Erstaunlich: Wer sich im Archiv des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zum Thema «verkehrsfreie Innenstadt» informieren will, findet als erste Erwähnung des Konzepts einen Artikel aus dem Jahr 1985 über die Stadt Basel. Der «Spiegel» schreibt: «In Basel gibt es das längste Radwegnetz des Landes und», jetzt kommts: «eine fast verkehrsfreie Innenstadt.» Das war vor fast 30 Jahren und bei dem «fast» ist es bis heute geblieben.

1985 war der «Spiegel» des Lobes voll: «Vom öffentlichen Verkehr wird nicht nur geredet: Um den Wald zu retten, fahren die Basler neuerdings – weit über die Stadtgrenzen hinaus – spottbillig Tram und Bus mit einem Umwelt-Abo für 35 Franken pro Monat.» Ein Jahr später ist wieder von Basel und der «fast verkehrsfreien» Innenstadt die Rede. Der «Spiegel» schwärmt vom längsten Radnetzweg der Schweiz und schreibt: «Hier wurde das Umwelt-Abo für Tram und Bus erfunden, das mittlerweile auch bundesdeutsche Verkehrsbetriebe anbieten.»

30 Jahre später ist Basel nicht viel weiter. Das «Umwelt-Abo», das die Deutschen kopiert haben, kostet mit 73 Franken jetzt mehr als das Doppelte, die Radwege sind in etwa dieselben – und die Innenstadt ist immer noch «fast verkehrsfrei». Auch zaghafte Versuche, daran zu rütteln, haben in den letzten Monaten epische Debatten ausgelöst. Die Idee, das Abfallwesen zu erneuern und die Bebbisäcke statt zweimal die Woche abzuholen, über Unterflurcontainer zu entsorgen, wird kritisiert, bevor sie ausgegoren ist.

Dem Spital wird das Recht auf ein in die Höhe gebautes Bettenhaus abgesprochen, eine ökologische Siedlung am Stadtrand von Grünen zerpflückt und eine neue Tramlinie von Bürgerlichen abgeschossen. Was ist los mit Basel, einer Stadt, die einst (laut «Spiegel») in Sachen Ökologie eine Vorzeigestadt war, ein Trend-Ort, eine Brutstätte für neue Ideen?

Baudirektor Hans-Peter Wessels macht im Gespräch einen Erklärungsversuch: «Basel ist einerseits sehr dynamisch und löst gerade deshalb andererseits ein Bedürfnis nach Stabilität und Heimatgefühl aus.» Tatsächlich wird derzeit in Basel so viel gebaut wie selten. Ich denke da weniger an die Strassenbaustellen, sondern eher seitens Kanton ans Biozentrum und den Kunstmuseum-Anbau und seitens Wirtschaft an den Roche-Turm, den Eckbau von Herzog de Meuron im Novartis-Campus und das Neubauvorhaben von Bâloise beim Bahnhof.

Trotz der Bauerei – wer auf einen der Hügel rund um Basel klettert, dem präsentiert sich nach wie vor ein überschaubares Städtchen. Verglichen mit Boomtown Zürich hat sich Basel in den letzten Jahrzehnten kaum verändert, verglichen mit richtigen Cities wie Paris oder London schon gar nicht. Woher also kommt diese Angst vor Veränderung?

Vielleicht ist es das Auseinanderklaffen von Selbstbild und Selbstgefühl, das Basel zu schaffen macht. Das Selbstbild von Basel ist das einer grossen Stadt, einer City auf Augenhöhe mit Boston und Shanghai. Mindestens. Das Selbstgefühl hingegen entspricht dem eines kleinen Städtchens mit der Toleranzbreite von Frauenfeld oder Aarau. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Dieser Ambivalenz Basels zwischen City und Städtchen entspricht der FC Basel: Auch der Fussballclub pendelt zwischen europäischem Top-Club und Schweizer Provinzkicker. Interessanterweise kommt es dabei auch auf den Gegner an: Gegen Chelsea oder Salzburg top, gegen Thun oder St. Gallen flop. Dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt, hat der FCB diese Woche gegen Valencia schmerzhaft erfahren.

Wo aber liegt die Wahrheit für Basel? Wer das Archiv des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zum Thema «Basel» absucht, stösst auf Artikel über die Eigenkapitalbestimmungen für Banken, die, weil die BIZ in Basel ist, derzeit «Basel III» heissen, auf Artikel über die europäischen Ausflüge des FCB und auf das Theater Basel. Von der Stadt selbst ist nie die Rede. Es ist Zeit, das wieder zu ändern.