Stadtbild

Basels Strassen werden immer internationaler

Das Rosentalquartier im Norden von Kleinbasel weist den grössten Ausländeranteil der ganzen Stadt auf.

Das Rosentalquartier im Norden von Kleinbasel weist den grössten Ausländeranteil der ganzen Stadt auf.

In Basel leben rund 70 000 Ausländer. Davon sind 15 000 Deutsche. Eine Stadtrundfahrt mit dem Velo zeigt: Das hat Wirkung.

Die drei Quartiere Gundeldingen, Matthäus und St. Johann sind nach wie vor im Trend, aber es wird klar: Die Konkurrenz macht sich immer stärker bemerkbar. Rosental, Am Ring und Basels Vorstädte holen auf. Bei den Einwohnerzahlen wie auch flächenmässig hinken diese drei den Grossquartieren zwar hinterher. Im Verhältnis zu ihrer Grösse verzeichnen sie aber am meisten Zuzüger.

Das schon länger als Trendviertel bekannte Matthäusquartier weist eine überdurchschnittlich hohe Zuzügerquote auf, was auf die Dynamik in diesem Wohnviertel zurückzuführen ist. Die Wanderungsanalyse 2016 des Statistischen Amts hat ergeben, dass sich die Deutschen im Vergleich zu den anderen Nationen gleichmässiger auf die Quartiere verteilen. Sie sind die stärkste Einwanderergruppe. Ein Augenschein in den aufkommenden Quartieren zeigt, welchen Einfluss die Ausländer auf das Stadtbild nehmen.

Das Matthäus – der Puls der Altstadt

Viele kleine individuelle Läden und Lokale, Clubs und Bars, in denen was los ist, bunte Fensterläden und in fremder Sprache rufende Ausländer. Genau dieses Szenario findet man im Matthäusquartier. Wer mit dem Fahrrad die Johanniterbrücke überquert, wird gleich vom «Zentrum Nord» verschluckt: Der Erasmusplatz empfängt den Besucher und nimmt ihn die Feldbergstrasse entlang. Sie ist die pulsierende Ader des Wohnviertels. Am Strassenrand zieren exotische Läden das Stadtbild. Der Versuch, alle zu zählen, lohnt sich gar nicht. Es sind einige.

Darunter finden sich die bekannten «indischen Lädeli» oder auch verschiedene Cafés und die italienischen Coiffeursalons. Aber die Strasse birgt auch Überraschungen. So ist das Geschäft Özgür eine Buchhandlung und nicht etwa eine türkische Dönerbude. Die Gebäude sind eine Mischung aus alten Gross- und wohnblockartigen Neubauten. Diese Reihe von Wohnhäusern zieht sich durch die ganze Strasse, bis die roten, grünen und blauen Fassaden von der berühmten und zentralen Matthäuskirche unterbrochen werden. Der Kirchenplatz und die Feldbergstrasse waren aber nicht immer so bunt und lebendig.

In den 70er- und 80er-Jahren hatte die Drogenszene das Matthäusquartier im Griff. «Überall lagen Spritzen herum, die wir auflesen mussten, damit unsere Kinder friedlich spielen konnten», sagt Theres Wernli, vom Stadtsekretariat Kleinbasel. Durch die Zusammenarbeit mehrerer Quartiervereine und der Anwohner verbesserte sich das Stadtbild allmählich. Unter anderem entstand dank dieses gemeinsamen Engagements der Matthäusmarkt. Heute leidet das Quartier unter dem Vereinssterben, wie es Wernli nennt. Für sie ist die Qualität des Wohnviertels, die mit der Arbeit der Vereine steht und fällt, auf längere Zeit nicht garantiert. «Das kann man nicht kaufen», sagt sie und wünscht sich eine höhere Partizipation unter den Zuzügern.

Das Rosental – ein Reich der Zwerge

Folgt der Fahrradfahrer der Feldbergstrasse bis zum Schluss, steht er an der Kreuzung zum Riehenring. Mit Überquerung der Strasse verlässt er das Matthäusquartier und befindet sich im Rosental. Die lange Strasse führt geradeaus zum Badischen Bahnhof. Das Wohnviertel weist die höchste Zuzügerquote und den grössten Ausländeranteil auf. Das bleibt nicht unbemerkt. In den Strassen hängen während der Fussball-Euro zahlreiche Flaggen aller Nationen. Italien scheint aber zu dominieren. Anders als in der Feldbergstrasse sind hier die Strassenränder nicht voll mit farbigen Stühlen der ausländischen Cafés, sondern Blumen und grüne Sträucher zieren den Bordstein. In den Nebenstrassen finden sich ruhige und gemütliche Plätze und ein paar Restaurants. Die Atmosphäre erinnert an die laute Feldbergstrasse, nur ist das Rosental etwas zurückgenommener, dafür aber gemütlicher.
Wichtiger für das Rosental dürfte das Erlenmattareal sein. Das Wohnbauprojekt Erlenmatt Ost könnte auch in Zukunft für eine hohe Zuzügerquote sorgen. Neben der riesigen Grünfläche sorgt eine mindestens ebenso riesige Baustelle für Dauerlärm. Wohnungen, betreutes Wohnen für Senioren und Arbeitsräume für Firmen werden hier geschaffen.

Auf dem Areal existiert aber bereits viel fertiger Wohnraum. Fünf- bis siebenstöckige moderne Wohnblöcke, die alle anders aussehen, prägen das Viertel. Familien scheinen das Quartier zu dominieren. Eine Armee von Kleinkindern auf Dreirädern, Trottinets und in Kinderwagen ziehen auf den schmalen geteerten Wegen durch das Erlenmatt. Die Zwerge rennen zwischen den riesigen Baukränen umher. In einem der grossen Wohnblöcke haben gleich ungefähr zwanzig Kindergärten ihren Sitz. Die Fenster könnten aus dem Zoo stammen: «We are the tigers!» und «the lions» steht etwa in bunten Buchstaben geschrieben.

Am Ring und die Vorstädte

Was durchaus für das Matthäus und das Rosental gilt, kann man nicht von «Am Ring» behaupten. Die Strassen sind leer, auf den Seiten befinden sich Häuser mit karger Fassade, keine farbigen Häuserwände weit und breit. Aber nur auf den ersten Blick. Wo vor mehr als hundert Jahren noch Obstwiesen und Felder lagen, findet man heute Grossbauten mit grünen Innenhöfen. Es lohnt sich also, auch in die Seitengässlein zu schauen. Neben den Innenhöfen, einigen grösseren Graffitis und vielen Altbauten wirkt aber das Quartier leblos. Trotzdem verzeichnet es viele Zuzüger. Stark genutzte Verkehrsachsen wie der Spalenring erklären diesen Umstand. Velofahrer, Autos, Drämmli, Busse und auch Fussgänger scheinen das Quartier zu durchqueren. Sie alle wollen in die Stadt oder raus. Das Viertel ist wegen seiner Lage so beliebt, schnell ist man in der Stadt oder am Bahnhof. Die vielen Einkaufsmöglichkeiten locken die Bequemen an und sprechen für die Familienfreundlichkeit.

Dass nicht mehr Treffpunkte und Plätze existieren, liegt vermutlich daran, dass sich die Anwohner von «Am Ring» einfach in den angrenzenden Quartieren treffen. Wie etwa dem Schützenmattpark, dem Kannenfeld oder dem St. Johannspark. Kennzeichnende Elemente für das Wohnviertel gibt es dennoch: Die Synagoge hat einen hohen Erkennungswert, aber auch die Pauluskirche und der Holbeinplatz tragen entscheidend zum Stadtbild bei. In manchen Strassen wachsen Bäume und geben dem Quartier mehr Farbe. Insgesamt erscheint «Am Ring» als ruhiges Wohnquartier mit grossen Innenhöfen an guter Lage.

Die Vorstädte sind im Gegensatz dazu leicht erkennbar: Die Heuwaage, die Steinenvorstadt, die Universität, der Petersplatz und das Gymnasium Leonhard befinden sich alle in diesem Wohnviertel. Jeder Basler kennt die Steinenvorstadt und die Heuwaage. Als Wohnquartier werden sie trotzdem nicht wahrgenommen, weil mit dem Kino, dem «Burger King», Shops und Restaurants nicht das Wohnen, sondern das Ausgehen verbunden wird. Das Quartier erstreckt sich entlang der alten Stadtmauer. Also vom St. Johanns-Tor über das Spalentor bis hin zum St. Alban-Tor. Dort, wo die grossen Wohnviertel auslaufen.

Der Fahrradfahrer wird bei seiner Rundfahrt feststellen: Wirkliche Grenzen zwischen den Quartieren gibt es nicht. Aber Basel und das, was die besondere Stadtatmosphäre ausmacht, wird er wohl gespürt haben.

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