Ende der Achtzigerjahre hatte das Drogenelend Teile des Kleinbasel fest im Griff. Mit der Bildung der offenen Drogenszene 1986 nahm die Zahl der Süchtigen weiter zu und mit ihr die Beschaffungskriminalität. Die Polizei machte Razzien und verhaftete Drogenabhängige, doch Repression allein führte zu keiner Besserung der Lage. Im Gegenteil: Die Kriminalisierung der Drogenabhängigen drängte sie noch mehr an den Rand der Gesellschaft.

Um die Not zu lindern, leisteten Private und Institutionen niederschwellige Hilfe – wohl wissend, dass sie sich dabei im Spannungsfeld von humanitärer Überzeugung und Illegalität befanden. Private Initiativen, die Drogenabhängigen den Konsum in geschütztem Rahmen ermöglichten oder gebrauchte gegen neue Spritzen eintauschten, waren auf die Toleranz der Strafverfolgungsbehörden angewiesen, die ihrerseits wiederum zum Spielball der Politik wurden. Sobald sich Anwohner über herumliegende Spritzen oder Drogenkonsum im öffentlichen Raum beklagten, wurde der Vorwurf laut, die Justiz greife zu wenig hart durch.

Liberale als Vordenker

In Basel gab es früh politische Bestrebungen, dieses Spannungsfeld zugunsten einer einheitlichen Suchtbekämpfung aufzulösen. 1987 bildete die Basler FDP unter der Leitung des Advokaten Luc Saner eine Kommission, die Vorschläge für eine neue Drogenpolitik erarbeitete. Die Grundpfeiler des damaligen Berichts bilden noch heute wesentliche Bestandteile der schweizerischen Drogenpolitik: Die Anerkennung von Sucht als Krankheit, die Möglichkeit einer kontrollierten und ärztlich verschriebenen Abgabe von Drogen sowie die härtere Bestrafung von Dealern. Der Bericht wurde zur Grundlage, auf der die Basler Regierung ein suchtpolitisches Gesamtkonzept erarbeitete.

Ein weiterer wichtiger Faktor für die Einführung einer liberalen Drogenpolitik war der Kleinbasler Stammtisch. Die Anwohner der vom Drogenelend betroffenen Gebiete im Kleinbasel trafen sich ab 1990 zu einem regelmässigen Austausch, um mögliche Lösungen zur Schadensminderung zu diskutieren – für die Süchtigen, aber auch für die Anwohner.

Ausprobieren und Korrigieren

Die Zeit Ende der Achtziger- bis anfangs der Neunzigerjahre war von Pilotversuchen mit und ohne die Unterstützung der Regierungen geprägt. So eröffnete 1988 mit Bewilligung der Basler Regierung das «Sprützehüsli», musste aber nach einem Jahr den Betrieb wieder einstellen. Auch der Versuch eines mobilen Spritzenbusses musste wegen Protesten der Anwohner abgebrochen werden. Nur die Möglichkeit zum Spritzentausch in Apotheken konnte sich erfolgreich durchsetzen.

1991 wurde zu einem entscheidenden Jahr in der Basler Drogenpolitik. Basel-Stadt wurde zum nationalen Vorreiter, indem der Kanton das Vier-Säulen-Modell umsetzte. Die vier Pfeiler, die bis heute Geltung haben, bestehen aus Prävention, Therapie, Repression, Schadensminderung. Zur Koordination der suchtspezifischen Massnahmen wurde die Stelle des Drogendelegierten geschaffen.

In den darauffolgenden Monaten manifestierte sich die neue politische Ausrichtung in der Entwicklung zahlreicher Angebote. Die Möglichkeit für Substitutionsprogramme wurde ausgebaut. Im Juni eröffnete an der Spitalstrasse das erste Gassenzimmer, 1992 folgte die Eröffnung eines zweiten und dritten Gassenzimmers.

Neue Linie setzt sich durch

In ihrer Ausrichtung unterstützt wurde die Basler Regierung durch das erste nationale Massnahmenpaket zur Verminderung von Drogenproblemen, dem sogenannten «MaPaDro», das 1992 in Kraft trat. Immer mehr Stimmen forderten einen liberaleren Ansatz, der die Suchtproblematik in ihrer Komplexität anerkennen sollte. Für Jörg Schild, den damaligen Polizeidirektor, der die Basler Drogenpolitik wesentlich mitprägte, ist klar: «Heute darf man unbescheiden sagen, dass Basel-Stadt für die nationale Verankerung der Vier-Säulen-Politik, die man heute als selbstverständlich betrachtet, prägend war. Basel hatte eine Vorreiterrolle.»

Doch obwohl die «Marschrichtung klar war», wie es der damalige FDP-Polizeidirektor Jörg Schild formuliert, war die Umsetzung der liberalen Drogenpolitik in den Neunzigerjahren eine heikle Angelegenheit: «Es galt, die Interessen der Bevölkerung zu berücksichtigen. Neue Gassenzimmer bedeuteten eine Belastung für die Anwohner und gaben immer wieder Anlass zu Diskussionen. Aus diesem Grund entwickelten wir sogar die Idee, einen mobilen Bus oder einen Eisenbahnwaggon als Gassenzimmer einzusetzen, was jedoch niemals zustande kam.»

Ein Meilenstein wurde 1994 erreicht: Der Grosse Rat bewilligte den Kredit für ein Pilotprojekt zur kontrollierten Verschreibung von pharmazeutischem Heroin. Ein christlicher Verein ergriff das Referendum, doch die Bevölkerung bestätigte den Entscheid an der Urne mit grosser Mehrheit. So wurde Basel ein weiteres Mal zum schweizweiten Pionier in der Drogenpolitik.

Mitte der Neunzigerjahre zeigte sich, dass sich die Einführung des Viersäulenmodells auch langfristig bewährte. 1994 konnte die offene Drogenszene im Kleinbasel gewaltfrei aufgelöst werden. Vier Jahre später wurden die Aufgaben des Drogendelegierten an die zuständige Fachabteilung «Jugend, Familie und Prävention» delegiert, wodurch die Stelle des Drogendelegierten aufgehoben werden konnte. Die Diskussion rund um Drogen im öffentlichen Raum hatte an Brisanz verloren.