Theaterfestival
Basler Dokumentartage: Das Theaterspiel mit der Wirklichkeit

Zum ersten Mal finden vom 17. bis 21. April die Basler Dokumentartage statt. Junge Theatermacher erklären die Realität zum Theaterstoff, sie dekonstruieren die eigenen Entstehungsprozesse, sie öffnen die Bühne für Laien und fürs Alltägliche.

Susanna Petrin
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Phöbe Heydt und Boris Nikitin, die Erfinder von «The Real Thing».

Phöbe Heydt und Boris Nikitin, die Erfinder von «The Real Thing».

Kenneth Nars

Egal, was auf der Bühne passiert, im Theater fühlt man sich sicher, weil klar ist, dass alles Fiktion ist, ein inszeniertes Spiel. Eigentlich, traditionellerweise. Vor allem junge Theatermacher und freie Gruppen rütteln seit rund zehn Jahren wieder einmal an dieser Prämisse. Sie erklären die Realität zum Theaterstoff, zur inszenierten Wirklichkeit; sie dekonstruieren die eigenen Entstehungsprozesse, sie öffnen die Bühne für Laien, fürs Alltägliche, fürs Politische. Ganz konkret oder verzerrt.

Dokumentarisches Theater heisst dieses Genre. Besonders bekannt geworden damit ist die Gruppe «Rimini Protokoll», die zuletzt 100 verschiedene Bürger einer Stadt exemplarisch auf die Bühne brachte. Doch die Gattung ist äusserst vielfältig. «It’s the Real Thing», ein neues Theaterfestival in Basel bietet nun vom
17. bis 21. April die Möglichkeit, zeitgenössisches, dokumentarisches Theater in all seinen Facetten zu erleben – und danach darüber zu reden.

She She Pop, Jérôme Bel, Milo Rau

Der künstlerische Leiter, Regisseur Boris Nikitin, hat einige der wichtigsten Vertreterinnen und Vertreter des Realitätstheaters für das Basler Festival gewinnen können. Wie kommt eine Identität zu-stande? Die Performerinnen des Kollektivs She She Pop werden Lebensschubladen öffnen und nach biografischem Material wühlen. Wie begegnen sich gegensätzliche Kulturen? Der französische Choreograf Jérôme Bel und der thailändische Khon-Tänzer Pichet Klunchun choreografieren ihr Zusammentreffen. Was hat die Rede eines 77-fachen Mörders mit uns zu tun? Milo Raus umstrittene Breivik-Inszenierung wird gezeigt. Es folgen Aufführungen von Rabih Mroué, Rachid Ouramdane und Cuqui Jerez.

Letztere hat Boris Nikitin bewusst als Schlusspunkt des gesamten Festivals gesetzt. Bei Jerez wird für eine Theateraufführung geprobt. Doch wisse man als Zuschauer nicht, ob das nun Ernst oder Spiel sei, virtuos oder dilettantisch. «Jerez treibt ‹Real Fiction› auf die Spitze», sagt Nikitin – «Real Fiction» heisst auch ein gleichnamiges Stück dieser spanischen Regisseurin.

Die Ambivalenz bereits im Titel trägt auch «Imitation of Life», eines von Nikitins eigenen Stücken – zwei Schauspieler erzählen dem Publikum ihre vermeintlichen Biografien. «Ist das wahr oder nicht? Ist das Illusion oder Wirklichkeit? Was ist Wirklichkeit überhaupt?» Die Skepsis gegenüber Dokumenten, gegenüber allem, was als objektiv wahr präsentiert wird, treiben Boris Nikitin und dieses von ihm bevorzugte Theatergenre schon seit Jahren um. «Auch Journalisten müssten eigentlich bei jedem Artikel dazuschreiben: Das könnte alles auch erfunden sein», sagt er. «Mich interessieren die Grundannahmen, die wir voraussetzen, wenn wir über Wirklichkeit nachdenken.»

Nikitin ist ebenso fasziniert von Momenten, in denen «einem die Wirklichkeit plötzlich so fremd oder künstlich vorkommt». An solchen Realitätsverschiebungen möchte er die Zuschauer teilnehmen lassen. Das Festival bietet begleitete Exkursionen in die Kirche, in die Schule und ins Gericht an. «Als Beobachter plötzlich wieder in einer Schulklasse zu sitzen, das ist surreal und interessant», sagt Nikitin, «es ist wichtig, dort hinzugehen. Durch den theatralen Blick können wir diesen Ort, an dem unsere Kinder erzogen werden, anders kennen und verstehen lernen.»

Gefahren des Genres

Ein gut gemachter Film ist interessanter als vor sich hin schwafelnde Big-Brother-Akteure. Irgendeine Frau Meier auf der Bühne hat uns weniger zu sagen als eine Kunstfigur wie Hamlet. Besteht nicht die Gefahr, dass realistisches Theater ins Belanglose gleitet? «Es reicht selten, irgendetwas auf die Bühne zu stellen», sagt Nikitin, «ob es interessant wird, ist natürlich immer auch eine Frage der Form». Und Produktionsleiterin Phöbe Heydt sieht das Format eher als «Chance, aktuelle, politische Themen zu setzen».

Die Fragen gehen weiter: Was ist mit dem täglichen Intimitätsterror auf Facebook und Co.? Wird nicht schon genug Selbstinszenierung geübt? Was, wenn Holocaustleugner auf die Idee kommen, sich dieses alles hinterfragenden Genres zu bedienen? Wo ist die Grenze, wenn es eine gibt?

Zu diskutieren gibt es genug, und das ist auch gut so: Die Aufführungen werden durch Publikumsgespräche, Workshops sowie ein zweitägiges Symposium am Wochenende ergänzt. Als Redner, der übers Reden redet, ist der linke deutsche Bundesabgeordnete Gregor Gysi eingeladen worden. Phöbe Heydt hofft, dass er einige seiner rhetorischen Tricks verrät. Denn auch darum geht es im Realitäts-Theater: «Wie programmieren wir uns jeden Tag ideologisch selbst? Und wie manipulieren wir die Wirklichkeits-Wahrnehmung anderer?»

Basler Dokumentartage 13 spielt an realen Schauplätzen sowie auf den Bühnen der Theater Kaserne und Roxy. Programm und Tickets unter: www.itstherealthing.ch