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Basel-Stadt baut seine journalistischen Inhalte aus – Das sorgt für Kritik

Der Kanton Basel-Stadt bietet immer mehr eigene journalistische Inhalte. Die Abteilung für Kommunikation wurde dazu stark ausgebaut. Doch dieses Konzept ruft Kritiker auf den Plan.

Benjamin Rosch
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Alles unter Kontrolle: Regierungssprecher Marco Greiner (links) an einer Coronamedienkonferenz mit Conradin Cramer.

Alles unter Kontrolle: Regierungssprecher Marco Greiner (links) an einer Coronamedienkonferenz mit Conradin Cramer.

Nicole Nars-Zimmer

Am Wahlsonntag war die Aufregung unter Journalisten gross. Aufgrund der Corona-Bestimmungen hatte die Staatskanzlei das Wahlforum ersatzlos gestrichen. Wie soll da ein Foto aller Gewählten entstehen? Das dachte sich wohl auch die Staatskanzlei und bat daher die neuen Regierungsräte zu einem Shooting vor das Rathaus – das allerdings geheim bleiben sollte. Was es natürlich nicht blieb, denn noch mehr als Journalisten wollen Regierungsräte Fotos von Regierungsräten.

Das Ereignis ist wenig mehr als ein Lapsus, eine Sottise in einer allgemein recht gut funktionierenden Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Medienfachleuten beim Kanton. Und dennoch ist es Ausdruck davon, dass der Kanton Basel-Stadt zunehmend eine eigene Agenda verfolgt, was die Kommunikation anbelangt.

Die Abteilung Kommunikation rüstet auf

In den vergangenen zehn Jahren haben fast alle Departemente aufgerüstet: Knapp 2'000 Stellenprozent stark sind die Abteilungen für Kommunikation, wenn man sie aus allen Departementen zusammenzählt. Darin nicht enthalten sind Kleeblattfunktionen wie etwa die Staatskanzlei (645 Prozent), die Staatsanwaltschaft und zugewandte Orte wie staatsnahe Betriebe. Es ist ein Etat, mit dem es keine Regionalredaktion mehr aufnehmen könnte.

Der Aufwand ist entsprechend beträchtlich: Der Kanton unterhält zahlreiche Mitarbeiter-Publikationen, beantwortet eine steigende Anzahl von Medienanfragen und wird stetig präsenter in den sozialen Medien. Alleine fünfzig verschiedene Auftritte unterhielt der Staat 2017, wie eine interne Untersuchung ergab. Heute dürften es einige mehr sein, denn wars damals vor allem Facebook, interessiert sich der Kanton neuerdings stark für Instagram.

Neue Videos gingen noch nicht viral

Schon seit zehn Jahren unterhält Basel-Stadt einen eigenen Youtube-Kanal. Anfänglich noch mit einigen tausend Klicks, haben die jüngeren Produktionen einen schweren Stand: Professionell geführte Interviews mit Amtsleitern. Die Serie ist ein Teil der Kommunikationsstrategie während Corona, welche von Badetüchern bis zur Beflaggung der Mittleren Brücke reicht.

«Fragen gegen Corona» bietet Leuten wie Kantonsarzt Thomas Steffen oder Kulturchefin Katrin Grögel eine Plattform, um Fragen von Instagram-Usern zu beantworten. Viral gegangen ist das Konzept allerdings noch nicht, die Zugriffszahlen über sämtliche Social-Media-Plattformen bewegen sich ungefähr bei einem Zehntel der Gassenfeger von 2010.

Die neue Lust an Information und Analyse stellte der Kanton auch am Wahlsonntag unter Beweis: Sowohl Elisabeth Ackermann als auch Christoph Brutschin nahmen als zuständige Regierungsräte im Videointerview Stellung zu den Abstimmungsresultaten. Wem das nicht reichte, der fand auf der Seite des Amts für Wirtschaft und Arbeit ein Gespräch mit Hans-Peter Hadorn, Direktor der Schweizerischen Rheinhäfen. Er stand kritischen Fragen der Staatsjournalisten wie: «Gewinnt nun die Region Basel noch mehr an logistischer Bedeutung?» Rede und Antwort.

Neue Wege für Informationsauftrag

Regierungssprecher Marco Greiner erklärt das neue Vorgehen mit Veränderungen im Medienkonsum: «Es fand eine Verschiebung in die sozialen Medien statt, was vor allem bei der jungen Bevölkerung eklatant zu Tage tritt.» Die Leute würden sich heute weniger über klassische Medien informieren.

Weil der Staat aber über einen Informationsauftrag verfüge, brauche es neue Wege. «Grundsätzlich sind wir sehr zufrieden mit der Resonanz auf den sozialen Netzwerken, insbesondere auf Facebook, Twitter und Instagram», sagt Greiner. «Gerade die Coronakrise zeigt, dass der Community-Aufbau der letzten Jahre nachhaltig ist.»

«Das ist staatliche Propaganda»

Politiker äussern sich derweil kritischer. Eine Kurz-Umfrage in der SVP, der FDP und der SP ergibt ein einheitliches Bild: Es sei sehr wünschenswert, dass sich der Kanton aktiv auf sozialen Netzwerken zeige. Für FDP-Präsident Luca Urgese ist die Grenze dort erreicht, wo der Kanton selber zum Medienproduzenten wird. «Selbstgeführte Interviews ohne kritische Nachfragen und unter Ausschluss der privaten Medien sind keine Information mehr, sondern staatliche Propaganda.»

SP-Präsident Pascal Pfister sagt, unter Corona gelten spezielle Bedingungen. «Aber das darf nicht einreissen.» Eine Bevorzugung der eigenen Medienleute an einem Wahlsonntag sei nicht korrekt. SVP-Sekretär Joël Thüring stellt hingegen das Kosten-Nutzen-Verhältnis in Frage. «Diese Klickzahlen sind schlicht peinlich.» Urgese pflichtet ihm bei, es herrsche ein «Missverhältnis.» Er fragt: «Wie viele Steuerfranken pro Zuschauer sind das bei 100 Klicks?»

Derzeit evaluieren wir einen Ausbau.  

(Quelle: Marco Greiner, Regierungssprecher)

Die Ausgaben für Social Media in der Staatskanzlei haben sich in den letzten Jahren nicht verändert, entgegnet Greiner. «Eine Ausnahme bildet die Informationskampagne im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.» Darunter fallen etwa auch die Video-Interviews mit externer Moderatorin. Die Zeichen stehen aber klar auf Ausbau: Corona habe die Grenzen der Ressourcen aufgezeigt. «Deshalb wird aktuell evaluiert, ob Investitionen nötig sind.»