Leben und arbeiten

Basels neues Kunstkraftwerk

Im Gemeinschaftsraum der Genossenschaft Amerbach Studios wird das heutige Eröffnungsfest vorbereitet.

Im Gemeinschaftsraum der Genossenschaft Amerbach Studios wird das heutige Eröffnungsfest vorbereitet.

Die Amerbach Studios öffnen am Freitag die Türen für das Publikum. Ein Stück Basler Kulturgeschichte kann dort besucht werden.

Donnerstag, 9 Uhr an der Amerbachstrasse 55a in Basel. Andrea Saemann, Chris Regn und Nicole Boillat sitzen am grossen Küchentisch im Gemeinschaftsraum. Vor den Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite wird an einem der Arbeitsplätze ein Computer angeworfen. Fränzi Madörin raucht draussen auf der Rampe eine Zigarette. Sus Zwick kommt über den Innenhof vom Wohnhaus gegenüber. Chris Hunter winkt aus dem dritten Stock. Es ist Morgen in den Amerbach Studios. Die Künstlerinnen und Künstler machen sich bereit für den Freitag, für das Eröffnungsfest.

Hier, mitten im Matthäusquartier, wird ein Stück Basler Kulturgeschichte weitergeschrieben. Sie begann 1988, als Kunststudentinnen und -studenten der Basler Videofachklasse die Audiovideogenossenschaft VIA gründeten. Damals war ein Videoschnittplatz derart teuer, dass die Anschaffung nur gemeinsam gestemmt werden konnte.

Punk und Frauenbewegung unterspülten in den Achtzigerjahren den etablierten Kunstbegriff und die verkrusteten Geschlechterrollen. Mitglieder der Performance-Frauenband Les Reines Prochaines haben VIA von Beginn weg geprägt: Muda Mathis, Sus Zwick und Fränzi Madörin beispielsweise. Andere wie Thomas Kneuenbühler, Christoph Oertli, Gabi Streiff, Michèle Fuchs, Barbara Naegelin, Iris Ganz oder die eingangs genannten Frauen am Küchentisch kamen mit der Zeit dazu.

Die illustre Gemeinschaft ist seit ihrer Gründung zu einer wichtigen Anlaufstelle für unzählige Künstler geworden. Das mittlerweile zum Verein mutierte Kollektiv unterhält seit bald 30 Jahren technische Infrastruktur für Projekte in den Bereichen Performance, Video und Audio. Offenheit, Kooperation und Teilhabe werden in der Zusammenarbeit grossgeschrieben. Und auch das Weiterziehen von Ort zu Ort blieb eine Konstante. Fünf Ortswechsel hat das Studio bereits hinter sich. Nun sind aus den umherziehenden Mieterinnen sesshafte Besitzerinnen geworden.

Endlich ein festes Zuhause

2012 konnte VIA die Räumlichkeiten einer ehemaligen Druckerei an der Amerbachstrasse mieten. Eine Genossenschaft wurde gegründet und die Druckerei samt gegenüberliegendem Wohnhaus und Kellergeschossen gekauft. Das Grundstück hat die Edith Maryon Stiftung erstanden und der Genossenschaft im Baurecht abgetreten. Die Mitglieder haben für den Gebäudekauf Geld eingeschossen.

Nach einjähriger Aufwärmphase ist es heute Abend soweit: Die Amerbach Studios laden zum Fest, und das zu recht. Die Kombination aus Büro-, Produktions- und Veranstaltungsräumen, samt Film- und Tonstudio, fünf Wohnungen, Ateliers und Gastatelier, Videoarchiv, grosszügigen Lagerräumen, temporärem Projektraum und Freiluftgalerie im Durchgang zum Innenhof ist ein Gewinn für Basel.

Rund 20 Künstlerinnen und Künstler arbeiten hier regelmässig. Ebensoviele nutzen die Studios temporär. Wohnen, arbeiten, gemeinsam Essen, Yoga- und Tai-Chi-Stunde, Planen und Veranstalten gehen hier nahtlos ineinander über. Hier wird Kunst zum Lebensentwurf und zum Experimentierfeld für neue Wohn- und Arbeitsformen. Die Gründerinnen sind ihrer Herkunft treu geblieben.

Eröffnung Amerbach Studios: Freitag, 31. März. 18 bis 20 Uhr Hausbegehungen. 20 Uhr. Einweihungsakt.

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