Sie begann mit dem Ruf der Jugend nach Autonomie: die Eroberung von Freiräumen in und um Basel. Eine Ausstellung blickt mit bewegten Bildern auf bewegte Jahre der Stadt- und Landgeschichte zurück, vom AJZ über die Alte Stadtgärtnerei bis zum nt/Areal oder dem Walzwerk in Münchenstein. «68-88-18», so der Titel der Retrospektive, arbeitet die Freiraumdebatte historisch auf, in Gesprächen, in Videos. Die Ausstellung ist bezeichnenderweise in einer Zwischennutzung zu erleben, an der Basler Webergasse. Wie haben sich Freiräume und Zwischennutzungen im Lauf der Zeit verändert? Die Historiker und Ausstellungsmacher Dominique Rudin und Benedikt Wyss geben Auskunft.

Was ist das eigentlich, ein Freiraum?

Dominique Rudin: Das Wort kommt ursprünglich aus dem Autonomiegedanken und ist eng mit den Ideen und Praktiken der 68er verbunden. Deshalb setzen wir in der Ausstellung auch bei den 1960ern an – obwohl man damals noch nicht von Freiraum redete.

Heute wiederum spricht man von Zwischennutzungen.

Benedikt Wyss: Das stimmt, für unsere Generation ist dieser Begriff prägend: Wir arbeiten, leben und stellen in Zwischennutzungen aus. Dieser Ausdruck steht aber auch für die Entwicklung von Freiraum, für seine Salonfähigkeit: Was früher knapp geduldet wurde, ist längst akzeptiert.

Rudin: Man kann sagen: vertragskompatibel.

Wann begann die Akzeptanz, ab wann wurde eher verwaltet denn besetzt?

Wyss: Prägend war die Zwischennutzung in der ehemaligen Autogarage Schlotterbeck von 1990 bis 1993. Hier schlossen Alternative einen Vertrag mit der Schweizerischen Volksbank. Letztere sahen in der Umnutzung durch Künstler nicht zuletzt einen Imagetransfer. Es war chic, eine Aktionärsversammlung in einem kreativen Raum abzuhalten. Da erkannte das Bürgertum, dass eine Zwischen- oder Umnutzung eine positive Sache sein kann. Wie so oft gab das persönliche Engagement eines Entscheidungsträgers den Ausschlag: Heinz Huber, Vize-Direktor der Bank.

Rudin: Allerdings waren auch klare Bedingungen vereinbart worden: Ein zentrales Anliegen der Bank war, dass niemand dort wohnen durfte. In früheren Freiräumen, etwa dem AJZ, lebten die Leute ja.

Und was haben die 68er mit der Gegenwart von Freiräumen zu tun?

Rudin: In den späten Sechzigern bildeten sich in Basel Künstlergruppen wie die Farnsburggruppe oder Organisationen von Studierenden, wie die «Arena», die sich regelmässig trafen – dafür mussten sie aber jeweils in eine Bar gehen oder sich ein Säli mieten. Und da wiederum musste man einen Wirt finden, der einen nicht sofort rausschmiss, wenn er merkte, dass da nonkonforme Künstler, sozialistisch gestimmte Studierende am Werk waren. Also hat man sich auf die Suche nach passenden Räumen gemacht.

Zu Beginn waren das oft bürgerliche Abbruchvillen. Da wurde man jeweils aber auch relativ rasch wieder rausgeworfen. Kurz nach diesen ersten Rausschmissen gab es in Basel dann die erste Wohnraumbesetzung am Petersgraben 24 und das erste AJZ am Claragraben.

Wyss: Ganz am Anfang, in den 1960ern, wo die Geschichte beginnt, waren diese Freiräume auch Mietverhältnisse, sprich konforme Lösungen. Die uns bekannten Besetzungen kamen erst in den 1970er-Jahren, als die Freiräume erkämpft wurden.

Und heute?

Wyss: Heute werden viele Räume an einen herangetragen.

Freiräume sind auch zu einem Business geworden.

Wyss: Auch, ja. Es herrscht eine gewisse Selbstverständlichkeit in der Bevölkerung, dass es solche Räume gibt, sie gehören zum Stadtbild. Aktuell sieht man das beim Klybeckareal, aus dessen Nutzung sich BASF und Novartis zurückgezogen haben. Da ist der Druck gross, Freiflächen für die Bewohner zu schaffen.

Was bringen diese Räume wirtschaftlich?

Wyss: Sie sind auch wichtige Faktoren für Start-ups, nicht nur für Leute aus Kunst und Kultur. Im Bell Areal, einer Zwischennutzung in den 90er-Jahren, gehörte zum Beispiel auch eine kleine Software Firma zu den Untermietern. Diese nannte sich später Day und wurde vor einigen Jahren für 240 Millionen Dollar an Adobe verkauft. Eine ökonomische Erfolgsgeschichte, die in einem alternativen Umfeld ihren Anfang hatte. Es gibt auch sehr viele Gastrobetriebe, Wirte, die aus Freiräumen kommen.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auch Leuten begegnet, die sagten, früher sei alles besser gewesen?

Wyss: Nein. Aber es gibt ein gegenwärtiges Projekt, wo man einen Generationenclash feststellen kann: im Hafen. Anwohner mit Wurzeln in der Alten Stadtgärtnerei stehen Zwischennutzern gegenüber, die von der Stadt eingesetzt wurden. Manche finden, das Areal sei vom Kanton unter der Hand an den Verein Shift Mode abgegeben worden.

Lässt sich das so verknappt sagen?

Wyss: Ja. Inwiefern es legitim ist, dass die Anwohnerschaft via Lärmklagen darauf aufmerksam macht, sei dahingestellt. Aber Tatsache ist: Da treffen unterschiedliche Generationen aufeinander. Dazu kommt ja noch der alternativere Wagenplatz, der vom Zwischennutzungsprojekt zurückgedrängt wurde. Dann findet sich da auch noch die Bar Landestelle, die aus jenen Kunst-Favelas besteht, die an der Art Basel von Autonomen genutzt und von der Polizei geräumt worden war. Da sind auf einem Raum viele unterschiedliche Akteure am Werk und es gibt Spannungen zwischen Menschen, die ideologisch vielleicht gar nicht so weit voneinander entfernt sind.

Gab es dieses Problem auch schon früher? Dass sich die Freiraumaktivisten gegenseitig bekriegten und auf den Füssen rumtrampelten, obschon sie im Grunde auf derselben Seite standen?

Rudin: Auf jeden Fall. In den 1960ern etwa positionierte sich die studentische Aktionsgruppe Arena linksliberal, nicht so links wie die Progressive Studentenschaft Basel, aus der später die POB und POCH entstand. Diese wiederum sympathisierte mit dem Kommunismus. Daraus ging ein breites Spektrum von Parteien und sozialen Organisationen hervor.

Und in den 70ern distanzierten sich dann die Punks von den Hippies.

Rudin: Genau. Die Zersplitterung der Linken, gerade auch in der Parteienlandschaft, zieht sich durch die Geschichte.

In Basel sind Zwischen- und Umnutzungen etablierter als in anderen Schweizer Städten. Warum ist das so?

Rudin: In Basel war relativ früh eine gewisse Konsensbereitschaft da, wurde es in den 90er-Jahren friedlich, während in Zürich die Auseinandersetzungen etwa um das besetzte Wohlgroth-Areal zu Gewalt führten.

In Basel war die alternative Szene kompromissbereit, ebenso das Establishment. Aber ist ein Freiraum überhaupt noch ein Freiraum, wenn er so durchorganisiert ist?

Wyss: Gute Frage…

Rudin: …über die sich die Geister scheiden. Manche Leute im Hafen sagen: Nein.

Wyss: Ich glaube, wir können diese Frage nur als Individuen beantworten. Für mich findet Freiraum im Kopf statt. Ein physischer Freiraum ist für mich der Ort, wo ich leben und arbeiten kann, wie ich das möchte. Wir hätten diese Ausstellung nicht machen können, wenn wir uns hier nicht zu günstigen Konditionen einmieten könnten. Wenn ich kein Büro in einer Zwischennutzung hätte, das mich nur 150 Franken kostet. Für mich sind solche Nutzungen deshalb trotzdem Freiräume, auch wenn sie organisiert oder von oben ermöglicht sind. Weil sie mir unabhängiges Denken und Arbeiten ermöglichen.

Was ist mit öffentlichen Freiräumen?

Wyss: Im besten Fall sind diese Freiräume auch solche für die Stadt. Also Orte, wo die Stadt atmen kann. Brachlandschaften wie das nt/Areal oder die Alte Stadtgärtnerei gehörten dazu. Es gibt kein schöneres Bild für Freiraum als eine wuchernde, alte, umgenutzte Gärtnerei.

Die Alte Stadtgärtnerei kriegt man wie die anderen Orte in der Ausstellung mit Videoaufnahmen zu sehen. Warum haben Sie sich gegen Fotografien und für Filmmaterial entschieden?

Wyss: Das Bewegtbild hat sich parallel zur Geschichte der Freiräume entwickelt. Ende der 1960er wurde Video zum formalen Freiraum für Künstler, dank zahl- und tragbaren Super-8-Kameras. Menschen, die in den Freiräumen aktiv waren, konnten sich eine Öffentlichkeit abseits des Mainstreams schaffen und sich vernetzen. Heute ist mit Drohnen, Handys und dem Internet ja alles ultra-inklusiv. Jeder kann mit jedem und allem überall in Verbindung treten. Diese Entwicklung hat auch viel mit Freiraum zu tun.

«68-88-18: Freiraum in Basel». Webergasse 34, bis 27. Mai.
Zur Ausstellung erscheint ein interaktiver Katalog beim Christoph Merian Verlag.