Basel
Basler Ängste hatten auch Berner und waren erfolgreich mit Fussgängerzone

In Basel hält bald ein neues Verkehrsregime in der Innenstadt Einzug. Nur Anwohner, Taxis und Blaulichtfahrzeuge erhalten eine Sonderbewilligung, mit welcher sie die Fussgängerzonen befahren dürfen. In Bern und Zürich habe dieses System Erfolg.

Pascale Hofmeier und Céline Feller
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Die Fussgängerzone in der Freien Strasse in Basel wird künftig nur noch mit einer Sonderbewilligung befahrbar sein.

Die Fussgängerzone in der Freien Strasse in Basel wird künftig nur noch mit einer Sonderbewilligung befahrbar sein.

Martin Töngi

Den Basler Automobilisten und Gewerbetreibenden ist das neue Verkehrsregime in der Innenstadt ein Gräuel: Der Güterumschlag ist nur noch von 6 bis 11 Uhr (Samstags 6 bis 9 Uhr), eine Sonderbewilligung erhalten nur Anwohner, Taxis und Blaulichtorganisationen und die Parkplätze in der Freien Strasse sind weg – aber es gibt nur Neue im Parkhaus, wenn die Mittlere Brücke gesperrt wird. Das wiederum wird mit einer Initiative bekämpft.

Schon vor Basel haben andere Städte den Verkehr weiträumig aus der Innenstadt verbannt und Parkplätze aufgehoben. Ohne Auseinandersetzungen verlief das nirgends, wie ein Blick nach Bern und Zürich zeigt. Und überall begleiten oder begleiteten Bedenken des Gewerbes den Prozess, Umsätze würden einbrechen und das produzierende Gewerbe würde aus der Innenstadt verdrängt. Doch was ist vom Begleitlärm übrig geblieben?

Nur wenige Geschäftsaufgaben

Die Nachfrage in Bern ergibt, dass es nicht viel ist. «Längerfristig gab es kaum Umsatzeinbrüche zu beklagen. Die logistische Flexibilität ist zwar eingeschränkt. Darum müssen Detailhändler und Gastrobetriebe mehr planen und sind wegen der Beschränkungen teils mit höheren Kosten konfrontiert. Aber nur wenige Betriebe starben», sagt Leonhard Sitter, Leiter der Geschäftsstelle der Stadtberner KMU.

Eingetroffen ist, dass das produzierende Gewerbe aus der Stadt verdrängt wurde. «Das passierte wohl ebenso aufgrund der steigenden Immobilienpreise und gilt auch für spezielle Geschäfte, die mit grösseren Waren handeln, wie beispielsweise Möbelläden.»

Allerdings gab es keinen vergleichbaren konzeptionellen Rutsch, bei dem gleichzeitig der Verkehr aus der Altstadt verbannt wurde und Parkplätze aufgehoben wurden, wie das in Basel der Fall ist.

In der Berner Altstadt wurde die Durchfahrt seit den 1970er-Jahren in mehreren Etappen reguliert. In den Anfängen wurde die Durchfahrt von Nord nach Süd, also über die Kornhausbrücke via Zytglogge ins Botschafterquartier Kirchenfeld unterbunden. «Ab den 1980ern diskutierte man im Stadtparlament erstmals die Idee eines autofreien Bundesplatzes», sagt Hugo Staub, langjähriger Verkehrsplaner der Stadt Bern. Schliesslich wurde die Zufahrt in die obere Altstadt – zwischen Bahnhof und Bundesplatz – stark eingeschränkt.

Zweimal Güterumschlag

Ein weiterer wichtiger Schritt für eine Fussgänger freundliche Innenstadt war der 1997 von den Stimmberechtigten abgesegnete Verkehrskompromiss. Er enthält zwei Verordnungen, diese regeln das Parkieren und die Zufahrtsberechtigung. Der motorisierte Individualverkehr wurde ganz aus den Gassen verbannt, der Güterumschlag für das Gewerbe ist deutlich länger möglich als in Basel: Montag bis Samstag ist in Bern die Zufahrt von 5 bis 11 Uhr möglich und von 18.30 bis 21.00 Uhr; der Rest ist Sperrzeit.

Eine Zufahrt während der Sperrzeiten erhalten Blaulichtorganisationen, Gehbehinderte und Anwohner, Taxis und Kurierdienste «im Sinne der Postgesetzgebung», Hotels, Ärzte und private Sicherheitsdienste. Zeitlich begrenzte Kurzbewilligungen gibt es für Handwerker, Geschäfte (damit ihre Kunden Waren abholen können) und Wohnungs- und Geschäftsumzüge. Weil sich niemand daran hielt, wurden an einigen Orten 2006 mechanische Sperren eingebaut, sogenannte Poller – von denen ein Teil derzeit defekt sind.

Basel diskutiert heftiger

Zeitlich versetzt wurde seit 2000 ein neues Parkregime umgesetzt: Die Erweiterung der bestehenden Parkhäuser war an die Bedingung geknüpft, oberirdische Parkplätze aufzuheben. «Das hat ermöglicht, den Bundesplatz umzugestalten», erklärt Staub. Es dauerte bis 2007, bis der Verkehrskompromiss umgesetzt war. Zurück zu der Zeit, als noch in den Gassen und auf dem Bundesplatz parkiert wurde, wolle heute niemand mehr, sind sich Staub und Sitter einig.

Basel: «Viele Offene Fragen»

Das Verkehrskonzept Basel-Stadt wird zwar noch heiss diskutiert, rechtlich gesehen ist es aber bereits in Kraft. Seit dem ersten Januar gilt die Verordnung. Allerdings dürfen die Autos weiterhin nach alten Regeln in der Innenstadt zirkulieren, bis die Signale aufgestellt worden sind.

Die grosse Frage, die nach wie vor nicht abschliessend geklärt ist, lautet: Wann wird die Mittlere Brücke gesperrt? Eine Volksinitiative zu ihrer Offenhaltung ist noch im Unterschriften-Sammel-Stadium.

Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels muss entscheiden, ob die Brücke gesperrt wird, wenn die Signale bereit sind, also nach der Fasnacht. Oder lässt er sie offen, bis das Volk abgestimmt hat? Oder schliesst er sie und öffnet sie im Fall einer Niederlage wieder? Eng verknüpft mit der Mittleren Brücke ist die Frage nach dem Parking beim Kunstmuseum: Wird es eröffnet, auch wenn die Brücke weiterhin von Autos befahren werden darf?

Eigentlich widerspräche dies dem politischen Kuhhandel, der da lautet: Brücke zu, Parking auf. Andere offene Fragen betreffen die Einsprachen, die gegen das Verkehrskonzept eingegangen sind: Was tut die Stadt, wenn das Verwaltungsgericht entscheiden sollte, dass diese oder jene Strasse offenzubleiben hat?

Ebenfalls nicht restlos geklärt ist die Frage der Sonderbewilligungen für Gewerbetreibende in der Innenstadt: Der Gewerbeverband sucht in «Härtefällen» das Gespräch mit der Regierung, doch diese haben bisher keine konkreten Ergebnisse gezeitigt. (dre)

Weil sich in der unteren Altstadt nicht nur Geschäfte befinden, sondern auch viele Wohnungen, bestehen dort neben Plätzen für den Güterumschlag einige wenige Parkplätze für die Anwohner. Wer eine Parkkarte erhält, ist strikte geregelt. «Ein grosses Problem ist, dass auf den Güterumschlagplätzen oft illegal parkiert ist.» Aber auch dort habe eine Erfolgskontrolle ergeben, dass niemand zurück wolle.

«Es gibt eher den Konflikt, dass der Tourismus noch mehr Autos draussen haben möchte, sich aber Anwohner und Gewerbe wehren.» Man dürfe eine Stadt nicht auf eine «touristische Kulisse» reduzieren. Auf Basel blickend sagt Staub: «Die Beschränkungen gehen weiter als bei uns, was den Güterumschlag und die Taxis betrifft. Ich nehme die Auseinandersetzung als härter wahr, als sie bei uns geführt wurde.»

Zürich war sehr früh

In der Zürcher Innenstadt ist mit der Fussgängerzone in der Altstadt links und rechts der Limmat sowie dem autofreien unteren und mittleren Teil der Bahnhofstrasse ein Grossteil der Innenstadt von Autos befreit. Der Verkehr wurde etappenweise aus den Altstadtgassen verbannt: Bereits Mitte der 60er-Jahre wurden Teile der Bahnhofstrasse autofrei, ein weiteres Konzept zu einer autofreien Innenstadt folgte wie in Bern in den 1990er-Jahren.

Auslöser war allem das Platzproblem: Der Autoverkehr und die dadurch benötigten Parkplätze beanspruchten zu viel des knappen Raums. Die Stadt wollte den Platz sinnvoller nutzen und ein «attraktiveres Einkaufs-Ambiente» schaffen. Der Perimeter, der mit einem Fahrverbot belegt ist, ist relativ klein. Dort und auch in den Bereichen mit beschränkter Zufahrt sind Anlieferungen von 5 bis 12 Uhr uneingeschränkt möglich.

2011 wurde von der Stadt Zürich ein neues Verkehrskonzept lanciert, das «Verkehrskonzept Innenstadt – Aufwertung der Strassenräume». Auslöser war Zürichs Nachholbedarf punkto Raumangebot für Fussgängerinnen und Fussgänger. Dieses war im Vergleich zu anderen touristisch attraktiven Städten knapp bemessen.

Erweiterung ist umstritten

Weil Fussgängerzonen kaufkräftige Kunden anlocken, will das Konzept bis 2025 die gesamte Altstadt und die Bahnhofstrasse in eine Flaniermeile verwandeln. Zudem werden die Tempo-30-Zonen der umliegenden Quartiere zur Innenstadt hin ausgedehnt. Der Kanton Zürich ist nach Basel-Stadt jener Kanton mit dem höchsten Anteil autofreier Haushalte. Dennoch stiessen die geplanten Änderungen erneut auf Widerstand: Viele Geschäfte verbinden mit der eingeschränkten Anfahrtsmöglichkeit eine direkte Einbusse. Für sie ist klar: je weniger Parkplätze vor der Tür, desto weniger Kunden.

Daher setzten sich stellvertretend Gewerbeverbände als Dachorganisation der kleinen und mittleren Unternehmen gegen die Neuerungen ein. Der Kantonale Gewerbeverband Zürich (KGV) stört sich an der Tatsache, «dass mit viel Geld bewusst Verschlechterungen kreiert werden». Er will verhindern, dass Parkplätze gestrichen und weitere Hindernisse gebaut werden.

«Im Allgemeinen ist die autofreie Zone in der Innenstadt aber mittlerweile unbestritten», sagt Christoph Suter, Verkehrsplaner beim Tiefbauamt Zürich. Eine Befragung nach der Sperrung des Limmatquais hat gezeigt, dass Passanten (94%) und Geschäftsführende (60%) die autofreie Situation bevorzugen.