In den Basler Spitälern werden jährlich über 900 künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt. Weil das eine unerklärbar hohe Anzahl relativ teurer Eingriffe ist, schaut das Basler Gesundheitsdepartement seit 2017 genauer hin – und siehe da, die Fälle haben schlagartig abgenommen. 154 künstliche Hüft- und 122 künstliche Kniegelenke weniger sind im vergangenen Jahr eingesetzt worden, was einer Abnahme um 34,2 Prozent respektive 23,6 Prozent entspricht. Das geht aus dem aktuellen Gesundheitsversorgungsbericht Basel-Stadt hervor, wie die SRF-Sendung «Espresso» am Freitag berichtete.

Thomas von Allmen, Leiter Spitalversorgung beim Basler Gesundheitsdepartement, sagt: «Es ist zwar noch zu früh für definitive Aussagen, aber die Vermutung liegt nahe, dass der Rückgang mit unserer Studie zu tun hat.» Man spreche dabei vom «Billett-Kontrolleur-Effekt», sagt von Allmen. «Wenn man weiss, dass kontrolliert wird, hält man sich eher an vernünftige Regeln.»

Die mit Abstand meisten Operationen mit künstlichen Hüft- und Kniegelenken in Basel werden an der privaten Merian Iselin Klinik durchgeführt. Die bz hätte gerne mit Klinikchef Stephan Fricker darüber gesprochen. Für eine Stellungnahme war er am Freitag jedoch nicht verfügbar.

Gegenüber der Radiosendung sagte Fricker, dass der Kontrolleffekt höchstens eine untergeordnete Rolle spiele und dass die Abnahme hauptsächlich damit zu tun habe, dass 2016 ein Peak-Jahr gewesen sei, also besonders viele Implantationen gemacht worden seien. Die tiefere Anzahl Eingriffe im vergangenen Jahr sei eine natürliche Schwankung.

Millionengeschäft für Spitäler

Recherchen der «Schweiz am Wochenende» zeigen jedoch, dass diese Aussage zumindest für den häufigsten Eingriff nicht stimmt. Gemäss Angaben des Bundesamts für Gesundheit ist die Anzahl Eingriffe zur Implantation einer Endoprothese am Kniegelenk, so der Fachbegriff, an der Merian Iselin Klinik seit 2013 stetig angestiegen und ist 2016 auf dem hohen Niveau von 778 Fällen verharrt. Ähnliches gilt für Hüftgelenk-Prothesen.

Der Kanton Basel-Stadt bezahlt für jede stationäre Knie- oder Hüftgelenkoperation zwischen 10 500 und 11 000 Franken, was einem Total von über 11 Millionen Franken jährlich entspricht, wie in dem am Freitag veröffentlichten Bericht über die Krankenkassenprämienentwicklung im Kanton steht. Wenn schon nur jede zwanzigste Hüft- oder Knieoperation verhindert werden kann, resultieren Einsparungen von einer Million Franken jährlich, wird vorgerechnet.

Entzug des Leistungsauftrags

Die Langzeitstudie «Comi« läuft noch bis ins Jahr 2022. Dabei wird bei Patienten, denen eine Knie- oder Hüftprothese eingesetzt wurde, sechs Monate nach dem Eingriff nachgefragt, ob sich der Gesundheitszustand verbessert habe. Nach zwei Jahren erfolgt eine weitere Befragung. Sobald diese Ergebnisse vorliegen, folgt die tatsächliche Auswertung, die auch Bewertungen einzelner Kliniken beinhaltet. «Wenn die Resultate darauf hinweisen, dass gewisse Spitäler häufiger Eingriffe vornehmen, die wenig bis keinen Nutzen haben, dann werden wir genauere Untersuchungen veranlassen und als letzte Konsequenz den Leistungsauftrag entziehen», sagt von Allmen.

Ebenfalls an der Studie beteiligt ist seit Juli 2017 der Kanton Baselland. Matthias Nigg, Leiter Spitäler, sagt: «Unsere Zahlen lassen noch keine Rückschlüsse zu, weil wir ein gutes halbes Jahr später als Basel-Stadt mit der Datenerhebung begonnen haben. Aber natürlich erhoffen auch wir uns, dass die vorsichtigere Indikation durch die Ärzte zu Kosteneinsparungen führt.»

SP-Grossrat Kaspar Sutter hat schon 2017 von der Basler Regierung Massnahmen zur Fallsenkung bei Knie- und Hüftprothesen gefordert. Dass die Anzahl Eingriffe derart stark zurückgeht, seit der Kanton genauer hinschaut, überrasche ihn dennoch. «Die Zahlen zeigen deutlich, dass Anbieter dazu neigen, zu viele Eingriffe zu machen und dass es stärkere Kontrollen durch den Staat braucht.»