«Mission am Nil»
Basler Arzt hilft in Äthiophien: «Ich bin alle Würmer durchgegangen»

Mediziner Dieter Ferel hilft seit Jahren Patienten in Afrika. Es war sein Traum – aber zuerst ein Schock.

Muriel Mercier
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Er liebe die Medizin, sagt der deutsche Arzt aus Basel. Von seiner Arbeit zurückziehen wird er sich also noch lange nicht. Martin Töngi

Er liebe die Medizin, sagt der deutsche Arzt aus Basel. Von seiner Arbeit zurückziehen wird er sich also noch lange nicht. Martin Töngi

Martin Toengi

Im Rücken zwickt es. Der Rachen brennt beim Schlucken. Es flimmert vor den Augen. Wenn sich Frau und Mann in der Schweiz krank fühlen, rufen sie ihren Arzt an, bekommen schnellstmöglich einen Termin und danach die schmerzlindernden Medikamente. Und neben den akuten sind auch die chronischen Erkrankungen wie Arthrose, Rücken- oder Kopfschmerzen im Westen keine Seltenheit. Im Gegensatz zu Entwicklungsländern wie Äthiopien.

Dieter Ferel

Der 76-jährige Neurologe hatte ursprünglich den Plan, für Médecins Sans Frontières in den Entwicklungsländern zu arbeiten. «Die Organisation hatte mir abgesagt, weil ich die Altersgrenze von 65 damals bereits überschritten hatte», sagt er. Ferel hat während 20 Jahren eine Praxis am Marktplatz geführt. Im November eröffnete er wieder eine Praxis auf dem Bruderholz.

Dieter Ferel kann davon ein Liedchen singen. Seit 2005 fliegt der Neurologe jedes Jahr für mehrere Wochen von Basel nach Addis Abeba und kümmert sich in einem Health Center um rund 150 Patienten, die sich jeden Tag vor den Türen einfinden. «Auf dem Land tragen 45 Kilo-leichte Knaben Kilometer weit Behälter mit vielen Litern Wasser drin. Sie haben auch Schmerzen, aber für sie gibt es Existenzielleres als der Schmerz. Nämlich das Überleben.» Tuberkulose ist in Äthiopien immer noch ein weitverbreitetes Problem, erklärt er. Aber: «Die Leute kommen erst, wenn die Ernte fertig ist. In einem Stadion, wo der Eiter schon austritt.»

Überall Krankheits-Schwerpunkte

Einmal in Entwicklungsländern als Arzt zu arbeiten war schon seit Kindheit Ferels Traum. «Ich bin Pfarrerssohn, Albert Schweitzer war für mich eine Galionsfigur.» Doch trotz jahrelanger Arbeit in Basel als Neurologe war es für ihn ein Schockmoment, als er in Äthiopien ankam. «Ich habe gedacht, ich kann mir diese Krankheiten nicht alle merken. Kurz vor der Ankunft bin ich noch einmal alle Würmer durchgegangen.» Aber bald habe er festgestellt, dass jedes grössere Gebiet Krankheits-Schwerpunkte hat. Ebola zum Beispiel sei kein Thema, HIV auch nur selten. Im Gegensatz zu Malaria, Masern, TB und Infektionen.

Mission

Die Institution hilft seit über hundert Jahren benachteiligten Bevölkerungsgruppen in den Ländern entlang dem Nil. Sie ist ein in der evangelischen Landeskirche der Schweiz verwurzeltes Werk mit Zweigvereinen im Ausland. Die Hilfe setzt in den drei Bereichen der Bildung, Gesundheit und Ernährungssicherheit an.

Ferel schloss sich vor zehn Jahren der Schweizer NGO «Mission am Nil» an. Diese hat die Health Center in Äthiopien aufgebaut. Dort arbeitet der heute 76-Jährige nicht in erster Linie als Arzt, sondern übernimmt vielmehr «Teaching» – sprich: die Ausbildung von Pflegern und Krankenschwestern. «Diese haben mittlerweile das Wissen von Ärzten.» Mit Tropenkrankheiten werden sie selber fertig und die Medikamente werden für die meisten Krankheiten problemlos geliefert, führt er aus. Überhaupt sehe er der Entwicklung Äthiopiens positiv entgegen. «Die Infrastruktur ist noch schlecht, aber es wird gut in das Land investiert.» Mittlerweile können die Einheimischen selber Teachings übernehmen und die Angehörigen der Patienten informieren, wie sie diese versorgen müssen. Oder erklären, dass Schwangere Folsäure zu sich nehmen müssen, um Missbildungen bei ihren Babys zu verhindern.

Ägypten ist sein zweites Domizil

Äthiopien ist nicht das einzige Land, wo Ferel seine medizinischen Kenntnisse weitergibt. Seit 2007 ist er regelmässig in Ägypten zu Besuch. Die Arbeit dort sei stressiger. Die Medikamente sind frei zugänglich, Ärztemangel gibt es nicht und die Leute suchen für alles Spezialisten auf. Kurz: Die Basisversorgung fehle.

Für Ferel bedeutet dies, dass seine Dienste als Neurologe häufiger in Anspruch genommen werden. Die Patienten, die neurologisch untersucht werden müssen, «werden zusammengesammelt und zu mir geführt.» Was die Untersuchungen in Ägypten von diesen in Äthiopien unterscheidet, hat auch mit deren weitverbreiteter Religion, dem Islam, zu tun. In Ägypten seien viele Patienten muslimisch: «Es ist schwieriger, eine Frau zu untersuchen.» Zudem behandle man nie nur einen Patienten, sondern die ganze Familie.

Marathon für Wasserpumpen

Für den Basler Arzt aus Deutschland liegt nicht nur die medizinische Stütze in den Entwicklungsländern am Herzen. Er sorgt mit seinem Engagement auch dafür, die Lebensumstände zu erleichtern. Und zwar, indem er Marathon läuft. «Ich sammle Spenden für jeden Kilometer, den ich laufe.» Bis zu 20 000 Franken kommen so jeweils zusammen. Erst im November nahm der leidenschaftliche Sportler am Marathon in New York teil. «Wir haben damit eine Wasserpumpe organisiert, die das Grundwasser für die Einheimischen in Äthiopien nach oben holt.»

Obwohl er Mitte 70 ist, denkt Dieter Ferel noch lange nicht daran, sich als Mediziner zurückzuziehen. «Wieso sollte ich aufhören, wenn ich endlich mal den Überblick über die Medizin bekommen habe», sagt er schmunzelnd. «Ich suche jeden Tag eine intellektuelle Herausforderung. Mir würde es sonst schlecht gehen.»