Sie sind halt einfach laut. Nicht nur wegen des Grossaufgebots – so viele sind auf dem Festland noch nie gemeinsam aufgetreten. Es ist ein wuchtiger Anblick, wie sie in ihren rot-, blau- und grün-karierten Uniformen über das Basler Kasernenareal defilieren. Aber sie sind nicht nur laut, sondern lassen mit ihren Dudelsäcken die Zuschauer von der ersten Minute an wissen, wo sie sich befinden: am zweitgrössten Tattoo der Welt. Und dieses feiert erst noch sein 10-Jahr-Jubiläum.

Schon zu Beginn erfahren die Zuschauer, was sich Produzent Erik Julliard dieses Jahr Neues ausgedacht hat. Während der ganzen Show werden immer wieder Bilder an die Frontfassade der Kaserne projiziert. Die Pipes and Drums sorgen zwar für einen Augenschmaus, doch die Korea Air Force Band legt nach. Die Band der Luftwaffe spielt zu einer Choreografie, die sie in einem sportlichen Tempo vorführt. Die Band kann nicht nur Blasmusik spielen. Anmutig schwebt eine Tänzerin in beigefarbenem Kleid auf den Platz, bewegt sich zu den Tönen eines Flötisten. Damen, die regenbogen-farbige Röcke tragen und sie zu Fächern emporheben schweben hinein, Musiker mit traditionellen asiatischen Trommeln führen ihre Kunst vor. Aber die grösste Überraschung bieten die Breakdancer, die zur Militärmusik ihre akrobatischen Einlagen präsentieren.

Kobolde auf Motorrädern

Wie verlorene Hühner rennen plötzlich Blechblasmusiker quer durch die Arena und verschwinden so schnell, wie sie aufgetaucht sind. Das Publikum lacht und fragt sich gleichzeitig: Was war das?

Herzhaft lachen können die knapp 8000 Zuschauer, als kleine Feuerwehr-Männer auf Miniatur-Motorrädern hineinrasen. Zwischen 6 und 16 Jahre alt sind die Imps –, was auf Deutsch so viel heisst wie Kobolde – aus Grossbritannien. Sie zeigen eine Formation, in der sie in unterschiedlichem Tempo durcheinander durch fahren. Die Grossen könnens auch rückwärts, sie fahren als Pyramide durch die Arena und als Höhepunkt traut sich einer sogar, über eine Rampe durch die Luft zu springen. Die Kleinen legen mit akrobatischen Höchstleistungen nach. Allerdings gibt es Situationen, in denen man beim Zuschauen zittert, ob der dritte Kobold, der mit seinen Beinen auf zwei Hinterrädern steht, nicht eher den Spagat können muss.

In Gedenken an die Schlachten

Passend zur 10-Jahr-Jubiläum-Ausgabe werden andere Jubiläen gefeiert. 700 Jahre Schlacht am Morgarten, 200 Jahre Schlacht bei Waterloo, 200 Jahre Beitritt der Eidgenossenschaft zum Wallis – wie es die Walliser gerne drehen–, 100 Jahre Erster Weltkrieg und 20 Jahre Schweizer Armeespiel. Den historischen Akt «doe den tap doe» übernehmen die Tambouren und Pfeifer der Sektion Rhone mit traditionellen Ordonnanztrommeln und Natwärischpfeifen. Sie gehören zu den bekanntesten Vertretern der Ahnenmusik. An die Fassade der Kaserne ist das Bild der Schlacht am Morgarten in schönster Auflösung zu bewundern.

Und dann haben die verlorenen Hühner wieder ihren paar-sekündigen Auftritt. Begleitet werden sie an der Fassade von einer rennenden Pferdeherde. Die Leute lachen – und fragen sich erneut: Was war das?

Nun schreitet James Bond im allseitsbekannten Pistolenlauf über die Kasernenfassade, die Creme de la Creme der britischen Militärmusik spielt «Goldfinger» und «For Your Eyes Only», die zwei War Horses, die von Puppenspielern aus Südafrika gespielt werden (bz berichtete) traben, galoppieren und bäumen sich auf zu den Rhythmen.

Mit «O sole mio» gehen sie heim

Erleichterung schwebt über den Platz. Denn nun wird das Geheimnis rund um die verlorenen Hühner gelüftet. Es sind die Bersaglieri aus Italien, die bekannt sind, ihre Instrumente im Laufschritt zu spielen. Einer der Trompetensolisten bleibt dann aber doch stehen und präsentiert ein raues Solo auf einem anderen Niveau. Mit «O sole mio» laufen sie davon – und kommen nicht wieder.

Wer denkt, lauter als der Auftritt der Massed Pipes and Drums zu Beginn – dieses Jahr kommen sie aus Schottland, Grossbritannien, Südafrika, Kanada, dem Oman, der Schweiz, Australien und Neuseeland –, könne es nicht mehr werden, der hat sich getäuscht. Der Blue Devils International Corps aus Kalifornien schafft es. Die knapp 100 Musiker bringen einen Hauch Las Vegas ins Kleinbasel. Trommeln, das Signalhorn, Perkussions- und Blechblas-Instrumente bringen die Arena zum Kochen. Akrobaten zeigen ihre Kunststücke, wirbeln Fächer durch die Luft, zeigen Paartanz und die Musiker üben sich in komplizierten Choreografien.

Zum neunten Mal sind die Neuseeländer am Basel Tattoo vertreten. Musikalisch sind sie top und Witz haben sie auch. Zum Radetzky-Marsch machen zwei Mitglieder Luft-Dressur-Reiten. Überhaupt haben sie sich die ausgefallenste Choreografie und unterschiedliche Musikstile einfallen lassen. Sogar eine Sängerin ist mitgeflogen, die «God defend New Zealand» zum Besten gibt.

Duell zwischen Basel und USA

Nicht fehlen darf das Top Secret Drum Corps. Gewohnt präzise und auf Perfektion aus zeigt es seine Darbietung und pfeift zwischendurch auf den Schlegeln Piccolo. Die Tambouren der Amerikaner fordern die Basler heraus. Sie starten einen harten Wettkampf, bis sie zu einander finden und zusammen atemberaubende Trommelwirbel schlagen. Nicht zu vergessen am diesjährigen Tattoo sind die Beiträge der Ailsa Craig Highland Dancers aus Schottland und den Celtic Stars Irish Dancers. Bei beiden Formationen denkt der Zuschauer, schneller geht es nicht. Und wird nach jedem Takt erneut überrascht.

Die zehnte Ausgabe des Basel Tattoo bietet noch einiges mehr. Aber vor allem schliesst es mit einem wie gewohnt überwältigenden Finale, an dem sämtliche Teilnehmer die Arena noch einmal betreten und sich mit sängerischer Unterstützung der Baslerin Nubya, Chloë Agnew aus Irland und Will Martin aus Neuseeland verabschieden.
Kommentar Seite 33

Pferde-Attrappen an den Proben für das Basel Tattoo 2015.

Pferde-Attrappen an den Proben für das Basel Tattoo 2015.