Nähkästchen

Basler Anwalt Jascha Schneider: «Ich bin ein Typ, der polarisiert»

Jascha Schneider hat aus dem Nähkästchen das Lösli mit dem Begriff «Prestige» gefischt.

Jascha Schneider hat aus dem Nähkästchen das Lösli mit dem Begriff «Prestige» gefischt.

Der bekannte Basler Anwalt Jascha Schneider plaudert über seinen neuen Job beim Wirteverband, über Frust am Gericht und Authentizität.

Herr Schneider, welchen Begriff haben Sie aus unserem Nähkästchen gezogen?

Prestige.

Prestige wird mit einer hohen Reputation gleichgesetzt. Haben Sie die?

Es kommt darauf an, wen Sie fragen. Ich bin ein Typ, der polarisiert, das habe ich bereits gespürt, als ich während der Studienzeit als Radiomoderator tätig war. Anfangs hatte ich Mühe damit, wollte allen gefallen. Dann habe ich verstanden, dass es nicht möglich ist, gleichzeitig authentisch zu sein und es allen recht zu machen. Ich versuche, mir treu zu sein.

Auch wenn Ihr Ansehen dabei leiden könnte?

Ich definiere mich nicht über mein Ansehen in der Öffentlichkeit. Das gibt mir keine Befriedigung oder Lebensinhalt. Es sind vielmehr die Familie und Freunde.

Ist es nicht wichtig für einen Anwalt, dass er ein gewisses Ansehen geniesst?

Natürlich gehört es dazu. Aber am Ende müssen die Klienten mit mir zufrieden sein. Wenn ich ein Mandat übernehme, dann tue ich das aus Überzeugung. Ich finde, dass ich einen supertollen Beruf habe.

Dieser Beruf war schon mit mehr Prestige verbunden. So zeigt es jedenfalls eine entsprechende Skala aus Deutschland, wonach Anwälte an Ansehen eingebüsst haben.

Ich stelle allgemein fest, dass die Bevölkerung gegenüber Berufen, die früher ein hohes Ansehen genossen, viel kritischer eingestellt sind. Die Zeiten, in denen Ärzte als Halbgötter in Weiss angesehen wurden, sind zum Beispiel definitiv vorbei. Das liegt sicher auch an den Medien, die heute wachsamer sind. Es werden viel mehr Fehler von Ärzten, Piloten oder Lehrern aufgedeckt als früher.

Als Anwalt haben Sie prestigeträchtige Persönlichkeiten vertreten, haben aber auch Menschen verteidigt, die unter Mordanklage standen. Wie wählen Sie Ihre Mandanten aus?

Ich bin ein klassischer Familien- und Firmenanwalt. Dass ich mich zudem auf Medienrecht spezialisiert habe, liegt daran, dass ich früher in der Branche tätig gewesen bin. Heute kombiniere ich dieses Wissen, arbeite mit einer Krisenkommunikatorin zusammen. Wir unterstützen KMU, mediale Krisen vorzubeugen oder zu überstehen. Wichtig ist mir, dass ich mich nicht verbiegen muss, weder für einen Klienten, eine Kirche oder Partei.

Wie ist das, einen Menschen zu verteidigen, der einen anderen ermordet hat?

Sehr intensiv. Man ist oftmals die einzige Bezugsperson. Ich berate nicht nur juristisch, sondern unterstütze auch auf der psychischen Ebene. Die Aufgabe eines Verteidigers besteht in meinen Augen nicht einfach darin, die mildeste Strafe «herauszuholen». Sondern den Angeklagten in diesem Prozess zu begleiten. Dass er Verantwortung für sein Handeln übernimmt und idealerweise etwas ändert in seinem künftigen Leben. So tritt er authentisch vor Gericht auf. Ohne scheinheiliges Bereuen.

Sie waren der Anwalt von Shemsi Beqiri, dem Opfer im Kickboxer-Prozess...

...bin ich immer noch. Das Urteil wurde zweitinstanzlich weitergezogen ans Kantonsgericht. Von allen Seiten. Warum ich ihn vertrete? Nicht aus Prestigegründen. Ich kannte ihn schon länger.

Vor einem Jahr fand die Urteilsverkündung statt. In Ihren Augen wurden viel zu milde Strafen ausgesprochen. Spüren Sie den Frust darüber heute noch?

Sicher. Die Lehre, die ich daraus gezogen habe: Gewisse Kantone wie Baselland haben ein Problem, wenn es um organisierte Taten geht, bei denen viele Leute involviert sind. Dann kommt das Justizsystem «an den Anschlag». Die Basler Staatsanwaltschaft hat da eine deutlich stärkere Führung.

Hatten Sie in diesem Fall auch mal den Fehler bei sich gesucht? Das Gefühl gehabt, versagt zu haben?

Leider haben Sie als Vertreter eines Opfers sehr wenig Einfluss auf das Verfahren. Beqiri ist auch so ziemlich der einzige in diesem Verfahren, der seinen Anwalt selber zahlen muss. Die Täter werden auf Staatskosten verteidigt...

Sie sind nicht nur Anwalt, sondern unter anderem Präsident der Stiftung Tierschutz beider Basel und, ab 1. Januar 2020, Geschäftsführer des Wirteverbands Basel-Stadt. Warum haben Sie diesen Job angenommen? Aus Prestigegründen?

(lacht) Nein! Wäre ich nicht Anwalt geworden, es hätte mich bestimmt zur Gastronomie gezogen. Als Student war ich als Pizzaiolo tätig, habe sogar mal einen Sommer lang ein kleines Hotel in Griechenland geführt. Das hat mir immer sehr viel Spass gemacht.

Warum sind Sie dann nicht Gastronom geworden?

Ich habe gespürt, dass der Beruf des Anwalts das Richtige für mich ist. Aber jetzt habe ich ja beides!

Sind Sie – privat – mit dem Gastroangebot in der Region zufrieden?

Sehr. Man kann mittlerweile fast aus jedem Land Köstlichkeiten essen, ich geniesse diese breite Palette. Da hat sich wahnsinnig viel getan in den vergangenen zehn Jahren, hinsichtlich Qualität ist das Niveau hoch. Aber als Griechenland-Fan muss ich sagen: Ein griechisches Restaurant in der Basler Innenstadt wäre schon toll!

Die Tätigkeit für den Wirteverband ist ziemlich zeitintensiv. Wie bekommen Sie alles unter einen Hut? Werden Sie eine andere Tätigkeit aufgeben?

Nun, man wird mich sicher weniger bei Gericht sehen. Ich werde mich zukünftig noch mehr beratend betätigen. Und auf die Schnittstelle zwischen KMU, Medienrecht und Kommunikation. Das ist zwar mit weniger Prestige verbunden, aber wie ich schon gesagt habe: Das ist für mich zweitrangig.

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