Der Art Parcours kehrt im Jahr fünf zu seinen Wurzeln zurück. 2010 wurde von der Kunstmesse Art der öffentliche Raum Basels erstmals bespielt – rund um den Münsterhügel. Dieses Jahr ist wieder die Altstadt um den Münsterhügel Spielort. Und wir erkennen, dass sich die Parcours-Idee in den fünf Jahren entwickelt, gefestigt hat. Die französische Kuratorin Florence Derieux, die zum dritten Mal den Parcours macht, geht mit den Künstlerinnen und Künstlern auf die entsprechenden Orte ein. Jedes Kunstwerk deutet uns lange bekannte Orte überraschend neu.

Auf der Grossbasler Seite der Mittleren Brücke werden die Passanten am sonnigen Sommertag von einem Schneemann begrüsst. Der Schneemann aus Marmor von Peter Regli ist von doppelbödigem Witz. Nicht nur weil er im Sommer als Fremdkörper wirkt. Vielleicht ist er nach einer langen Flucht vom Zürcher Sechseläutenplatz in Basel gelandet. Und die andere Seite des Witzes ist, diese schnell vergängliche, banale Figur aus dem edlen Marmor zu fertigen.

Fragmentierte und andere Körper

Eine ganz andersgeartete Körper-Skulptur ist im Hof des Staatsarchivs, diesem Pseudo-Kreuzgang, platziert: ein fragmentierter, abstrahierter Körper. David Renggli deutet in «Reclining Nude» mit rosa lackierten Aluminiumrohren einen liegenden Akt an, setzt die Rohre in die Pose eines sich räkelnden Models und assoziiert zugleich an Körperfragmente antiker Skulpturen. Mit den klaren Formen konkreter Kunst hinterfragt er die Körperkultur von der Renaissance bis heute auf hintergründige Weise.

An archaische Kulturen erinnert der riesige Steinmann von Ugo Rondinone mitten auf dem Münsterplatz. Er steht da, als wäre er als Kultusgegenstand aus der Steinzeit in unsere Gegenwart eingebrochen: «The Gracious», der Steinmann, dessen untere Hälfte wie ein Stonehenge gebaut ist. In ihrer Monumentalität hat der Steinmann dennoch etwas Anmutiges, Feines. Er blickt als Wissender auf jenes Departement, das für das Bauen in der Stadt verantwortlich ist, das Stein in Häuser und Strassen setzt. Auch das ist von listiger Ironie.

Der Dialog zwischen alten Zeiten und unserer Gegenwart wird im Antikenmuseum weitergeführt. Mitten unter die antiken Skulpturen, diese realistischen Körperfragmente, stellt Daniel Silver eigene Steintorsos, setzt sie in einen spannungsvollen Dialog. So der Königstorso mit dem Marmorkörper und dem verzerrten Bronzekopf mit Krone. Ihm ist der Schrecken über den Sturz der Könige ins Gesicht geschrieben. Ein mehrdeutiges Signum der Macht, das für Terror und Revolution gleichermassen steht, vor allem aber für die Inhumanität, ist Piero Golias nachgebaute Guillotine im Hof des Basler Rathauses, dort also wo die politische Macht ihr Zuhause hat. Die – zwar ruhende – Guillotine erschreckt an diesem Ort und erinnert, dass der Staatsterror bis ins 19. Jahrhundert auch bei uns real war, dass die Abschaffung der Todesstrafe nicht so lange her ist. Das ist Geschichtsunterricht, der erschüttert.

Friedhof der Zivilisation

Die Unterdrückung des Wissens, der Kunst, wie sie lange in unserer christlichen Welt bittere Realität war und die Aufklärung des Geistes unterlief, thematisiert die Alicia Framis mit ihrer Koje «Habitación de Libros Prohibidos». Sie steht im Basler Münster, diesem Tempel der reformierten Kirche. Auch sie verbot Bücher, wie es die katholische tat, und wie es Staaten heute noch tun: Die Besucher können sich in dem Raum, einer grossen Holzkiste, aufhalten und alles lesen, was einmal verboten war – von Anne Franks «Tagebuch» über Marquis de Sade bis zu Descartes Schriften, Gustave Flauberts und Oscar Wildes Romanen.

Neben dem Münster unter den Kastanienbäumen wird die Industrie mit ihren schweren Fahrzeugen zu Grabe getragen. Nate Lowman gestaltet den lauschigen Kiesplatz in einen Friedhof um – mit acht Kreuzen, die er aus Schrottteilen von Abschleppautos gefertigt hat. Der bemalte, rostige Stahl entfaltet so eine mystische Wirkung. Der Friedhof steht für den täglichen «Krieg» auf den Strassen der Welt und schafft eine Atmosphäre des Unheimlichen.

Ironischer, mit mehr Schalk schauen andere Künstler auf unsere Zivilisation: Vik Muniz hat mit «Mnemonic Vehicle» vor der Martinskirche das Ferrari-Modell eines Matchbox-Autos auf reale Autogrösse «aufgeblasen». Was im Kleinformat echt wirkt, erscheint im Grosformat wie eine schlechte Fälschung, ist läppisch und taugt nicht mal mehr als Spielzeug. Und im Museum der Kulturen stellt Adriano Costa gefälschte Designtaschen und -gürtel auf ein Plateau – wie sie in Grossstädten und an Stränden verkauft werden. Was ist hier falsch, was echt? Das ist im Zeitalter der hochtechnischen Reproduzierbarkeit nicht mehr auszumachen. Die Fälschung wird zum originalen Kunstwerk über unsere Konsumkultur. Und überall auf der Welt finden wir die gleichen Objekte und ihre Fälschungen. Eine Installation von subversivem Witz.

Der Kunstspaziergang durch die Altstadt rund um den Münsterhügel lässt uns mal schmunzeln über unsere schöne neue Welt, dann wieder erschauern über die sich ausbreitende Unmenschlichkeit und das Grauen. Und immer erinnert die Kunst uns an all den städtischen Orten an unsere Geschichte und ihre dunklen Seiten, die wir gerne verdrängen. Ein starker Art Parcours.