Worüber sprechen wir heute?

Odette Hella’Grand: Über Verwandlung.

Für Ihre Kunst verwandeln Sie sich. Wer sind Sie im privaten Leben?

Jouko. Ein bodenständiger, 28-jähriger Mann, der im Gesundheitswesen arbeitet und seit zehn Jahren single ist.

Wie sind Sie zum Drag gekommen?

Ich fing 2015 bei der Aids-Hilfe beider Basel als Präventionsmitarbeiter an. Dort war ich quasi als Maskottchen unterwegs. Mit Maske und High-Heels, damit mich niemand erkennt. 2016 habe ich auch alle vier Drag-Wettkämpfe der Schweiz gewonnen. Bisher bin ich die Einzige, die das geschafft hat. Von da an hat sich alles so ergeben.

Ist die Verwandlung in Odette eine Flucht aus dem Alltag?

Auf jeden Fall. Damit kanalisiere ich mittlerweile meine Gayness. Im Alltag bin ich relativ zurückhaltend, still und manchmal etwas schüchtern. Als Drag Queen kann ich mich ein Stück weit ausleben und exponieren. In diesem Moment geniesse ich das Rampenlicht, habe aber immer meine schützende «Maske». Wenn ich mich nach einem Auftritt abschminke und Odette wortwörtlich in der Dusche runterspüle, bin ich zurück im Alltag. Und kann mich darauf dann wieder voll konzentrieren.

Haben Odette und Jouko etwas gemeinsam oder sind die beiden grundverschieden?

Wir haben das selbe Herz und die gleichen Extremitäten. Gewisse charakterlichen Gemeinsamkeiten lebt Odette überspitzter. Ich war immer ein sehr ehrlicher und direkter Mensch. Odette ist manchmal schmerzhaft ehrlich — sie hat den Charme einer Kettensäge.

Sie tragen oft hochhackige Schuhe. Kann man das Laufen erlernen oder sind sie ein Naturtalent?

Ich denke, dabei hilft mir meine langjährige Erfahrung im Leistungssport. Im Endeffekt muss man einfach das Gleichgewicht halten können. Schwule können oft besser auf High-Heels laufen als viele Frauen. Vielleicht auch, weil wir mehr Muskelmasse haben. Mein Geheimtipp: Brust raus und einen Fuss vor den andern setzen.

Wie lange braucht Odette im Bad?

Inklusive Rasieren und Schminken eine knappe Stunde. Wenn ich Zeit und Lust habe auch mal drei. Den Make-Up-Prozess mag ich aber eigentlich am wenigsten. Der Anfang ist halt relativ schmutzig und blutig. Ist meine Haut gerade nicht so gut, habe ich nach dem Rasieren überall Schnittwunden. Lasern ist für mich kein Thema. Für das trage ich privat viel zu gerne Stoppeln im Gesicht. Das kommt bei den Männern gut an.

Wo haben Sie das Schminken gelernt?

Eine Make-Up-begeisterte Freundin hat mir die Grundlagen beigebracht. Da sie aber leider nicht an jede meiner Shows mitkommen und mich stylen kann, musste ich zwangsmässig selber zum Pinsel greifen. Im Internet habe ich mir Videoanleitungen angeschaut. Mittlerweile habe ich alle alten Bilder von mir aus dem Internet gelöscht. Warum? Weil meine Augenbrauen damals aussahen wie das Logo von McDonald’s.

Bleibt Ihr Privatleben manchmal wegen Ihrer Kunst auf der Strecke?

Gewisse potenzielle Partner hatten schon ihre Mühe damit, dass ich nebenbei Drag mache. Die denken dann, ich sei sehr feminin. Eine Beziehung ist viel Arbeit, dafür hat mir bisher oft die Zeit gefehlt. Früher dachte ich, ich bräuchte einen Partner, um glücklich zu sein. Heute kann ich sagen, dass ich es auch alleine bin. Wenn ich mal jemanden treffe, der mich bei meiner Kunst unterstützt, freue ich mich. Wenn nicht, ist das auch okay. Tiefe Freundschaften sind mir viel wichtiger.

Hat die Rolle als Odette Sie verändert?

Sehr. Bevor ich Drag gemacht habe, war ich auch privat laut und extrovertiert und habe meine Homosexualität sehr extravagant nach aussen getragen. Seit Odette existiert, hat sich das etwas gelegt. Weil ich mich im Drag kreativ ausleben kann, habe ich meine Mitte gefunden.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihr Alter Ego?

Ich bekomme eigentlich durchwegs positive Reaktionen. Hinter Odette steht eine ganze Kompanie an Menschen, die ihr auf verschiedenste Art und Weise helfen. Anfangs habe ich meine Drag-Person vor meiner Familie verheimlicht. Das ist heute nicht mehr so. Meine Mutter repariert meine Kostüme, mein Vater baut mir Bühnen und meine Geschwister kommen zu meinen Auftritten. Sie alle haben eine Weile gebraucht, um meine Kunst zu akzeptieren. Mittlerweile sind sie aber ziemlich stolz auf mich.

Sind Basler tolerant? Haben Sie auch schon Unschönes erlebt?

Ich sage immer «In Basel spuckt man vor Dir auf den Boden und in Zürich ins Gesicht». Basler haben einen gewissen Grundrespekt. Weil Basel eine Kulturstadt ist, sind die Reaktionen hier überwiegend positiv. Mit den wenigen, die mich beleidigen, habe ich eher Mitleid.

Welchen Zweck hat Ihre Verwandlung? Ist sie ein sozialpolitisches Statement oder einfach nur Freizeitspass?

Ich glaube, um die ersten paar Jahre im Drag-Geschäft zu überleben braucht man schon eine tiefgründigere Motivation als nur der Spass an der Sache. Zu Beginn wird man scharf kritisiert und muss unglaublich viel Schweiss und Herzblut in die Sache investieren.

Was halten Sie vom Frauenstreik?

Meine Schwester hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, vorbeizukommen und in Drag mitzulaufen. Es spricht nichts dagegen.

Ist Drag zum Kommerz geworden?

Mittlerweile schwappt die Drag-Welle aus Amerika in die Schweiz. Dass die Kunstform in der Schweiz massenkompatibel geworden ist, finde ich gut. Früher bin ich in versteckten Schwulenbars im Kleinbasel aufgetreten. Heute habe ich Shows in der Steinen oder arbeite mit der Kaserne zusammen. In Sachen Aufklärung über Drag und sexuelle Minderheiten allgemein gibt es aber trotzdem noch viel Nachholbedarf.

Können Sie sich vorstellen, ihren Hauptjob für die Drag-Kunst an den Nagel zu hängen?

Sobald man sich dafür entscheidet, eine Kunstform beruflich auszuüben, macht man sich abhängig und ist auf Auftritte angewiesen. Ich möchte mir meine Shows aber selbst aussuchen. Andere gehen Segeln, ich verkleide mich. Sollte sich irgendwann die eine grosse Möglichkeit ergeben, kann man darüber reden. Bis dahin bleibt es einfach das, was es ist: ein Hobby.