Wirkte Gerichtspräsidentin Susanne Nese in der Befragung vom Donnerstag zuweilen noch etwas derangiert, zeigte sie am Freitag eine andere Seite. Mit scharfer Präzision eröffnete sie dem Polizisten das Urteil. Dieses hatte es in sich: Mit 210 Tagessätzen à 85 Franken bedingt übertraf das Strafgericht gar die Forderung des Staatsanwalts. Hinzu kommen die Verfahrenskosten in der Höhe von rund 3700 Franken, die der Beschuldigte zu tragen hat. Damit sah es Nese als erwiesen an, was die Rechtsmedizin nahelegte: Der 44-jährige Polizist hat einen Verdächtigen verfolgt. Während zwei Kollegen mit ihm rangen, hat er mit seinem rechten Fuss auf das Gesicht des am Boden Liegenden eingetreten.

Verraten hat den damals noch reichlich unerfahrenen Beamten das Profil seiner abgelaufenen Adidas-Schuhe: Die Sohle passte genau zu den Verletzungen im Gesicht des Opfers. Für den Nasenbeinbruch und die Schürfwunden brauchte es eine gewisse Wucht. Die Aussage des Ordnungshüters, er habe dieses Paar an jenem Abend vor bald vier Jahren nicht getragen, wertete das Gericht als Schutzbehauptung. Auch die Aussagen seiner Berufskollegen, die keine Fusstritte gesehen haben wollen, halfen ihm nicht.

«Keine Not»

«Dass es bei einer Festnahme ruppig zu- und hergehen kann, steht ausser Zweifel. Auch Verletzungen sind nicht aussergewöhnlich. Dass aber mit einem Schuh ins Gesicht getreten wird, schon» sagte Nese. Für diese Massnahme hätte keine Not bestanden. Eine «Machtdemonstration» sei dies gewesen: «Gerade als Polizist sind sie gut als Träger des Gewaltmonopols erkennbar.» Verhandlungsgegenstand war einzig der Amtsmissbrauch.

Über eine Klage wegen einfacher Körperverletzung hatte sich der Täter mit dem Opfer aussergerichtlich einigen können. Um die Strafe kam er deshalb nicht herum, weil der Amtsmissbrauch als Offizialdelikt verfolgt wird. «Damit wird das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Integrität der Beamten geschützt», sagte Nese. Gerade von Polizisten sei mehr Verantwortungsbewusstsein zu erwarten.

Noch kann der schuldig Gesprochene Berufung einlegen. Für ihn geht es wohl um mehr als nur diese Strafe: Ihn erwartet ein Disziplinarverfahren innerhalb der Polizei. Damit droht dem 44-Jährigen, schon bald seinen Job los zu sein.