Die dichte, grüne Nordmanntanne wiegt schwer in Noëmi Rutishausers Armen. Mit leicht zurückgelehnter Haltung schleppt sie den Baum zum Kassenhäuschen und schiebt ihn in ein rotes Gestell, das aussieht wie ein überdimensionaler Milchtrichter, mit dem der Älpler abends den Segen von der Alp ruft.

Sie zieht die Tanne durch die schmale Öffnung, ein feines Netz umwickelt sie. Es ist 9.45 Uhr am Aeschenplatz. Rutishauser hat gerade ihren zweiten Baum an diesem Morgen verkauft.

Lieber Blumenstrauss als Baum

1200 Tannen hat die Basler Baumkönigin aus Dänemark importiert. 19,2 Tonnen Baum, die sie am Aeschenplatz, im Gellert und in der Rheingasse feilbietet. Jedes Exemplar schmückt sie mit einem gelben Preisschild. Mehr Christbaumdekoration kommt ihr nicht in die kräftigen und von zwei Pflastern verklebten Hände.

«Am 24. Dezember kann ich keine Bäume mehr sehen», sagt Rutishauser. Sie freut sich stattdessen auf den Blumenstrauss, den ihr ihre drei Mitarbeiter jedes Jahr schenken. Und auf die Maniküre am 27. Dezember. Im Beauty-Salon fragt man sie jeweils, ob sie auf dem Bau arbeite.

Rutishauser, die sich stillsitzend die Nägel lackieren lässt – diese Vorstellung fällt schwer, wenn man sieht, mit wie viel Elan und Leidenschaft sie Weihnachtsbäume verkauft. Die 39-Jährige sprüht vor Energie. Wenn sie spricht, sprechen die Hände mit, und auch wenn sie zuhört, rastet sie nicht. Ihr Lachen ist rauchig und ansteckend.

Ebenso schwer fällt es, zu verstehen, dass sie das Baumgeschäft nur betreibt, weil ihr nichts anderes übrig bleibt. Spätestens mit 50 will sie aufhören. «Dann gehe ich im Dezember in Anti-Aging-Kur, anstatt Bäume zu verkaufen.» Rutishauser begutachtet ihre Hände. Sie ist Baumkönigin wider Willen. Das Problem: Rutishauser hat einen Traum, der buchhalterisch nicht aufgeht. Im Sommer arbeiten, im Winter verreisen.

Liesse er sich verwirklichen, überliesse sie den Baumverkauf, den sie vor drei Jahren von ihrem Vater übernahm, ihren Mitarbeitern. Aber die Einnahmen, die sie mit der Vermietung ihrer Villa an der Südküste Portugals erzielt, reichen nicht, um im Winter die Welt zu bereisen.

Also arbeitet sie das Jahr durch und geniesst stattdessen die Vorzüge ihrer Wahlheimat. Den Meerblick von ihrem Haus. Die schönen Strände. Die entspannte und freundliche Art der Portugiesen. Cristiano Ronaldos Auftritte im Nationalteam.

Rutishauser ist, seit sie 22 Jahre alt war, Besitzerin einer Villa, zweier Häuschen und von 4500 Quadratmeter Land im Dorf Alfontes, zehn Autofahrminuten vom Atlantik, umgeben von Mandel-, Orangen- und Zitronenplantagen.

Und Johannisbrotbäumen, dem Exportschlager der Algarve. So traumhaft das klingt, so tragisch ist die Geschichte dahinter. Als sie 20 war, ertrank ihre Mutter im Rhein. Vier Monate später starb ihr Stiefvater.

Als sie 22 war, erlag die Schwester dem Krebs. Der Verlust ihrer Liebsten prägte Rutishauser. Sie wollte ihr Leben fortan nicht mehr im allmonatlichen Trott aus Geldverdienen und Rechnungsbegleichung verleben.

Porzellan-WC zerstört

Mit 32 kündigte die ehemalige Reiseverkäuferin ihren Job und zog nach Alfontes. Dort vermietet sie die Villa Stofero. Der Name ist eine Hommage an ihren Stiefvater Christof, der ihr das Anwesen vermacht hat. Drei Schlafzimmer, Pool, Sauna, Garten, zu haben für 1300 bis 1900 Franken die Woche, je nach Saison.

Das Anwesen hält sie selber in Schuss. Einmal im Monat kommt der Gärtner für die groben Arbeiten. Seit neustem hat sie eine Putzfrau. Auch die Casa Rosa vermietet sie an Touristen. Im dritten Häuschen, dazwischen, wohnt sie selber.

Die Gäste kommen vornehmlich aus dem deutschsprachigen Raum. Wenn sie nächtelang Partys feiern, stört Rutishauser das nicht – dann greift sie zu Ohrenstöpseln. «Ich finde es cool, wenn die Gäste sich entspannen und Spass haben.»

Bisher hatte sie stets Glück mit ihren Gästen. Nur einmal, im allerersten Jahr, habe es eine übergewichtige portugiesische Familie geschafft, das Porzellan-WC zu zerstören. Man einigte sich gütlich, die Kosten hälftig zu übernehmen.

Rutishauser gibt ihren Gästen Ausflugstipps, erledigt auf Wunsch und gegen ein kleines Entgelt auch den Einkauf. Sie macht Ferienträume wahr – und wäre so gerne selber unterwegs. Südamerika hat es ihr angetan.

Nach Argentinien will sie wegen des Weins, nach Brasilien und Kolumbien, weil es ihr dort beim ersten Mal so gefallen hat. Auch Indien und die Südsee reizen sie. Am liebsten würde sie zwei Jahre lang aus dem Rucksack leben.

Danach zurück nach Alfontes, ein Tierheim eröffnen und Freunde in die Villa einladen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie letzte Woche Lotto gespielt.

Rutishauser zündet eine Zigarette an und bläst den Rauch in die kalte Luft am Aeschenplatz. Momentan warten noch ein paar hundert Tannen auf Käufer. Die nächsten Interessenten sind da, Rutishauser gibt ihnen Tipps zur Baumpflege.

Den Baumstamm nicht zuspitzen, der nimmt über die Rinde Wasser auf. Was zu tun sei, wenn die Äste steil nach oben ragten, fragt sie ein älterer Herr. Rutishauser antwortet: «Eine Kollegin hängt immer Bierflaschen an die Äste, bis sie runterkommen.» Und lacht ihr rauchiges, ansteckendes Lachen.