Stadtentwicklung
Basler Gewerbeverband kritisiert kantonalen Richtplan – Thomas Kessler leistet Schützenhilfe

Der Basler Gewerbeverband holt sich prominente Unterstützung: Der ehemalige Stadtentwickler zog am Montag mit Verbandsdirektor Gabriel Barell gegen die «mutlose» Regierung in der Stadtentwicklung vom Leder.

Benjamin Rosch
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Steter Zankapfel: Gabriel Barell weiss, was er auf dem Lysbüchel will.

Steter Zankapfel: Gabriel Barell weiss, was er auf dem Lysbüchel will.

BZ-Archiv/Nicole Nars

Eigentlich war nicht mit vielen Erkenntnissen zu rechnen gewesen: Der Gewerbeverband war wie zu erwarten nicht zufrieden mit dem kantonalen Richtplan, so wie er eigentlich generell kaum je zufrieden war mit der Regierung in den vergangenen Monaten und Jahren unter der Ägide von Direktor Gabriel Barell. Dennoch hielt die heutige Pressekonferenz Bemerkenswertes bereit.

Der Wirtschaftsverband hatte den kantonalen Richtplan im Zusammenhang mit der Vernehmlassung untersucht. In diesem Instrument hält die Regierung fest, welche stadtplanerischen Ziele sie in den nächsten Jahren verfolgen wird, wo sie Wohnungs- und wo sie Arbeitsflächen wünscht. Für die Analyse aufseiten des Gewerbeverbands verantwortlich zeichnet Melanie Marjanovic. Sie ist es auch, die im Zusammenhang mit der Vernehmlassung die Stellungnahme eingibt und als Ansprechperson für die Regierung genannt wird. An der Medienorientierung hingegen kam sie nicht zu Wort. Stattdessen sprachen Barell, Leiter Politik Patrick Erny und – zur allgemeinen Überraschung – der vor einem Jahr geschasste kantonale Stadtentwickler Thomas Kessler. Doch dazu später, zuerst gab Barell den Tarif durch. Die Revision des Richtplans sei «mutlos», die Regierung habe mehrere «Penaltys verschossen».

Besonders bemängelte er das Bestreben der Regierung, Mischflächen anzustreben, wo Wohnen und Gewerbe aneinander vorbei kommen sollen.

Widersprüche unter den Rednern

Besonders das Areal Lysbüchel würde sich für lautes, produzierendes Gewerbe eignen. Barell verwies auf den Umstand, dass im überarbeiteten Richtplan Sätze wie «Lärmintensives Gewerbe soll in geeigneten Gebieten einen Standort finden» ersatzlos gestrichen wurden und forderte ein Bekenntnis des Kantons auch zur Industrie.

Dem widersprach später Kessler als beigezogener Experte diametral, was eine gewisse Komik bot. Während Barell Schlagzeilen wie «Holt die Produktion zurück in die Stadt» projizierte, kam Kessler in seinem Votum zum Schluss, dass aufgrund kurzer Anfahrtswege der Jura stärker für die Industrie genutzt werden solle, und nicht etwa Basel-Stadt. Den Widerspruch löste Barell mit den Worten: «Das eine tun und das andere nicht lassen.»

Einig wurden sich die Referenten hingegen beim verdichteten Wohnen. Sowohl Kessler als auch Barell kritisierten die Regierung dafür, die Stadtranderweiterung Ost nicht weiter voranzutreiben. Kessler verwies dabei auf eine vom Kanton in Auftrag gegebene Studie zur Deutung des damaligen Volks-Neins. Ihr zufolge hätten 72 Prozent der Ablehnenden damit ausdrücken wollen, das Projekt sei noch einmal zu überdenken aber nicht grundsätzlich abzuweisen.

In gewohnt provokativer Manier nahm Kessler auch bei Projekten kein Blatt vor den Mund, an denen er selber noch mitgewirkt hatte, kanzelte die Wohnraumentwicklung in der Stadt als «fraglich» und «sehr konservativ» ab. Ihm schwebte etwa im Osten anstelle des BVB-Depots ein Hochhaus mit integrierten Grünflächen vor.

Flirtender Thomas Kessler

Der Auftritt Kesslers darf zudem als weitere Avance in einem besonderen Flirt verstanden werden: Der ehemalige Beamte liebäugelt sehr mit einem Platz auf der Nationalratsliste der FDP in rund zwei Jahren. Erst am vergangenen Wochenende berichtete das Online-Portal «Watson», dass bereits eine Sitzung zwischen Parteioberhäuptern und Kessler stattgefunden hätten. «Es ist uns gelungen, offene Fragen zu klären und uns näher kennenzulernen», lässt sich FDP-Präsident Luca Urgese im Bericht zitieren. Kessler hingegen schwebe «eine Rückbesinnung auf die revolutionäre, radikalfreisinnige Epoche in den Gründerjahren des Bundesstaates» vor.