Herr Julliard, worüber reden wir?

Erik Julliard: Über Herzklopfen.

Am 21. Juli startet die Ausgabe 2017 des Basel Tattoo im Hof der Kaserne. Dass in diesem Moment Ihr Puls in die Höhe schnellen wird, ist wohl unbestritten ...

... ja, ich hoffe, das Herz bleibt mir nicht stehen.

So schlimm?

Nein. Das Basel Tattoo hat mittlerweile so viele Mitwirkende und Zuschauer, dass ich den Lauf der Dinge kaum beeinflussen kann. Aber es ist ein spezieller Moment, jedes Jahr aufs Neue. Innert weniger Sekunden prasselt eine Vielzahl an Emotionen auf mich ein: Anspannung etwa, oder Freude. Aber auch Erleichterung.

Eine gewisse Angst, dass etwas schiefgehen könnte, ist nicht da? Spüren Sie keinen Erfolgsdruck?

Angst habe ich nicht. Gewiss, der Puls schnellt in die Höhe, das ist normal: Wir haben ein Jahr lang auf diesen Moment hingearbeitet. Und den Druck mache ich mir höchstens selber. Aber das ist gut. Das treibt mich zu noch mehr Leistung an.

Wie die pure Hektik fühlt es sich hier in Ihrem Büro so kurz vor der Premiere nicht an.

Das ist die Routine. In diesem Jahr findet die zwölfte Ausgabe statt, vieles hat sich eingespielt. Ja, ich bin gelassener als früher. Wenn es schifft, dann schifft es halt. Und wenn es heiss ist, wird auch alles funktionieren. Es klappt immer, irgendwie.

Monatelang wird geplant, jetzt geht es kurz vor der Premiere ans Eingemachte. Was stehen gerade für Arbeiten an?

In diesen Tagen wird die Arena aufgebaut, da bin ich oft vor Ort. Dazwischen gibts administrative Sitzungen mit dem Team. Wir schleifen zurzeit noch an der Gästeliste und zügeln das Büro vom Geschäftssitz an der Glockengasse auf das Kasernenareal.

Packt der Chef auch an?

Natürlich. Ich mache alles. Vom Feinschliff des Flyers bis zur Kontrolle des Aufbaus und Kisten schleppen. Mein Arbeitstag hat derzeit zwischen 18 und 20 Stunden.

Das ist nicht ohne. Wie lassen Sie Ihren Feierabend ausklingen?

Der nächste Feierabend ist am 31. Juli nach der Derniere! Ich komme jeweils sehr spät abends heim und falle sofort ins Bett. Das sind lange Tage, aber nicht im negativen Sinne. Ich liebe diese Zeit, da steckt viel Herzblut, viel Leidenschaft drin.

Wofür schlägt Ihr Herz – neben Tattoo und Fasnacht – auch noch?

Das Trommeln an sich, losgelöst von beiden Events. Ich trommle immer noch sehr gerne, das entspannt mich. Diese Zeit nehme ich mir, auch wenn es hektisch ist.

Und woher kommt die Liebe zur Militärmusik?

Ich würde mich nicht als Liebhaber der Militärmusik bezeichnen.

Das Tattoo ist doch ein Militärmusik-Festival.

Wie definieren Sie denn Militärmusik?

Sagen Sie es mir.

Die Musik und die Formationen am Tattoo sind so vielfältig, man kann sie nicht in denselben Topf werfen. Klar, die Orchester, die hier auftreten, sind oftmals militärischen Ursprungs, und die Märsche zum Finale erinnern auch daran. Die Musik, die sie spielen, hat aber nicht mehr viel damit zu tun. Es hat Platz für alles, für Schlager, Balladen und Rock.

Welche Musik hören Sie privat?

Alles andere als Tattoo-Musik, die höre ich aufgrund meines Jobs schon genug. Mit dem Streamingdienst Spotify kann man heute ja alle erdenklichen Stilrichtungen jederzeit hören. Das finde ich grossartig.

Was denn am liebsten?

Ich mag Coldplay sehr, Diana Krall auch. Im Moment höre ich viel Ed Sheeran. In der Beiz habe ich nichts gegen Schlager. Und wenn ich Freunde zum Pastaessen bei mir zuhause einlade, suche ich auf Spotify eine «Spaghetti Evening»-Playlist aus. Die bringt dann alte Italiener-Schnulzen. Das kann ganz lustig sein! Von Film-Soundtracks bin ich auch sehr angetan. Am diesjährigen Tattoo wird ein Medley aus zwölf Liedern berühmter Filme gespielt, darauf freue ich mich besonders.

Weniger freuen dürften Sie sich auf den Umbau der Kaserne ab 2018, der vom Stimmvolk gutgeheissen wurde, wogegen Sie sich aber gewehrt haben.

Mittlerweile haben wir uns damit arrangiert. Müssen wir ja. Nun haben wir genug Zeit, um uns auf den Umbau vorzubereiten; erst das Festival im 2019 wird davon betroffen sein. Ausserdem: Wir haben uns nicht aktiv dagegen gewehrt.

Sie haben Ihre Haltung in Medienmitteilungen klar kommuniziert. Das war schon sehr aktiv.

Wir sind nie auf Stimmenfang gegangen. Das wäre aktiv aus meiner Sicht. Wir wollten Missstände aufzeigen, und was dies für das Festival bedeutet. Dass der Umbau eben doch Einfluss auf das Tattoo hat. Das wurde von der Regierung runtergespielt.

Sie gelten als erfolgsverwöhnt. In den vergangenen Jahren mussten Sie aber viel Kritik einstecken wegen Ihrer Haltung zum Umbau, Knatsch mit Anwohnern und abnehmenden Zuschauerzahlen. Wie gehen Sie damit um?

Ich bin Negativmeldungen aus der täglichen Arbeit gewohnt. Das gehört dazu, es gibt immer etwas zu meckern am Festival. Wenn die Kritik auf die Person zielt, habe ich indes Mühe. Ich dachte, ich könnte es damit abtun, dass die Leute neidisch sind. Aber so einfach ist es nicht. Man überlegt sich, was man besser machen könnte, versucht, noch selbstkritischer zu werden. So arbeiten wir permanent an der Entwicklung des Festivals, wo wir Platz einsparen oder wie wir Lärm einschränken könnten. Gewissen Anwohnern kann man es nie recht machen. Sie werden erst froh sein, wenn das Tattoo nicht mehr im Hof der Kaserne stattfindet.

Wäre es für Sie denkbar, dass es an einem anderen, weniger konfliktträchtigen Ort über die Bühne geht?

Sicher habe ich mir das schon überlegt, dieser Gedanke ist ein ständiger Begleiter. Aber formal wurde das nie besprochen. Die Kaserne ist perfekt für das Tattoo und umgekehrt. Würde der Fall eintreten, das Tattoo dort nicht mehr durchführen zu können, würde ich mir überlegen, das Festival zu beerdigen.

Noch ist das Festival sehr lebendig. Wie läuft der Vorverkauf?

80 Prozent der Billette sind weg, nicht schlecht, oder? Gewiss, es sind nicht mehr dieselben Zahlen wie früher. Deshalb nehmen wir Anpassungen vor, wohlgemerkt jedes Jahr, in beide Richtungen. Aktuell gibt es etwa weniger Nachmittagsvorstellungen. Im Eventbusiness muss man flexibel sein. Und nicht zu viel hinterfragen.