Wer hätte das gedacht! Zwei Räder mit Rahmen, Lenker und Sattel spalten die Basler Gesellschaft, wie es früher höchstens Bäume oder Atomkraftwerke schafften. Das Fahrrad ist vom einfachen Fortbewegungsmittel zum Symbol für die gesunde Post-Benzin-Welt geworden. Wobei diese Ideologie längst nicht alle Velofahrer teilen. Und längst nicht alle Nicht-Velofahrer predigen das Gegenteil. Aber diejenigen, die das Velo anbeten oder verteufeln, sind im Gegensatz zum grossen Rest laut.

Ihretwegen befindet sich Basel in einer Sackgasse. Egal, was in Sachen Velo getan oder nicht getan wird – recht machen können es die Verantwortlichen niemandem mehr. Für die einen ist jeder Velostreifen zu viel, für die anderen wäre selbst der gescheiterte Veloring zu wenig gewesen. Und trotzdem äussert die Regierung ihr Ziel offen: Basel soll velofreundlichste Stadt der Schweiz werden. Dafür wurde neulich ein eigener Masterplan erstellt.

Ein Sorgenbarometer ohne Velos

Die Regierung muss sich sputen, wenn sie dieses Ziel bald erreichen will. Bereits diesen Herbst beginnen die nächsten Umfragen für den «Prix Velo» der Organisation Pro Velo. Wenn die Stimmung in der Basler Bevölkerung nicht entspannter wird, hat die jetzige Nummer 1 der Städte mit über 100'000 Einwohnern, Winterthur, gute Chancen, ihren Rang zu verteidigen: Die Abfallentsorgung und defekte Strassenlampen bereiten den Winterthurern mehr Sorgen als Velorowdys, gefährliche Kreuzungen und Mangel an Abstellplätzen. Dies haben erste Erfahrungen mit einem Beschwerde-System für Einwohner Anfang dieser Woche ergeben.

Das Velo erntet in Winterthur gar Bewunderung. In diesen Tagen geht eine Ausstellung zu 200 Jahren Velo zu Ende, die landesweit für Aufsehen gesorgt hat. Die «Museumsstadt Basel» machte nichts zum Jubiläum. Lörrach hingegen schon.

Veloverleih noch in weiter Ferne

Im Ranking aller Städte, also kleiner, mittlerer und grosser, belegt Winterthur Platz 3. Basel schafft es im gesamtschweizerischen Vergleich auf Platz 14. Nur bei den Grossstädten liegt Basel auf Rang 2 – hinter Winterthur und vor Bern. Doch auch Bern will die Bronzemedaille nächstes Jahr, wenn Pro Velo die neuen Resultate verkündet, gegen Gold eintauschen.

Dafür liess sich die Stadt etwas einfallen: Die Regierung wird im Frühling das grösste Veloverleihsystem der Schweiz aufbauen. Es werden bis zu 2400 Velos an 100 Orten in der ganzen Stadt zur Verfügung stehen. Mit sieben Stationen ist die Firma Publi-Bike jetzt schon vor Ort.

Auch Basel kennt deren Angebot – allerdings nur mit einer kleinen Station am Bahnhof ohne die Möglichkeit, E-Bikes auszuleihen. Mehr ist in Basel nicht geplant. Sowieso tut sich die Stadt schwer mit Veloverleihstationen: Vor gut zwei Jahren lehnte die Regierung ein Veloverleih-Netz ab, im letzten Herbst schwenkte sie dann um und beschloss, doch ein öffentliches Veloverleihsystem auszuschreiben.

Eilig hat sie es aber nicht. Nicole Stocker vom Bau- und Verkehrsdepartement sagt, was ihr Kollege bereits vor einem halben Jahr gesagt hatte: Man beobachte zuerst die Umsetzung der Projekte in Bern und in Zürich. «Da es im Zusammenhang mit den Vergaben rechtliche Verfahren gab, warten wir, bis diese abschliessend von den zuständigen Gerichten behandelt worden sind, bevor wir die Ausschreibung in Angriff nehmen», so Stocker. Ein Regierungsratsbeschluss verlange das, um ähnliche Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden.

Parkplatzmangel grösstes Problem

Bettina Maeschli von Pro Velo bedauert, dass sich Basel vorerst auf das Verleihangebot im Veloparking und den neuen E-Cargovelo-Verleih beschränken will. «Das Potenzial bei der Kombination von öffentlichem Verkehr und Velos ist längst nicht ausgeschöpft», sagt sie. Selbst Menschen, die ein eigenes Velo besässen, seien in einer anderen Stadt froh, wenn sie einen Termin mit einem geliehenen Velo wahrnehmen könnten. Von Touristen gar nicht zu sprechen. Paris etwa sei da mit seinen Bikesharing-Stationen weit voraus.

Auch Zürich kennt das System, allerdings nicht nur auf angenehme Art: Das Start-up oBike aus Singapur hat neulich überall in der Stadt Leihvelos parkiert und damit Zürcher verärgert, weil diese seither kaum mehr Abstellplätze finden. In Basel wäre die Situation mindestens so dramatisch, denn bei der letzten Pro Velo-Umfrage schnitt Basel bei den Veloabstellplätzen sehr schlecht ab. Die Parkfelder in den Veloparkings werden bald erweitert, ebenso werden Velostreifen an gefährlichen Stellen rot gestrichen und Ampeln für Velos installiert. Ob das für die Goldmedaille reicht, zeigt sich 2018, wenn Pro Velo den Sieger bekannt gibt.