«Gleich am Anfang ist mir die Gegend um Francavilla Marittima etwas abenteuerlich vorgekommen», erinnert sich Martin Guggisberg. Und das ist auch bereits das Stichwort: Abenteuer. Wenn der Basler Archäologieprofessor und seine Assistentin, die promovierte Archäologin Camilla Colombi, im kühlen Büro am Petersgraben von Jahrtausende alten Gräbern, giftigen Schlangen und der glühenden Sonne erzählen, wähnt man sich in einem Indiana-Jones-Film. Seit sieben Jahren leitet das Duo die Ausgrabungen am Rand des kleinen Dorfes in Kalabrien und hebt Sommer für Sommer zusammen mit Studierenden der Archäologie antike Gräber aus.

Professor Guggisberg (2. v.l.) neben Colombi und dem Team.

Professor Guggisberg (2. v.l.) neben Colombi und dem Team.

Grabfunde zeigen Kulturaustausch

Im Zentrum ihrer Forschungen steht bis heute die «Macchiabate»: ein Feld, das zwischen dem 8. und dem 6. Jahrhundert vor Christus von den Bewohnern der nahegelegenen einheimischen Siedlung für Bestattungen genutzt wurde. «Damals, um 700 vor Christus, haben die Griechen überall in Süditalien Kolonien gegründet», sagt Guggisberg. Sie seien dabei auf einheimische Bevölkerungsgruppen gestossen, hätten Technologien ausgetauscht und sich auch kulturell vermischt. «Dieser Kulturtransfer ist für uns wissenschaftlich enorm interessant», sagt er. Und dieser Kulturtransfer schlage sich in den Gräbern nieder, die von den Basler Archäologen bis heute freigelegt worden sind.

Studenten buddeln im Grabfeld.

Studenten buddeln im Grabfeld.

So habe man in den vergangenen Jahren zahlreiche Ruhestätten von Frauen und Kindern gefunden, die zwar mit einheimischen Schmuckstücken aus Bronze ausgestattet waren, aber Keramikgefässe bei sich hatten, die klar griechische Dekorationen trugen. Und in der diesjährigen Grabungskampagne seien zwei Männerbestattungen zum Vorschein gekommen, die mit Schwert, Lanze und Axt offenbar ungewöhnlich stark bewaffnet waren.

«Das wirft die Frage auf, ob es vielleicht auch Widerstand gegen die griechischen Siedler gegeben hat», sagt Martin Guggisberg. Fest steht: «Die Region war früher wie heute ein zentraler Ort für die Begegnung unterschiedlicher Kulturen.» Migration, so wird klar, ist kein Phänomen der Neuzeit.

Geschätzte «Svizzeri»

Und so migrieren auch die kulturfremden Basler jeden Sommer für sechs Wochen in das 3000-Seelen-Dorf ganz im Süden der italienischen Halbinsel. Während die Gruppe in den ersten Jahren noch mit einer gewissen Skepsis beobachtet worden war, seien die «Svizzeri» mittlerweile bekannt und geschätzt. «Im Laufe der Jahre haben sich viele Freundschaften ergeben», sagt Colombi. Etwa mit Pietro, dem Barkeeper im Dorf. Oder mit der mittlerweile 80-jährigen Anna de Leo, die direkt neben dem Gräberfeld ihren Bauernhof hat und von allen nur liebevoll «Signora Anna» genannt wird. «Während der Grabung versorgt sie uns regelmässig mit frischen Früchten und starkem Kaffee», erzählt Guggisberg.

Kaffee, der gelegen kommen dürfte – abenteuerlich klingen nämlich auch die Arbeitszeiten: «Wir stehen von Montag bis Samstag jeweils um sieben Uhr auf der Grabung», sagt Colombi. Für die Basler Studierenden gehört die Ausgrabung zur Ausbildung: «In Francavilla lernen die Studierenden die ganze Bandbreite des archäologischen Handwerks, vom Pickeln über die Fundbergung bis zur Dokumentation der Fundstelle mit dem Computer.» Und sie trotzen Temperaturen, die oft die 40-Grad-Marke überschreiten. Das birgt neben Dehydrierung noch andere Gefahren: Im dichten Gebüsch, das rund um das staubtrockene Grabungsareal wächst, kriechen laut Colombi Schlangen und Skorpione herum, die sich in den Nächten nur allzu gern in den feuchten, mit Blachen abgedeckten Grabungslöchern verstecken würden.

Improvisationen nötig

Andere Herausforderungen erschweren ebenfalls den Alltag auf einer Grabung. Mal funktionierten Kamera oder Computer aufgrund von Hitze und Staub nicht richtig, mal mache ein Mietauto schlapp, mal würden die am Vortag gekauften Arbeitsschuhe plötzlich auseinanderfallen, oder ein heftiges Gewitter führe dazu, dass die Gräber alle mit Wasser volllaufen.

Wie bereitet man sich darauf vor? «Am Anfang hatte ich den Anspruch, dass immer alles perfekt geplant ist und wir für jedes Problem eine Lösung parat haben», sagt Colombi. Heute wisse sie, dass das nicht möglich sei. Und auch nicht nötig. «Egal, ob etwas kaputt geht, etwas fehlt oder irgendetwas passiert – es gibt immer eine Lösung.» Das klingt doch nach der richtigen Einstellung für den Sprung ins nächste Abenteuer.