Alles begann am 2. März 1963 mit einem scheinbar harmlosen Treffen im Basler «Drei Könige». In den Fauteuils der noblen Hotelhalle führten drei Männer und eine Frau ein unauffälliges Gespräch – doch ging es um nichts Geringeres als die nukleare Vernichtung Israels durch Ägypten mit deutscher Hilfe.

Die Gesichter der 25-jährigen Anwältin Heidi Goercke und ihres 21-jährigen Bruders Rainer aus Freiburg im Breisgau wirkten angespannt, während die beiden anderen Männer mit Nachdruck auf sie einredeten. Der Ältere der beiden Männer war der 42-jährige Österreicher Otto Joklik. Er hatte bis vor wenigen Monaten als Dozent an der Universität Kairo mit dem Vater der Geschwister gearbeitet. Ihnen stellte Joklik die vierte Person vor, einen 33-jährigen, hochgewachsenen Mann mit rötlichblondem Haar und Sommersprossen. Er wies sich als offizieller Beauftragter der israelischen Regierung aus und nannte sich Joseph Ben Gal.

Polizeischutz angefordert

Das Gespräch drehte sich um den Vater Paul Goercke. Er gehörte zu rund 350 Ingenieuren aus Deutschland und Österreich, die Ägypten das nötige Know-how vermittelten, um mit nuklear bestückten Raketen Israel zu vernichten. Einige von ihnen waren bereits unter Hitler an der Entwicklung der atomaren Aufrüstung des «Dritten Reichs» beteiligt gewesen. Die Vermittlung zwischen den Experten und Ägypten verlief über den Zürcher Hassan Sayed Kamil und seiner Tarnfirma Maschinen-, Turbinen- und Pumpen-AG (MTP AG).

Im Kern forderte Ben Gal Heidi Goercke dazu auf, ihren Vater aus Ägypten zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen, sonst könne ihm «etwas passieren». Im engsten Umfeld Goerckes waren in den vergangenen Monaten Anschläge verübt worden, der israelische Geheimdienst stand in allen drei Fällen unter Tatverdacht. In den späteren Gerichtsverhandlungen im Juni ging es darum, ob es sich hier um eine straflose Warnung oder eine strafbare Nötigung handelte. Das Gespräch im Hotel «Drei Könige» endete friedlich, doch Heidi Goercke hatte zuvor Polizeischutz angefordert. Wenige Stunden nach der Verabschiedung wurden Ben Gal und Joklik festgenommen.

Radioaktives Material für Ägypten

Die vorgerichtlichen Untersuchungen führten in die Welt der Kernphysik. Joklik, der kurz vor der Begegnung in Basel auf die israelische Seite übergelaufen war, erwies sich als hilfreicher Informant. Von ihm stammten wesentliche Informationen über den ägyptisch-deutschen Waffenhandel. Er hatte selbst noch kurz zuvor bei einer Firma in Braunschweig grössere Mengen radioaktives Kobalt 60 an eine ägyptische Adresse bestellt. Wie eine Expertise des Radiologieinstituts der Berner Universität feststellte, hatten es die Ägypter mit diesem Kobalt 60 in der Hand, Israel flächendeckend über Generationen unbewohnbar zu machen.

Der Fall Ben Gal und Joklik liess die schweizerische Öffentlichkeit nicht kalt. Sie stand noch ganz unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses im Jahr 1961. Dort war der breiten Bevölkerung das Ausmass des Holocausts bewusst geworden. Entsprechend löste die Vorstellung einer zweiten Auslöschung der Juden Entrüstung aus. Dies galt auch für den Anwalt, Politiker und Publizisten Manfred Kuhn. «Wenn Tel Aviv brennt, dann wird die Welt wissen, dass die Brandbomben dieses Massenmordes aus schweizerischen Händen nach Kairo transportiert wurden», schrieb er am 5. April 1963 in der «National-Zeitung». Die Schweiz sei dem Waffenhandel nicht einfach ausgeliefert, sondern nutze ihren gesetzlichen Spielraum gegenüber Kamil und dessen MTP AG zu wenig. Die bisherige passive Haltung der Behörden bezeichnete Kuhn als «indirekte Hilfe für den Waffentransfer».

Nötigung oder Warnung?

Wie brisant der Fall war, zeigte sich an den Sicherheitsvorkehrungen an den drei Prozesstagen vom 10. bis 12. Juni 1963 in Basel. Morgens wurde Ben Gal unter polizeilichem Schutz zum Gericht gefahren. Er betrat als Letzter und verliess als Erster den Gerichtssaal. Dicke Vorhänge an den Fenstern schützten den Agenten vor Teleaufnahmen der Paparazzi, die bereits Balkone der Nachbarhäuser besetzt hatten. Ein Bild von Ben Gal war 200 Franken wert, und Journalisten hofften auf ein exklusives Statement des Angeklagten – vergeblich. Erst wenn das Publikum Platz genommen hatte und die rund 40 Journalisten aus der Schweiz, Deutschland, Frankreich, England und Israel sassen, wurde Ben Gal mit Leibwächtern in den Gerichtssaal geführt. Um nicht erkannt zu werden, hielt der Angeklagte während der gesamten Verhandlungen die Hand vors Gesicht – eine Schutzmassnahme, die das Basler Gericht ihm ausnahmsweise gewährte.

Der Erste Staatsanwalt, Hans Wieland, klagte Joseph Ben Gal wegen vollendeter Nötigung gegen Heidi Goercke an und forderte drei Monate Gefängnis bedingt, abzüglich der bereits abgesessenen Untersuchungshaft, dazu 15 Jahre Einreisesperre. Ben Gals Verteidiger Georges Brunschvig forderte Freispruch: «Wenn ich jemanden, der sich anschickt, die Strasse zu überqueren, während die Verkehrsampel rotes Licht zeigt, sage, dass er getötet werden könne, so drohe ich ihm doch nicht, sondern ich warne ihn einfach.»

Zwei Monate unbedingt

Richter Emil Häberli verurteilte Ben Gal für versuchte und vollendete Nötigung zu zwei Monaten Gefängnis unbedingt – unbedingt deshalb, weil er als «senkrechter Mann» nach Ansicht des Richters jederzeit wieder bereit wäre, ähnliche Straftaten
zu begehen, sofern es sich um den Schutz Israels handelte. Dazu kam ein Landesverweis von fünfzehn Jahren. Dasselbe galt für Joklik, dieser kassierte jedoch zusätzlich eine Busse wegen Missachtung der Einreisesperre. Die Gefängnisstrafen waren durch die Untersuchungshaft bereits verbüsst.

Ben Gal war also nach diesem Urteil vom 12. Juni 1963 um 22 Uhr ab sofort frei, doch frei bewegen konnte er sich nicht. Ein Geheimagent mit bekanntem Gesicht wäre kein geheimer Agent mehr. Um den Paparazzi auszuweichen, stand im Hinterhof des Gerichtsgebäudes ein Wagen für ihn bereit, der ihn unerkannt nach Frankreich brachte. Das Ende des Basler Prozesses war jedoch erst der Auftakt zu einem neuen Skandal. Die Aufmerksamkeit richtete sich nun auf den Waffenhändler Hassan Sayed Kamil in Zürich.