Geschlossene Grenzen

Basel und seine Grenzgeschichte: Corona zeigt, wie fragil das Gleichgewicht im Dreiland ist

Wer sich dem 3 Meter hohen Stacheldraht bis auf 20 Meter näherte, auf den wurde geschossen.

Wer sich dem 3 Meter hohen Stacheldraht bis auf 20 Meter näherte, auf den wurde geschossen.

Geschlossene Grenzen gab es in Basel schon vor der Coronakrise. Ein Ausflug in die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

In der Nacht stand er unter Strom. Am Anfang des Ersten Weltkriegs trennte ein 60 Kilometer langer Zaun eine neutrale Zone, die über Saint-Louis, Huningue und Hégenheim verlief, Basel vom Rest des Elsass. Nachts sind mehrere Menschen beim Versuch, ihn illegal zu überwinden, ums Leben gekommen, berichtet der Basler Historiker Robert Labhardt in einem Artikel über die Grenzregion. Sieben Durchgänge gab es. Wer sich dem drei Meter hohen Stacheldraht bis auf 20 Meter näherte, auf den wurde geschossen. Grund dafür war laut Labhardt offenbar die rege Spionagetätigkeit. Auf der deutschen Seite gab es ab 1914 ebenfalls eine 15 Kilometer breite Zone, die Südbaden von der Schweiz abtrennte.

Gut zwei Jahrzehnte später sollte es während des Zweiten Weltkriegs noch schlimmer kommen. 1940 waren die Grenzen sechs Monate komplett geschlossen. Die Schweiz wollte die Nazis draussen halten und errichtete ein militärisches Sperrgebiet. Sie hatten schon seit ihrer Machtergreifung 1933 alles daran gesetzt, um autark zu werden. Das vertrug sich nicht mit intensiven Kontakten nach Basel.

So frei und unkompliziert wie am Anfang des 20. Jahrhunderts sollte das Leben in der damaligen Grossstadt nie wieder werden. 140'000 Einwohner zählte sie schon 1914. Von den 50 000 Ausländern stammte mit 40'000 die grosse Mehrheit aus dem Deutschen Reich und dem Elsass, das damals Deutschland gehörte. Die Ausländer konnten sich ohne Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung in der Stadt niederlassen. Die Gemüsefrauen aus Village-Neuf kamen mit ihren Produkten ebenso ohne Probleme auf den Basler Markt wie die Dienstmädchen aus dem Badischen in die Stadt. Weil sich die meisten zu Fuss oder mit dem Velo fortbewegten, gab es im trinationalen Basel damals so viele Grenzübergänge wie niemals wieder.

Pässe hat das Deutsche Reich erst 1914 eingeführt. Die Eidgenössische Fremdenpolizei wurde 1917 gegründet. «Ein derartiges Ausmass der Freizügigkeit haben wir nie wieder erreicht in der Geschichte des Dreilands», analysiert Christian Haefliger, der langjährige ehemalige Geschäftsführer der Regio Basiliensis. Der elsässische Geograph Robert Woessner, emeritierter Professor der Universität Paris Sorbonne, bringt es auf den Punkt: «Das hängt wie ein Damoklesschwert über der Region. Das Gleichgewicht ist fragil und stets bedroht durch eine politische, wirtschaftliche oder sanitäre Katastrophe.» Wohin das führt, sehen wir gerade.

«Von wichtigen Ressourcen abgeschnitten»

Dabei muss der Schock für die Menschen in der Region am 1. August 1914, dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, gross gewesen sein. «Mit der Grenzschliessung fand sich Basel von einer Stunde auf die andere von wichtigen Ressourcen abgeschnitten», berichtete Labhardt an einem Vortrag an der Universität Freiburg. Die neutrale Schweiz igelte sich ein und die Militärbehörden übernahmen an den Grenzen das Kommando. Wie das anfangs geschah, war allerdings in Anbetracht der Materialschlachten und der Millionen Toten, die da kommen sollten, fast rührend. Der Stabschef für den Basler Grenzraum wies seine Soldaten an, die Grenze zum Elsass von Allschwil bis Rodersdorf durch roten Stoff, der an Bohnenstangen befestigt wurde, zu markieren.

Die bereits erwähnte neutrale Zone hatte für Basel durchaus positive Auswirkungen. Das deutsche Militär erkannte damit an, dass die Stadt für ihre Versorgung mit Gemüse und Arbeitskräften auf das benachbarte Elsass angewiesen war. Village-Neuf und seine Gemüsefrauen gehörten erst nicht zu der Zone. Es war das Verdienst des Basler Platzkommandos, dies zu ändern.

Zum Dank erhielt der verantwortliche Oberst einen Zentner Neudorfer Spargel geschenkt. Während die Elsässer aus der neutralen Zone zuerst mit einem Passierschein nach Basel durften, war es ab Ende 1915 möglich, sich frei Richtung Schweiz zu bewegen. Gegen Norden und Westen aber war der Grenzzaun vollständig abgesperrt. Auf der anderen Seite des Rheins hatte Lörrach Mühe, seine Milchversorgung aufrechtzuerhalten, weil sie nicht mehr wie vorher aus Riehen geliefert wurde. Die Grenzgängerströme verliefen vor dem Ausbruch des Kriegs in eine für heute ungewohnte Richtung. 5500 Schweizer arbeiteten allein in Baden. Dort hatten sich Schweizer Textilindustrielle niedergelassen, um ohne Zoll zu zahlen ihre Produkte zu verkaufen. Hintergrund war, dass das Grossherzogtum Baden 1835 dem Deutschen Zollverein beigetreten war. Auch im Elsass, ab 1871 deutsch, investierten Schweizer später.

Der Schock war im Dreiland gross, als die Grenzen von einer Stunde auf die nächste plötzlich geschlossen wurden.

Der Schock war im Dreiland gross, als die Grenzen von einer Stunde auf die nächste plötzlich geschlossen wurden.

Während des Krieges verschlechterte sich die Versorgungslage in Deutschland zunehmend. In Riehen und Basel waren Metzgereien und Bäckereien hingegen gefüllt, heisst es im Katalog zu einer Ausstellung über Grenzen vom Dreiländermuseum. Lörracher Arbeiter, die im Nachbarland tätig waren, forderten deshalb, die Verzollungsstunden am Zollamt Lörrach-Stetten zu verlängern, damit sie nach der Arbeit noch in der Schweiz einkaufen konnten. Nach Kriegsende 1918 wurden die Grenzen zögerlich wieder geöffnet. Einkaufstourismus wie wir ihn kennen, gab es auch damals schon. Aufgrund der horrenden deutschen Inflation, die ihren Höhepunkt 1923 erreichte, strömten sogenannte «Valutengänger» aus der Schweiz nach Lörrach, um dort mit ihrer starken Währung shoppen zu gehen oder einzukehren.

Das muss auch anfangs der 30er Jahre üblich gewesen sein. Die Basler Sozialdemokraten riefen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in einem Flugblatt «Ausflügler» dazu auf, umzukehren und angesichts des dortigen Unrecht-Regimes nicht die Grenzen zu überschreiten. Im Unterschied zum Basler Gewerbeverband, der viele Jahrzehnte später die Einkaufstouristen mit ökonomischem Heimatschutz vorm Gang ins Badische abhalten wollte, ging es der antifaschistischen Linken bei ihren Boykottaufrufen um Widerstand gegen den Faschismus.

War die neutrale Schweiz im Ersten Weltkrieg gespalten zwischen Anhängern der Deutschen und der Franzosen, einte der Widerstand gegen die Nazis fast das ganze Land. Besonders spürte man das in der Grenzstadt Basel mit «ihrer geografischen Nähe und geistigen Ferne zu NS-Deutschland», wie es im Werk «Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft» heisst. Die Grenzen seien geschlossener und dichter gewesen als im Ersten Weltkrieg.

«Eine Insel war die Schweiz aber nicht»

Patrick Moser, am Historischen Museum Basel Kurator für Zeitgeschichte, differenziert: «Eine Insel war die Schweiz dennoch nicht.» Moser verantwortet die Ausstellung «Grenzfälle – Basel 1933-1945», die aufgrund der Coronakrise von Mai auf voraussichtlich August verschoben wurde. «Wir wollen das Bild der undurchlässigen Grenze durchbrechen. Gerade in der Grenzstadt Basel haben sich immer wieder deutsche und schweizerische Wirtschaftsmagnaten getroffen», betont er.

Bis die Nazis 1940 Elsass-Lothringen annektierten, hatte die Region Basel das demokratische Frankreich zum Nachbarn. Der berüchtigte Gauleiter Robert Wagner sollte in der Folge 130'000 junge Elsass-Lothringer zum Militärdienst einziehen. Manche versuchten, sich durch Flucht zu entziehen. Im Elsass bekannt ist die tragische Geschichte der 19 jungen Männer von Ballersdorf, einen Sundgaudorf, die im Februar 1943 zwischen Lucelle und Oberlarg in die Schweiz flüchten wollten. Sie wurden erwischt, zum Tode verurteilt und im Konzentrationslager Struthof exekutiert. Andere wagten es versteckt in Kohlezügen über die Bahnlinie Strassburg – Saint-Louis – Basel. Jeanne, die 16-jährige Tochter der Familie Jenny, die bei Hagenthal ein Restaurant und Café betrieb, schaffte es, 605 Menschen in die Schweiz zu schmuggeln. Sie schleuste sie an einer unübersichtlichen Stelle über eine kleine Brücke in der Nähe des Restaurants über den Lertzbach, wenige Hundert Meter von Schönenbuch, wie ein Geschichtslehrer aus Saint-Louis berichtet, der Jeanne vor vielen Jahren mit seiner Klasse getroffen hat. Im September 1944 stand die Gestapo vor dem Haus, um sie zu verhaften. Sie konnte sich verstecken. Wenig später kamen die Amerikaner. Sie war gerettet.

In Südbaden gelang es etlichen Juden, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, in die Schweiz zu fliehen. 1942 wurde es dem SS- und Polizeichef Heinrich Himmler zu bunt und er lies von 500 jungen Männern des Reichsarbeitsdienstes einen 18 Kilometer langen, ein bis drei Meter hohen und acht Meter breiten Stacheldrahtverhau bauen. Er reichte von Weil am Rhein über Lörrach und Inzlingen bis Grenzach-Wyhlen. Nur die Eiserne Hand, eine 250 Meter breite fingerähnliche Landzunge, die von Riehen ins deutsche Gebiet ragte, war ausgelassen worden. Weil die Basler Behörden sich weigerten, dort einen Grenzzaun zu errichten, gelang manchen Menschen hier weiterhin die Flucht.

Am 24. April 1945 überquerten die Alliierten bei Basel den Rhein. Der offizielle Waffenstillstand für Europa folgte am 8. Mai. In Basel wurde das auf dem Marktplatz gefeiert. Einige Stunden nach Beginn gelang es mehreren Tausend spontan zusammen gekommenen Elsässern aus Saint-Louis, die Grenzwächter zu überrollen. Erst kurz vorher waren die Stacheldrahtrollen an der Grenze Lysbüchel weggeräumt worden. Als man am nächsten Tag wieder feiern wollte, hatten die Behörden sich organisiert und verhinderten das.

Dennoch war die Grenze zum nahen Elsass offener als die von Basel nach Südbaden. «Das Elsass war befreit, Lörrach aber besetztes Gebiet in einem besiegten Land», erklärt der Basler Historiker Georg Kreis. Die französische Besatzungsmacht zeichnete sich im nahen Deutschland durch ein strenges Regime aus. Erste Lockerungen im Kleinen Grenzverkehr gab es hier erst in den späten 40er-Jahren.

Richtung Elsass begann er schon Mitte Juni 1945 wieder. Am Anfang des Monats waren 20'000 Baslerinnen und Basler mit amtlicher Bewilligung zur Befreiungsfeier nach Saint-Louis geströmt. Auch die Neudörfer Gemüsebäuerinnnen durften ihren Ware wieder auf den Basler Markt bringen. «Daran hatte die Baselbieter Bauern, die während des Krieges von der Situation profitiert hatten, keine grosse Freude», erzählt Kreis.1947 fuhren auch die Trams wieder nach Saint-Louis und Huningue. Im gleichen Jahr wurde auch in Lörrach der Verkehr wieder aufgenommen, allerdings nur auf der deutschen Seite und nicht über die Grenzen.

Der Stacheldraht wurde erst 1951 abgerissen

Dort dauerte es bis zum Hebeltag am 11. Mai 1947, bis die Grenze für einen Tag geöffnet wurde und 18 000 Baslerinnen und Basler erstmals wieder deutsche Verwandte und Bekannte besuchen konnten. Während die Visumspflicht für Frankreich 1948 aufgehoben wurde, war dies für Deutsche, die in die Schweiz wollten, erst 1954 soweit, neun Jahre nach Ende des Kriegs. Mit dem Zug wieder nach Paris konnte man schon 1945 fahren, der Badische Bahnhof wurde drei Jahre später für den Verkehr nach Deutschland geöffnet.

Der Stacheldraht an der Eisernen Hand wurde erst 1951 abgerissen. Die Idee von getrennten Paaren, sich trotz Corona an den Grenzen zu sehen und vor allem zu spüren, ist nicht neu. Die Mundartdichterin Jenny Meister-Wagner traf sich 1947 «unter gutmütiger Nichtbeachtung der Grenzwächter» heimlich mit ihrem Verlobten an der Eisernen Hand – zitiert nach Lukrezia Seilers und Jean-Claude Wackers Buch «Fast täglich kamen Flüchtlinge». Theoretisch hätten die Besatzer in der Sperrzone sogar schiessen dürfen.

Vor der Coronakrise wurden die Grenzen um Basel zunehmend weniger wahrgenommen, gefühlt gab es sie kaum mehr. Haefliger sieht das so: «Bis vor wenigen Wochen bewegten sich die Schweizer im Dreiland wie EU-Bürger.» Heute haben wir wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg wieder Zäune an den Grenzen, wenn auch ohne Stromladung und Schiessbefehl.

Autor

Peter Schenk

Peter Schenk

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