Montreux, St. Gallen, Gurten. Wobei, so weit müssen wir nicht gehen: Lörrach! Und Basel? Ist nicht dabei.

Die drittgrösste Schweizer Stadt schafft es auch diesen Sommer nicht in die ersten Ränge der grössten Open-Air-Festivals. Zumindest nicht als Stadt; in der Region sieht es besser aus.«Das ‹Stimmen›-Festival ist eines der grössten Kultur-Festivals der Nordwestschweiz» – mit diesen Worten wirbt das Festival für sich selber. Zur Erinnerung: Das Open Air spielt mehrheitlich auf Lörracher und somit auf deutschem Boden.

«Stimmen» ohne Pläne für Basel

Auch die «Stimmen»-Ableger in der Nordwestschweiz sucht man vergeblich in der Stadt Basel, man findet sie jedoch in Riehen und Augusta Raurica. Basel selber bleibt auf der Strecke. Das war nicht immer so.

Vor exakt zehn Jahren spielte Herbert Grönemeyer im Rahmen von «Stimmen» im St. Jakob-Park. Bis heute gäbe es «immer wieder Gespräche über Möglichkeiten der Kooperation», sagt Sven P. Jakobson vom Festival. Auch mit Philippe Bischof, dem Basler Leiter der Abteilung Kultur, habe es immer wieder gute Gespräche gegeben, sagt er weiter – und lobt die «produktive Zusammenarbeit» mit der Gemeinde Riehen.

Auf die Frage nach konkreten Plänen antwortet Jakobson allerdings: «Es gibt zurzeit keine konkreten Pläne – und es zeichnet sich nichts ab.» Ein Drama stellt das nicht dar, da Basel punkto Pop-Festivals ja nicht brachliegt: Mit dem 15-jährigen und jeweils zweieinhalb Wochen dauernden Kulturfloss etwa (siehe Interview), dem zweijährlich stattfindenden Jugendkulturfestival, dem Imagine-Festival und dem Open Air Basel bei der Kaserne (ehemals Viva con Agua), hat Basel einiges zu bieten. Bloss vergleichsweise von kürzerer Dauer und in kleinerem Rahmen.

Das soll sich ändern. Die Macher des Open Air Basel haben vor, in die erste Liga der Schweizer Open Airs aufzusteigen, sagt Leiter Sandro Bernasconi, der auch für die Musik in der Kaserne verantwortlich und Co-Präsident des Vereins «Kultur & Gastronomie» ist. «Wir wollen gesund wachsen und gute Acts nach Basel holen.»

Was bescheiden klingt, soll der Weg zu einem ambitionierten Ziel sein: «Aus dem Open Air Basel soll ein Musik-Anlass mit internationaler Ausstrahlung werden.» Die britische Sängerin PJ Harvey steht auf Bernasconis Wunschliste, genauso wie die französische Band Phoenix. Noch ist es aber nicht so weit.

Mehr Musik bedeutet mehr «Lärm»

Welche Acts im kommenden August auftreten werden, geben die Veranstalter am heutigen Dienstag bekannt. Auch wenn PJ Harvey noch nicht dabei sein wird – bereits jetzt reise etwa ein Drittel der 3000 Besucher aus anderen Kantonen an.

Doch trotz aller Zuversicht gilt es, noch einige Hürden zu überwinden. So würde Bernasconi das zweitägige Festival gerne ausweiten. Er weiss aber, dass es sich dabei um einen frommen Wunsch handeln könnte.

Das Basel Tattoo, das ebenfalls auf der Kaserne stattfindet, hat seit Jahren mit Anwohnerproblemen zu kämpfen. Zwar dauert das Festival wesentlich länger als das Open Air Basel, ist jedoch inzwischen fest verankert im Basler Veranstaltungskalender und daher nicht mehr wegzudenken.

Mehr Musik würde für die Anwohner aber mehr «Lärm» bedeuten. Wobei das Tattoo als Militärmusik-Festival allenfalls gerade deswegen stört – oder umgekehrt Pop stört.

Für die bevorstehende Debatte über die Nutzungspläne spielt die Art einer Veranstaltung jedoch keine Rolle. Elias Schäfer, FDP-Grossrat und Vertreter des Komitees «Kulturstadt jetzt», hatte sich mit seinen Mitstreitern im Parlament dafür eingesetzt, dass die Nutzungspläne einzig und allein die Anzahl Veranstaltungen und die Intensität eines Platzes regeln sollen, nicht aber, ob es sich um ein Pop-Konzert oder ein Theaterstück handeln soll.

Nutzungspläne ziehen sich hin

Die Verantwortlichen bei der Allmendverwaltung sind dabei, eine Vorlage auszuarbeiten. Bis Ende Jahr soll diese der Regierung übergeben werden. Viele Veranstalter sorgen sich, die Pläne könnten die Situation verschärfen. Elias Schäfer beruhigt: «Wir werden uns für liberale Lösungen einsetzen.»

Ob diese Lösungen, so liberal sie auch ausfallen werden, in Basel aber jemals ein Stadt-Festival wie «Stimmen» in Lörrach möglich machen werden, scheint derzeit eher undenkbar zu sein. Niklaus Hofmann, Leiter der Allmendverwaltung, kann jedenfalls keinen Ort unter freiem Himmel in Basel nennen, an dem ein dreiwöchiges Musik-Festival dieser Art «einfach so» möglich wäre.

Er sagt: «Das Problem bei solchen Festivals ist, dass der öffentliche Raum der Bevölkerung sehr lange entzogen wird und möglicherweise andere Nutzungen oder Veranstaltungen verdrängt werden.» Es müsste auch nicht alles «mitten in der Stadt» stattfinden, sagt Hofmann weiter.

Das «Stimmen» geht mitten in der Stadt über die Bühne – zweieinhalb Wochen am Stück. Seit Jahren wurde keine Lärmklage mehr eingereicht.

Podiumsdiskussion «Kultur & Gastronomie in Basel»: Mittwoch, 9. April, 19 Uhr, Markthalle Basel. Freier Eintritt.

Interview Flosskapitän: Expats sollen grosses Festival gründen

Vor genau zehn Jahren entschied das Bundesgericht zugunsten des Festivals «Im Fluss» am Kleinbasler Rheinufer. Gründer und Leiter Tino Krattiger bringt im August jeweils 50 000 Zuschauer an den Rhein. Dennoch glaubt er nicht, dass es Basel schafft, ein grösseres Festival im Stil von «Stimmen» auf die Beine zu stellen. Ausser, Expats werden aktiv.

Herr Krattiger, warum sind Sie auch 15 Jahre nach der Floss-Gründung noch der einzige ausser dem «Stimmen»-Festival mit einem Open Air in der Region, das mehrere Wochen dauert?

Weil Basel nicht mutig ist. Und auch nicht innovativ.

Was heisst das genau?

Schauen wir nach Lörrach: Vor 21 Jahren gab die Stadt dem damaligen «Stimmen»-Leiter Helmut Bürgel den Auftrag, ein bedeutendes Open-Air-Festival mit internationaler Ausstrahlung zu entwickeln. Die Stadt hat ihm den Rücken frei gehalten und ihn unterstützt. Es war Bürgels Aufgabe, sich mit den Anwohnern zu einigen und alles aufzugleisen. Im Gegensatz zu «Im Fluss» musste er aber nie vor Gericht. Der Kampf für das Festival fand nie statt, im Gegenteil: Die Stadt Lörrach freute sich über den Erfolg.

Basel freut sich auch über den Erfolg des Flosses.

Jetzt schon, doch zuerst mussten wir vor Bundesgericht. Innovation vonseiten der Stadt bleibt meist aus. Jedenfalls, was Kultur im öffentlichen Raum betrifft. Bei Museen ist es anders.

Basel will Kultur nur in geschlossenen Räumen?

Es ist eher so: Bei allem, was man besitzen kann, ist Basel stark. Wenn unberechenbare Faktoren im Spiel sind, ist die Stärke plötzlich weg.

Was muss sich ändern?

Es braucht einen Mentalitätsschub - und der hat bereits eingesetzt. Ich sehe bei ehemaligen Expats grosses Potenzial. Ich kenne einige, die damals wegen des kulturellen Lebens auf die Erlenmatt gezogen sind. Zwar ist es noch still um die Expats, doch sie fangen an, Boden zu kaufen und mitzureden.

In 10 Jahren gibt es dank Expats eine Art «Stimmen» in Basel?

Das wäre schön, ja.