Wochenkommentar

Basel und das Stockholm-Syndrom oder wenn man zu viel Nähe abbekommt

Die «BaZ» schreibt deftige Schlagzeilen gegen den Baudirektor Hans-Peter Wessels.

Die «BaZ» schreibt deftige Schlagzeilen gegen den Baudirektor Hans-Peter Wessels.

Mittlerweile ist «Schwedenreisli» ein geflügeltes Wort in der Stadt Basel. Dass das mit den Tatsachen kaum etwas zu tun hat, ist einerlei. Der Schaden ist angerichtet und zwingt einem Rollen auf, die man gar nicht haben will.

Das Stockholm-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen: Opfer von Geiselnahmen neigen dazu, ein positives Verhältnis zu ihren Entführern aufzubauen. Mit der Zeit sympathisieren die Opfer mit den Tätern und arbeiten mit ihnen zusammen. Seit dieser Woche gibt es das Stockholm-Syndrom auch in Basel. Und das kam so: Am Dienstag berichtete die BaZ gross auf der Frontseite, dass Hans-Peter Wessels und die Geschäftsleitung des Bau- und Verkehrsdepartements (BVD) im Mai eine Reise nach Stockholm unternehme.

Nach Schweden fahre laut BaZ nicht nur das Kader, sondern auch dessen Partner, insgesamt 36 Personen. Als Beweis druckte die BaZ das Foto einer Namensliste ab. Einen Tag später klärt die bz: Es reisen 16 Personen nach Schweden, Partner sind nicht dabei. Zweck der Reise ist das Studium des Bahnprojekts «Citybanan», das dem Basler Herzstück stark ähnelt. Bei der Liste handelt es sich um die Einladungsliste zum letzten Weihnachtsessen. Die BaZ indes beharrt auf ihrer Darstellung.

BaZ-Anwalt Martin Wagner erklärt gegenüber dem Regionaljournal: «Unsere Quellenlage ist wasserdicht, unser Bericht ist wahr in allen Teilen.» Dass es bei der Liste um das Weihnachtsessen gehe, spiele keine Rolle. Die BaZ werde am Donnerstag «nachsetzen und weitere Informationen veröffentlichen.» Am Donnerstag dann keine Spur von neuen Informationen. Die bz bringt am gleichen Tag Bilder des Bauprojekts, das Wessels und seine Mitarbeiter besuchen wollen. Das U-Bahn-Projekt Citybanan ähnelt dem in Basel geplanten S-Bahn-Herzstück so frappant, dass man Wessels und seinen Leuten einen Vorwurf machen müsste, wenn sie sich das Projekt nicht anschauen würden.

Mittlerweile ist «Schwedenreisli» ein geflügeltes Wort in der Stadt. Dass das mit den Tatsachen kaum etwas zu tun hat, ist einerlei. Der Schaden ist angerichtet. Für die bz ist das doppelt unangenehm. Zum einen diktiert die BaZ uns ein Thema, zum anderen sehen wir uns in die Rolle der Verteidigerin des Baudepartements gedrängt. Beides behagt uns nicht. Doch Schweigen können wir auch nicht. Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

Es ist sehr einfach, mit wilden Anschuldigungen den Ruf eines Menschen (oder eines Departements) zu zerstören. Und sind die Anschuldigungen auch noch so falsch, es bleibt immer etwas hängen. Viele Menschen in der Stadt sehen nur die Kiosk-Plakate der Zeitungen. Beim Coiffeur war man sich deshalb einig: diese Beamten! Nach Stockholm! Und unsereins kommt kaum einmal über Pratteln hinaus! Es ist, als hätte eine Zeitung die ganze Stadt in Geiselhaft genommen und zwinge ihr ihre Sicht der Dinge auf.

Es ist nicht bekannt, ob eine ganze Stadt einem Stockholm-Syndrom erliegen kann. Sicher ist: Wir kämpfen dagegen. Wer schweigt, macht sich mitschuldig.

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