Nähkästchen

Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer: «Ich stellte als Schüler alles infrage»

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» finden sich viele Lösli mit verschiedenen Begriffen darauf. Conradin Cramer hat «Geständnis» herausgefischt.

Der Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer (40) plaudert aus dem Nähkästchen. Über Spickzettel, seine Hassfächer und Handys.

Conradin Cramer, welchen Begriff haben Sie gezogen?

«Geständnis». Oha. Sitze ich jetzt auf der Anklagebank?

Nein, nein. Was waren Sie für ein Schüler? Streber oder Problemfall?

Wohl was dazwischen. Aber gewisse Lehrer mochten mich nicht besonders.

Weshalb?

Ich war ein anspruchsvoller Schüler, der alles infrage stellte. Besonders in der Pubertät begegnete ich den Lehrern sehr kritisch, nahm gerne die Gegenposition ein, wenn ich inhaltlich nicht einverstanden war, wenn ein Lehrer seine politische Meinung äusserte, oder auch, was den Unterrichtsstil anbelangt.

Ein Lehrerschreck.

Das nun auch nicht. Es gab solche, die haben die Diskussionskultur geschätzt, etwa der Geschichts- und der Deutschlehrer. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Auch im Hinblick auf meine politische Laufbahn. Ja, da habe ich meine Leidenschaft fürs Diskutieren, fürs Debattieren entdeckt.

Kamen Sie vor lauter Diskutieren überhaupt noch zum Lernen?

Doch, ich bin gut durchgekommen.

Was war Ihr Lieblingsfach?

Deutsch, Geschichte, auch Englisch.... In Mathe und Physik musste ich indes um knapp genügende Noten kämpfen.

Hatten Sie mal einen Einser?

Ja, in einer schriftlichen Latein-Prüfung war das. Ein deutliches Zeichen der Lehrerin, dass ich mich mal am Riemen reissen soll. Das stachelte meinen Ehrgeiz an.

Apropos: 2018 haben Sie das Noten-Band an Basler Schulen eingeführt. Der Klassenschnitt darf nicht über 5 respektive unter 4 liegen. Ihr Ziel: die Gymnasialquote zu senken. Die Lehrer befürchteten, das führe im Gegenteil zu einer höheren Quote, weil so in schwächeren Klassen Schüler «gelupft» werden. Ihre Bilanz nach einem Jahr?

Erste Zahlen stimmen mich zuversichtlich. Sie zeigen, dass die Quote sinkt. Ich bin weiterhin der Überzeugung, dass eine hohe Gymnasialquote niemandem dient. Den Schülern nicht, der Lehre auch nicht. Es führt zu Misserfolgen und Frustrationen.

Zeit für ein Geständnis: Haben Sie als Schüler ab und zu gespickt?

Für Physik- und Mathetests habe ich hin und wieder die Formeln auf kleine Zettelchen gekritzelt. Meist konnte ich die kleine Schrift dann aber gar nicht mehr lesen – oder es waren die falschen Formeln... Es hat sich nicht wirklich gelohnt(lacht).

Und geschwänzt?

Selten. Das war nicht mein Ding.

Bei welcher Gelegenheit geschah das?

Daran kann ich mich nicht erinnern.

Ach, kommen Sie. Vielleicht nach einer Partynacht mit Freunden?

Nein, ich war schon früh ziemlich diszipliniert, quälte mich trotz Müdigkeit in die Schule. Allerdings war ich dann nur physisch anwesend (lacht).

In den letzten Wochen haben viele Basler Schüler geschwänzt: Sie nahmen an Klima-Demos teil. Eine gute Sache. Doch Sie bestanden darauf, dass diese Absenzen unentschuldigt bleiben. Weshalb haben Sie den Schülern dieses Zugeständnis nicht gemacht?

Wenn Unterricht ist, ist Unterricht. Ein wesentlicher Grundsatz der Schule. Zukünftig ist es aber möglich, die betreffende Schulstunde nachzuholen oder zu verschieben. Jede Schule, jede Klasse soll selbst ausloten, was in solchen Fällen möglich ist.

Im Gym Leonhard wurde kürzlich ein Flugverbot für Maturreisen beschlossen. Von einem kantonalen Flugverbot sieht Ihr Departement ab. Weshalb?

Solche Entscheide müssen von den Schülern ausgehen und diskutiert werden. Da möchten wir nicht reinfunken.

Welche Position würden Sie beziehen, wenn Sie heute Schüler wären?

Ich könnte mir vorstellen, dass ich dagegen gewesen wäre. Wohl hätte ich nicht eingesehen, weshalb die Eltern oder andere Verwandte früher ständig rumgeflogen sind, und wir das jetzt nicht dürfen.

Verreisen Sie oft mit dem Flugzeug? Oder auch mal mit dem Zug?

Ich reise gerne mit der Bahn, aber oft fliegen meine Frau und ich in die Ferien. In den vergangenen Jahren haben wir ein paar Fernreisen unternommen. Ich habe keine speziell gute CO2-Bilanz.

Es ist ja auch schön, eine gewisse Distanz zwischen sich und den Alltag zu bringen... Sie sind seit zwei Jahren in der Regierung und Vorsteher des Erziehungsdepartement. Fühlen Sie sich wohl im Amt?

Mittlerweile bin ich sicher in der Sache, ja. Ich musste mir allerdings eingestehen, dass es mehr Zeit braucht als gedacht, mich einzuarbeiten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, die doch sehr viele Menschen betreffen. Mittlerweile habe ich die Selbstsicherheit, die es dafür braucht.

Sie nehmen Ihre Arbeit auch mit einer zünftigen Portion Humor. Am Dies Academicus traten Sie in der Rolle eines Greises auf. Und nächste Woche nehmen Sie als Waggis am Ziigli des Bläsischulhauses teil. Laufen Sie nicht Gefahr, als Spass-Minister angesehen, nicht ernst genommen zu werden?

Nein! Im Falle der Schulfasnacht möchte ich zeigen, was für eine tolle Arbeit da geleistet wird. Wenn ein Regierungsrat vor Ort ist, erhalten solche Anlässe mehr Aufmerksamkeit. Und der Greis hat mir die Chance gegeben, gewisse Dinge in einer Deutlichkeit zu sagen, wie es mir sonst nicht möglich ist. Und es macht auch Spass, sowas auszuhecken.

Wären Sie gerne nochmals Kind?

Nein, das ist zu weit weg... Könnte ich mir nicht mehr vorstellen.

Kind sein ist ja auch brutal. Gerade heute, im Handyzeitalter. Wer keines hat, gerät schnell ins Abseits. Und wer nicht viele Likes auf Instagram bekommt, ist ein Looser. Viele Eltern machen den Fehler, ihren Kindern viel zu früh ein Handy zu kaufen.

Ja, der Umgang mit den neuen Technologien ist ein grosses Thema in unserem Departement und an den Schulen. Allerdings: Handys ganz zu verbieten oder gar den Eltern Verbote aufzuerlegen, das funktioniert nicht. Wir müssen vielmehr versuchen, in punkto Umgang mit dem Handy zu sensibilisieren. Sowohl die Lehrer als auch die Eltern. Und Grenzen zu setzen im Schulgebäude. Klare Regeln braucht es da.

Wann würden Sie Ihrem Kind ein Handy kaufen?

Ich muss gestehen: Darüber habe ich mir als Kinderloser noch keine Gedanken gemacht. Aber je länger man das hinauszögern kann, desto besser.

Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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