Frau Strahm, was ist das Thema?

Andrea Strahm: Männer. Reden wir jetzt darüber, dass ich Single bin?

Können wir gerne. Aber nicht nur. Der Anwaltsberuf ist eine Männerdomäne. Sie bewegen sich seit Jahren darin.

Stimmt, ich arbeite in einer Männerwelt.

«It’s a man’s world» – der Song ist 60 Jahre alt, aber auch noch im Jahr 2018 trifft das auf viele Berufsgruppen zu.

Ich sehe viele Verbesserungen zugunsten der Frauen, wenn ich an die 1980er-Jahre zurückdenke, als ich ins Berufsleben eingestiegen bin. Aber es ist noch heute so: Je machtvoller die Position, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass diese ein Mann besetzt.

Weshalb?

Wenn ein Mann Karriere macht, steigt er im sozialen Gefüge auf. Dieses Renommee ist ein grosser Motivationsgrund. Wenn eine Frau Karriere macht, wird dies eher misstrauisch beäugt. So meine Erfahrung.

Mussten Sie als Juristin oftmals darum kämpfen, ernst genommen zu werden?

Man bekommt eine dicke Haut, ja. Ich war die erste Frau am Solothurner Amtsgericht, und als ich studierte, befanden wir Frauen uns in der klaren Minderheit, waren oftmals Exoten. Das war unangenehm, ich bin immer aufgefallen. Ich erinnere mich an einen Dozenten, der zur Begrüssung stets «Meine Herren» gesagt und uns Frauen ignoriert hat. Das hat mich erstaunlicherweise aber nicht gestört; er faszinierte mich aufgrund seines immensen Fachwissens.

Wie haben Sie diese Jahre geprägt? Welche typisch männlichen Seiten haben Sie sich mit den Jahren angeeignet?

Ich habe gelernt: Wer Gefühle zeigt, macht sich verletzlich. Das vermeide ich im Beruf. Zudem bin ich sicher ein bisschen zackiger unterwegs, als ich es ursprünglich war. Wenn ich mich zum Beispiel in reinen Frauengremien bewege, dauert es mir oftmals zu lange, bis die Anwesenden endlich zur Sache kommen oder gar mal auf den Tisch hauen. Frauen trauen sich immer noch zu wenig zu. Männer sind viel direkter, und ich mittlerweile auch.

Ich zitiere Sie aus einem kürzlich erschienenen Leserbrief: «Es ist ein Machtmittel gewisser Herren, die ihnen beruflich oder politisch gefährlich werdende Dame sexuell anzugehen ...» Sprechen Sie da aus Erfahrung?

Ja – leider. Während meines Anwaltspraktikums versuchte ein Behördenmitglied und Vorgesetzter, mich zu vergewaltigen. Ich konnte mich wehren, verpasste ihm einen «Leberhaken» und befreite mich. Ein traumatisches Erlebnis. Gemeldet hat man einen solchen Vorfall damals in den 1980er-Jahren nicht. Rückblickend überwiegen aber die positiven Erfahrungen. Weitaus die meisten Männer, mit denen ich beruflich zu tun hatte, sind mir mit grossem Respekt begegnet. Da haben auch keine Machtspiele stattgefunden.

Sexuelle Belästigung ist seit dem Lostreten der #metoo-Debatte ein Dauerthema, jüngst an der Verleihung der Golden Globes.

Ich begrüsse es, dass Frauen solche Vorfälle, ermutigt durch diese Bewegung, offen ansprechen, habe aber Mühe, wenn das erst nach 30 Jahren passiert. Das Bewusstsein, sich wehren zu können und nicht jedes Verhalten akzeptieren zu müssen, ist wichtig. Ich bin da noch ganz anders erzogen worden: Frauen mussten lieb und nett sein und sich alles gefallen lassen. Allerdings hoffe ich, dass Männer nun nicht unter Generalverdacht geraten – diese Gefahr besteht bei diesem Hype. Die wenigsten Männer verhalten sich so gegenüber Frauen.

Gibt es einen Mann, den Sie bewundern? Ein grosses Vorbild?

Ja, den Dozenten, den ich zu Beginn erwähnt habe. Ich habe ihn bewundert – wegen seines messerscharfen Verstands.

Und gibt es einen Mann, den Sie total daneben finden?

Da geht es mir wie vielen anderen: Donald Trump finde ich nicht nur daneben, sondern auch sehr gefährlich. Gerade, was aktuell den Konflikt mit Nordkorea angeht.

Seit er Präsident und damit der mächtigste Mann der Welt ist, dreht er vollends durch. Können Frauen besser mit Macht umgehen als Männer?

Ich denke, das ist eher eine Charakterfrage. Macht ist ein verlockendes Instrument, missbraucht zu werden – ob nun von Frauen oder Männern.

Als Präsidentin der CVP Basel-Stadt waren Sie eine mächtige Frau. Vor einem Jahr sind Sie zurückgetreten, um Platz zu machen für die junge Generation. Man wird das Gefühl nicht los, dass Sie gerne noch länger auf diesem Posten geblieben wären und auf noch prestigeträchtigere Ämter spekuliert haben.

Es ist richtig, dass mir das Amt Spass gemacht hat. Aber ich musste mir eingestehen, dass die CVP junge Leute braucht, um auf die Erfolgsstrasse zurückzukehren. Deshalb habe ich den jetzigen Präsidenten Balz Herter vor zwei Jahren in die Parteileitung geholt. Das Amt hilft, jemanden aufzubauen. Und für mich war eine Regierungsratskarriere – anders als für meine Vorgänger Lukas Engelberger und Carlo Conti – kein Thema.

Politisch ist es nun ziemlich ruhig um Sie geworden.

Ich bin immer noch im Parteivorstand der CVP Basel-Stadt. Und ich schliesse nicht aus, wieder aktiv zu werden – etwa, indem ich mich für die Grossratswahlen 2020 aufstellen lasse. Aber im Moment fokussiere ich auf meinen Beruf: Nach mehr als 20 Jahren wechsle ich den Job.

Mit 62 Jahren? Warum das?

Man hat mich angefragt, Partnerin bei einem Advokaturbüro zu werden, und dies ist sehr reizvoll. Da es im bisherigen Büro zu einer Nachfolgelösung kommt, ergriff ich die Gelegenheit. Und ich werde mit 64 Jahren sicher noch nicht in Pension gehen. Ich liebe meinen Beruf, mein Spezialgebiet des Geistigen Eigentums ist sehr interessant.

Haben es beruflich erfolgreiche Frauen schwerer, einen Partner zu finden? Sie haben es ja schon angetönt, dass Sie Single sind.

Ich war in zwei sehr langen Beziehungen, die letzte dauerte 27 Jahre, da kann man nicht von «Schwerhaben» reden. Ich bin ja erst seit wenigen Jahren solo. Und zudem nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Derzeit geniesse ich meine Freiheit und das Alleinsein. Es ist gut, nicht Rücksicht nehmen zu müssen.

Geben Sie ein Beispiel.

Ich bin eine Frühaufsteherin; meine Ex-Partner waren das überhaupt nicht, ich ging ihnen auf den Wecker mit meiner morgendlichen gute Laune. Jetzt kann ich in aller Herrgottsfrühe aufstehen (lacht). Ausserdem bin ich selbstbewusster geworden und traue mir mehr zu.