Kleinhüninger Hafenareal

Basel verbaut seinen bedeutendsten Naturraum

Im Hafen lebt mehr, als man denkt. Daniel Küry (links, Gewässerschutzverband) und Jost Müller (WWF) kämpfen für seltene Arten.

Im Hafen lebt mehr, als man denkt. Daniel Küry (links, Gewässerschutzverband) und Jost Müller (WWF) kämpfen für seltene Arten.

Quizfrage: Welches Gebiet des Kantons Basel-Stadt ist für den Naturschutz am wichtigsten? Die Antwort ist ein unscheinbares Gebiet: das Kleinhüninger Hafenareal. Doch Hochhäuser verdrängen seltene Pflanzen und Tiere.

Es ist die einzige grosse Fläche des Kantons, die laut Naturinventar von nationaler Bedeutung ist: das Kleinhüninger Hafenareal. Den Hotspot bildet das Rangierareal der Deutschen Bahn. In den überwucherten Rheinböschungen und zwischen dem Gleisschotter haben viele seltene Wärme liebende Pflanzen- und Tierarten ein neues Zuhause gefunden, nachdem sie von den früheren, wilden Rhein-Auen vertrieben worden waren.

Besondere Bewohner

Als kleine Sensation gilt der Alexis-Bläuling: Dieser seltene Falter ist in der Schweiz nur noch in wenigen warmen Regionen im Wallis, im Genferseegebiet und im Churer Rheintal anzutreffen – sowie im Norden der drittgrössten Stadt der Schweiz.

Ein weiterer besonderer Bewohner ist die blauflüglige Ödlandschrecke. Diese Art aus der Familie der Feldheuschrecken ist braun – bis sie zum Abflug ansetzt und ihre blauen Hinterflügel ausbreitet. Weit fliegen kann dieses Tier nicht. Wird sein Lebensraum eingeschränkt, droht Inzucht.

Das karge Gebiet ist auch als Vernetzungskorridor bedeutend: Mauereidechsen nutzen den Hafen nicht nur als Lebensraum, sondern auch als Durchgangsort. Am vielfältigsten ist die Pflanzenwelt: 500 verschiedene Arten besiedeln das Hafengebiet.

Naturschützer fordern Ersatz

Doch das unscheinbare Naturparadies ist bedroht: Hier ist das Hochhausquartier «New Basel» geplant. Durch dieses «Manhattan am Rhein» wird zudem das Hafenbecken 2 erweitert. Es wird einen Teil des alten Rangierbahnhofs einnehmen.

«Das ist der einzige Ort, wo unser urbaner Kanton ökologisch Aussergewöhnliches bieten kann», sagt Daniel Küry, Präsident des Nordwestschweizer Gewässerschutzverbands. Gemeinsam mit WWF-Basel-Geschäftsführer Jost Müller lanciert er die Forderung nach Ersatzstandorten.

Hochhäuser statt Tankschiffe: So soll Basel Nord künftig aussehen.

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«Die Diskussion ist noch nicht in der heissen Phase. Wir möchten aber frühzeitig Position beziehen», erklärt Müller. Ihm ist bewusst, dass der Kampf schwierig wird: «Es handelt sich um ein Insiderproblem, das man schlecht verkaufen kann.» Für ein von Eisvögeln bewohntes Flussufer ist es einfacher, Sympathien zu gewinnen.

Als Vorbild für das weitere Vorgehen sehen die beiden Naturschützer die Erlenmatt: Hier liegen ebenfalls stillgelegte Rangiergleise, die einer Überbauung Platz gemacht haben. Der Boden des Bahnareals wurde teilweise schichtweise abgetragen und versetzt wieder angelegt. So bleiben etwa Pflanzensamen und seltene Schneckeneier erhalten.

«Es ist immer ein Kampf»

Dies erwartet WWF-Chef Müller auch für «Rheinhattan»: «Wir sind zuversichtlich, aber es ist immer ein Kampf.» Auf Fundamentalopposition wird der WWF diesmal jedoch nicht gehen: «Wir finden verdichtetes Bauen hier als Mittel gegen die Zersiedlung sehr sinnvoll.»

Gleichzeitig drängt Müller darauf, Varianten zu einer Erweiterung des Hafenbeckens zu prüfen. Dabei stützt er sich auf die nationale Trockenwiesenverordnung, welcher das Hafenareal untersteht: Vom Schutz darf nur abgewichen werden, wenn es sich um ein «unmittelbar standortgebundenes Vorhaben» handelt. Müller greift den alten Vorschlag auf, den Rhenus-Chef Peter Widmer Anfang April neu lanciert hat: Im Elsass soll ein trinationaler Hafen gebaut werden. Dies scheint derzeit aber kaum realistisch.

Unermüdlicher Einsatz

Die Stadtgärtnerei signalisiert Entgegenkommen: «Die Naturschutzanliegen werden frühzeitig in der Planung für die Entwicklung des Hafenareals berücksichtigt», kündet der stellvertretende Leiter Urs Leugger an. Und Thomas Waltert, Gesamtkoordinator Basel Nord, ergänzt, dass immer trinational geplant werde: «Das ist etwa für ökologische Vernetzungskorridore bedeutend.»

Das zeigt: Im Gegensatz zu früher geniesst der Naturschutz bei Bauvorhaben heute einen hohen Stellenwert. Soweit sei es aber nur dank unermüdlichem Einsatz gekommen, sagt WWF-Geschäftsführer Müller. «Er ist weiterhin nötig.»

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