Nähkästchen
Basler Choreograf Richard Wherlock: «Ich habe hier ein Zuhause gefunden»

Der Basler Ballettdirektor und Choreograf Richard Wherlock plaudert aus unserem Nähkästchen. Über Wanderjahre, Heimatgefühle und die Angst vor dem Tod.

Annika Bangerter
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Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Richard Wherlock hat das Thema «Fernweh» gezogen.

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» verstecken sich verschiedene Begriffe. Richard Wherlock hat das Thema «Fernweh» gezogen.

Nicole Nars-Zimmer

Herr Wherlock, über was sprechen wir?

Richard Wherlock: Über Fernweh. Was bedeutet das genau?

Das Wort steht für die Sehnsucht nach fremden Ländern. Kennen Sie dieses Gefühl?

Als Tänzer habe ich auf der ganzen Welt gearbeitet und war jahrelang unterwegs. Dadurch kenne ich beispielsweise Singapur ebenso wie Beirut oder Buenos Aires. Auch mit der Ballettcompany des Theater Basel gehen wir immer wieder auf Tournee. Unter anderem traten wir in China, Spanien oder Südkorea auf. Es gibt kaum eine Ecke auf dieser Welt, wo mich der Tanz noch nicht hingeführt hat. Doch, halt: In Nordkorea war ich noch nie.

Das heisst, Sie kennen berufsbedingt gar kein Fernweh?

Es gibt schon Orte, an die ich mich gerne zurückerinnere. Zum Beispiel an die Insel Penang in Malaysia. Dort war ich in den 80er-Jahren. Der Strand, das Meer: Es
war wunderschön und noch fast ohne Touristen. Aber ja, das Reisen gehört zum Beruf. Tänzer dürfen, ja müssen, stets unterwegs sein. Wir sind zwar schlecht bezahlt, aber dass wir die Welt sehen, ist das grosse Extra.

Welches Land möchten Sie noch besser kennenlernen?

Die Welt. Sie ist zum Entdecken da.

Haben Sie einen Lieblingsort?

Basel!

Wieso, was ist hier so speziell?

Als ich von Berlin nach Basel gezogen bin, haben mich die Menschen hier von Anfang an respektiert. Das ist nicht selbstverständlich und passiert sicherlich auch nicht allen. An Basel gefallen mir die Denkweise und auch die Lage. Städte wie Paris oder Mailand erreicht man rasch.

Sie haben seit Kurzem den Schweizer Pass. Wieso ist dieser wichtig für Sie?

Das geht darauf zurück, dass ich hier akzeptiert werde. Als ich mein Zuhause in England verlassen hatte, war ich sehr jung, knapp 15 Jahre alt. Es folgten Wanderjahre rund um die Welt. Als junger Mensch war das sehr aufregend. In Basel fand ich einen Ort vor, an dem sich plötzlich das Gefühl einstellte: Hier bin ich Zuhause. Ich verstehe die Mentalität und werde respektiert. Ich liebe meinen Job, es ist der schönste Beruf überhaupt. Über viele Jahre war damit aber auch ein Kampf um Akzeptanz verbunden. Dass heute mein Name am Spalenberg neben Persönlichkeiten wie Roger Federer oder Arthur Cohn steht, ist für mich eine grosse Ehre.

Wieso mussten Sie um Respekt kämpfen?

Als Balletttänzer traf ich auf viele Vorurteilen. Die Bemerkung, ‹ah, Sie sind schwul›, gehörte ebenso dazu wie die Frage, was ich denn tagsüber machen würde. Der Beruf war lange gesellschaftlich nicht anerkannt. Auch in der Schweiz nicht. Inzwischen hat sich das verändert, auch wenn Tänzer noch nicht denselben Stellenwert wie in Kuba haben. Dort ist ein Balletttänzer ähnlich bekannt wie ein Fussballstar. Das ist wunderschön. Denn der Tanz bringt nicht nur Paare zusammen, sondern auch eine Gesellschaft. Er kann den Menschen helfen, ein bisschen glücklicher zu sein. Das ist gerade in Zeiten wie diesen wichtig.

Was macht Ihnen aktuell Sorgen?

Dieses politische Gegeneinander und wie Ängste geschürt werden, finde ich bedrohlich. Es gibt Tendenzen, die zeigen, dass wir den nächsten Generationen gerade einige Schwierigkeiten vorbereiten. Als Künstler müssen wir deshalb auch positive Momente schaffen. In Basel versuchen wir es im Kleinen, indem wir Projekte machen für krebskranke Kinder oder Kinder mit einem Handicap. In meinem Leben habe ich viel Glück erfahren: Das möchte ich teilen und etwas davon zurückgeben. Ich habe diesbezüglich noch einiges vor. Deshalb habe ich wohl auch ein bisschen Angst vor dem Tod.

Gibt es dafür einen Grund oder einen Auslöser?

Ich hatte kürzlich mit meinem Mountainbike einen Unfall. Ich bin verhältnismässig glücklich gefallen. Zwar habe ich mir Rippen, aber nicht das Genick gebrochen. Da wurde mir klar: Es wäre ‹such a shit›, jetzt schon gehen zu müssen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Nein.

Ist alles vergänglich?

Ich war vor nicht allzu langer Zeit im Krematorium in Basel. Diesen Sommer sind wir bei der Eröffnung des neuen Baus dabei, zwei Tänzer werden dort auftreten. Um zu sehen, wie ein Krematorium funktioniert, stand ich also vor dem Ofen und in der Leichenhalle. Ich sah zu, wie die Körper im Feuer verbrannten und am Ende nur noch ein Häufchen Asche waren. That’s it. Als ich nach Hause kam, war ich richtig fertig. Dieses Erlebnis ging mir nahe. Aber vielleicht können wir das Leben ja so steuern, dass wir zu einer Urne voll glücklicher Asche werden. Was ich damit sagen will: Ich möchte etwas Kleines bewirkt haben, etwas zurücklassen, das für Glück sorgt. Ich weiss, das klingt nun ein wenig nach Buddhismus.