das normalste der Welt. Superreiche würden da sowieso nicht hinziehen. Kessler möchte heute gerne über wahre Fakten sprechen.

Dann übergibt er das Wort an die geladenen Gäste. Präsidentin, Leiter, Manager, Architekt, Leiterin. Experten auf diesem Gebiet. Sie sprechen über Zuwanderung, Wohnungsnot, Umwandlung von Büroräumen in Wohnungen, Verdichtung in Form von Hochhäusern, über sinnvolle Förderung von Wohnraum. Für alle.

Ein Verspechen für die Zukunft.