Geröll, Scherben, Knochen, Schädel und russgeschwärzte Wände: Diese zerstörte Grabanlage KV 40 im Tal der Könige ist das Grab der Königskinder. Ein Team um die Basler Ägyptologieprofessorin Susanne Bickel stiess im Grab auf mumifizierte Überreste von mindestens 50 Personen; 30 davon konnten die Forscher anhand von Inschriften auf Tongefässen namentlich identifizieren.

Es sind die «Königstöchter» und «Königssöhne» der beiden Pharaonen Thutmosis IV und Amenhotep III., die im 14. Jahrhundert vor Christus regierten. «Für mich ist das Tolle am Fund, dass man durch die Identifikation nun weiss, wer neben den Pharaonen in Gräbern im Tal der Könige bestattet werden durfte», sagt Susanne Bickel, die das Projekt in Ägypten leitet. Zudem erhalte man bisher ungekannten Einblick in den Hof des Pharao, insbesondere in das Frauenquartier.

In der Fundstätte sind wesentlich mehr Frauen als Männer begraben, darunter sind gemäss der Inschriften auch Ausländerinnen. «Wir können annehmen, dass diese durch diplomatische Heiraten von anderen Königshäusern im Nahen Osten an den Hof des Pharao kamen», erklärt Bickel. Die Prinzessinnen zogen in der Regel mit vielen Gefolgsdamen an den neuen Hof. Was bisher noch nicht bekannt war: «Offensichtlich wurden sie zusammen mit den Pharaonentöchtern und -söhnen bestattet.»

Grabräuber hinterliessen Chaos

Die Forschungsarbeit der Basler Archäologen in Ägypten hat seit Jahren Tradition. Das momentan Laufende «Kings Valley Project» wurde 2009 gestartet. Ein Team von 12 bis 15 Leuten der Universität Basel und etwa 15 bis 25 ägyptischen Wissenschaftlern und Arbeitern bearbeitet in jährlicher Feldarbeit das Grab KV 40.

Trotz der politischen Umbrüche im Land sei die Zusammenarbeit weiterhin sehr gut, sagt Bickel, die selber mehrere Jahre in Kairo gearbeitet hat. «Ich und auch die Grabungsleiterin konnten über die Jahre gute Beziehungen knüpfen.» Das Team aus Basel sei sehr gut integriert. «Wir haben den nötigen Respekt vor der Arbeit und der Situation der Leute.»

Die diesjährigen Erkenntnisse im Tal der Könige führen die bisherigen Erfolge des Projektes fort. Vor zwei Jahren fand das Team das bis dahin unbekannte Grab einer Sängerin des Gottes Ahmun. Die Mumie aus dem 9. Jahrhundert war völlig intakt - ganz im Gegensatz zum Grab der Königskinder. «Das ist ganz besonders chaotisch, so einen Anblick habe ich noch nie gesehen», sagt Bickel, die in ihrer Arbeit als Ägyptologin schon viele Grabungsstätten gesehen hat.

Grund für das Durcheinander ist, dass das Grab mehrfach von Räubern durchwühlt und wohl bei einer der letzten Raubzüge auch abgefackelt wurde. «Das tut schon weh, wenn man bedenkt, wie wunderbar die Holzsärge und Kartonage-Mumienhüllen bemalt gewesen sein müssen.»

Die Grabräuber haben alles mitgenommen, das materiellen Wert hatte, und haben dabei auch die Mumien von Frauen, Männern, Kindern und Babys zerstört. Fundstücke, die im Museum ausgestellt werden könnten, sind darum kaum übrig geblieben.

Nächste Arbeit: Köpfe zuordnen

«Für uns ist die Information, die das Grab enthält, wertvoll», erklärt Bickel. Zum Beispiel sind auch ganz kleine Kinder in aufwändiger Weise bestattet. Bisher war die Annahme, dass Kinder eher einfach begraben wurden.

Allerdings beginnt nun mit dem Fund für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die eigentliche Arbeit. «Diese wird darin bestehen, dass wir die Einzelteile geduldig zusammenpuzzeln.» Die Anthropologen werden versuchen, die Mumienstücke zusammenzusetzen - die Archäologen widmen sich zerbrochenen Krügen und Masken. «Wir können momentan nicht sagen, welcher Kopf zu welcher Prinzessin gehört. Es ist auch nicht sicher, ob das gelingen wird.»

Bickel rechnet damit, dass die weitere Arbeit am Grab der Königskinder fünf bis sechs Jahre dauern wird. Bickel ist sicher: «Die Mumien werden noch viel Information preisgeben.» Sobald alles untersucht ist, werden die Fundstücke durch die ägyptischen Behörden eingelagert.

Bickel widerspricht der Aussage, das Tal der Könige sei bereits erforscht: «Da ist noch längst nicht alles untersucht.» Bisher hätten sich die Forscher auf die königlichen Gräber konzentriert, deren Wände bemalt sind. Das sei auch der Grund, warum die anderen nicht interessiert hätten: Weil sie nicht dekoriert sind. «Wir untersuchen diese nicht primär, weil sie schön sind, sondern weil sie wissenschaftlich wertvoll sind.» Und im Tal warten noch viele unbearbeitete Gräber darauf, archäologisch untersucht zu werden.