Zwang

Basel-Stadt anerkennt Dutzende Kinderehen

Die Sommerferien können zum Beginn eines Albtraums werden. (Symbolbild)

Die Sommerferien können zum Beginn eines Albtraums werden. (Symbolbild)

Das Zivilstandsamt Basel-Stadt anerkennt jährlich rund 20 Ehen, die zwischen Minderjährigen geschlossen worden sind. Zwangsehen zu erkennen ist dabei sehr schwierig, die Dunkelziffer hoch.

Es sind heftige Schicksale, die hinter dieser Statistik stecken: Zwischen Juli 2015 und Dezember 2017 anerkannte das Zivilstandsamt Basel-Stadt zehn Ehen, in denen mindestens einer der Ehepartner noch minderjährig war. Die Zahlen für das vergangene Jahr liegen noch nicht vor. Besonders in Erinnerung blieb Amtsleiter Massimo Di Nucci der Fall einer Afghanin.

Sie wurde verheiratet, bevor sie das 16. Lebensjahr erreichte. In die Schweiz geflüchtet, gebar sie ein Kind – und gelangte so auf den Schirm der Behörden. Diese mussten abwägen, ob sie die Ehe der Minderjährigen anerkennen sollen. Sie taten es, dem Kindswohl zuliebe.

Weitaus höher ist die Zahl der Kinderehen, die erst Jahre nach der Hochzeit registriert werden. «Wir führen darüber keine genaue Statistik», sagt Di Nucci. Er rechnet aber mit jährlich «rund zwanzig» nachträglichen Registrierungen. Gemessen an der Bevölkerungsdichte läge Basel-Stadt deutlich vor dem Kanton Zürich. Dort veröffentlichte die Regierung als Antwort auf den Vorstoss eines SVP-Kantonsrats Zahlen.

Zürcher Statistik

Zürich registriert jährlich 90 Kinderehen – bei einer Bevölkerung von fast 1,5 Millionen Menschen. Manche Paare leben seit Jahrzehnten zusammen. Sie haben im Ausland sehr jung geheiratet; eine Anerkennung in der Schweiz wurde erst nötig, als ein behördliches Ereignis eintrat: ein Kind, ein Erbe.

Die Zürcher Statistik zeigt mehreres: Zum einen handelt es sich bei den nachträglich Registrierten fast immer um Frauen. Zum anderen gibt es einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Alter zum Zeitpunkt der Registrierung. Ältere Frauen stammen oft aus Italien, Portugal oder Griechenland. Sie haben zwischen 15 und 17 geheiratet und lassen ihre Ehe erst im hohen Alter eintragen. Sind die Frauen hingegen jünger, kommen sie aus Syrien, Afghanistan oder Eritrea. Die Flüchtlingskrise sorge für einen «klaren Anstieg» der Fälle, wie Di Nucci sagt.

Ins Ausland verschleppt zur Heirat

Bei minderjährigen Personen besteht ein erhöhtes Risiko für eine Zwangsheirat. Das Zivilstandsamt prüft daher immer, ob Anhaltspunkte für eine Zwangsheirat vorliegen. Doch nachträglich herauszufinden, ob jemand im Alter von 15 Jahren freiwillig den Bund fürs Leben eingegangen ist, ist schwierig. In den vergangenen fünf Jahren hat sich kein Verdacht erhärten können.

Für Anu Sivaganesan von der Fachstelle Zwangsheirat – ein von Bund und Kantonen unterstütztes Kompetenzzentrum – sind die Fälle, die überhaupt einmal bei einem Zivilstandsamt landen, Ausnahmen. «Solche Meldungen von Minderjährigenheiraten sind heikel, das wissen auch die Betroffenen.» Es sei kein Zufall, dass die bei den Zürcher Fällen betroffenen Personen in der Mehrheit plus 30 Jahre alt sind.

«Zudem beobachten wir oft Minderjährigenheiraten im Ausland.» Hier lebende Personen ist es seit 1. Juli 2013 nicht mehr erlaubt, gemäss ihrem Heimatrecht in der Schweiz zu heiraten. «Also werden Eheschliessungen im Ausland – auch mit Minderjährigen – als Ausweichmanöver vollzogen», sagt Sivaganesan.

Am einen Tag noch in der Schule, am nächsten in der fremden Heimat und unter der Haube. In Basel-Stadt sind es gemäss Kesb-Leiter Patrick Fassbind «jährlich ein bis zwei Fälle», die bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde gemeldet werden. Oft sind es die Sommerferien, vor denen sich solche Krisen ereignen. «Wir reagieren unterschiedlich auf solche Meldungen», sagt Fassbind.

Manchmal reicht ein klärendes Gespräch, manchmal verbietet die Behörde die Ausreise. «In ganz klaren Fällen organisieren wir eine Notunterkunft.» Das Schlimmste sei aber, wenn sich gar niemand meldet, das Kind im Ausland verheiratet wird und nicht in die Schweiz zurückkehrt. «Hier besteht sicherlich eine gewisse Dunkelziffer», weiss Fassbind.

Hotspot Basel

Gemäss Sivaganesan zählt Basel neben Zürich, Bern und St. Gallen zu den «Hotspots» arrangierter Kinderehen. «Wir stellen fest, dass hier bei Minderjährigenheiraten im Herkunftsland vor allem Verwandtenheiraten stattfinden, was etwa nicht der Fall ist bei Albanischsprechenden, die im Kanton St. Gallen eine Mehrheit der Betroffenen darstellen», sagt sie. Erst vergangene Woche habe sie deshalb im Schulhaus Bäumlihof einen Workshop für 13- bis 15-Jährige veranstaltet. Sensibilisierung sei sehr wichtig. «Vor allem in Basel-Stadt ist sich der Kanton solcher Problematiken bewusst und aktiv», sagt Anu Sivaganesan.

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