Austausch
Basler Gym-Schüler lernen südafrikanischen Township-Tanz

Der Dok-Film «Life in Progress» erzählt die Geschichte von südafrikanischen Jugendlichen. Diese Woche besuchten zwei von ihnen Basel und lernen Schülern des Leonhard-Gymnasiums den Township-Tanz Pantsula.

Annika Bangerter
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Die beiden jungen Tänzer Tshidiso und Venter trippeln an Ort und Stelle als Jerry, der Leiter der Tanzgruppe, ruft: «Heute werden wir Spass miteinander haben!» Das Versprechen richtet sich an eine Schulklasse des Gymnasiums Leonhard. Die 17-Jährigen stehen noch ein wenig schüchtern in Gruppen. Sie scheinen nicht genau zu wissen, was sie erwartet: Einige tragen knallenge Jeans, andere weite Trainingshosen.

«Pantsula ist in den Townships von Südafrika sehr bekannt, die meisten Jugendlichen tanzen diesen Stil», sagt Jerry. So viel zum theoretischen Crash-Kurs. Nun zur Praxis: Füsse stampfen immer schneller auf den Boden, die Hände berühren die Zehen, schnellen hoch, stützen sich in die Hüfte. Nach ein paar Minuten fliegen die ersten Jacken auf den Boden, Backen röten sich und lange Haare werden zu Pferdeschwänzen hochgebunden.

Pantsula, der rasend schnelle Tanz aus Südafrika, unterrichten die drei jungen Tänzer Tshidiso, Venter, Teboho und die Tänzerin Thardiwe zurzeit in verschiedenen Schweizer Schulen. Die vier sind Mitglieder der Tanzgruppe Taxido. Über diese drehte die Zürcher Regisseurin Irene Loebell den Dokumentarfilm «Life in Progress».

Jeder Schritt hat eine Geschichte

Während vier Jahren begleitete sie junge Tänzer auf ihrem Weg zwischen bejubelten Auftritten und bitterer Armut. Denn die Mitglieder von Taxido leben in Katlehong, einer Township nahe Johannesburg. Diese liess die Apartheid-Regierung als Wohnsiedlungen für die Schwarzen bauen. Die Kamera von Irene Loebell fängt den gegenwärtigen Zustand der Bewohner ein: Tshidisos Zuhause mit einem Wellblechdach und mit Plastik überzogene Wände. Oder Venters Zimmer, das er mit seinen vier Brüdern teilt.

Der Film «Life in Progress» erzählt die Geschichte von Tshidiso (links) und Venter (Mitte). In Basel lernen sie Schülern den Township-Tanz Pantsula und diskutieren mit ihnen über Armut und Rassismus.
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In Katlehong, einer Township nahe Johannesburg, wuchsen die Tänzer auf.
Das Paar probt für den nächsten Auftritt. Eine Szene aus «Life in Progress».

Der Film «Life in Progress» erzählt die Geschichte von Tshidiso (links) und Venter (Mitte). In Basel lernen sie Schülern den Township-Tanz Pantsula und diskutieren mit ihnen über Armut und Rassismus.

Kenneth Nars

Seit vier Wochen sind die Tänzer in der Schweiz. Und bringen den Tanz Pantsula Schülern aller Altersstufen bei. In einem Dachzimmer mit Holzbalken lassen sie die Gymnasiasten an Ort und Stelle rennen. Schneller. Immer schneller. «Wenn wir uns mit Verspätung auf den Schulweg aufmachen, laufen wir los», sagt Teboho, der eine Wollmütze trägt. Die Mädchen in der ersten Reihe fächeln sich Luft zu, tupfen Schweisstropfen von ihrer Stirn. Teboho erklärt den Schülern, wie Pantsula funktioniert: Jeder Schritt erzählt eine Situation. Die Hand in die Luft? «Wir winken ein Taxi zu uns.» Der Blick zurück? «Wir gucken, ob die Polizei uns folgt.» Bewegung für Bewegung erklärt Teboho die Symbolik der Choreografie. Und so hetzen die Basler Schüler schon bald durch die Township, spielen das verbotene Würfelspiel oder imitieren den Schritt der Einwohner der Hauptstadt. «Ihr seid grossartig», feuert Venter die Gruppe an.

Tänzerin erstaunt ob Mädchen

Seit knapp einem Monat tingeln die Südafrikaner gemeinsam mit der Regisseurin Irene Loebell durch die Schweiz. Zürich, St.Gallen, Bern waren Stationen – in der Region Basel, Muttenz und Münchenstein. Bis zu drei Workshops mit Tanzunterricht und Gesprächsrunden stehen täglich auf dem Programm. «Das ist bislang die beste Gruppe», sagt Thardiwe. Die 25-jährige Tänzerin, die auch in ihrer Heimat unterrichtet, ist besonders von den Schweizer Mädchen überrascht. «In Südafrika gelten die Jungs als die begabten Tänzer. Mädchen dürfen häufig gar nicht tanzen. Sie müssen sich früh um den Haushalt kümmern», sagt Thardiwe. Deshalb gebe es mehr Knaben, die mit ihrem Talent auf den Bühnen glänzen. «Hier erfahre ich das Gegenteil. Die Mädchen sind viel lockerer als die Jungs. Sie zeigen viel Talent», sagt die Tänzerin, die täglich sechs Stunden trainiert. Ein festes Einkommen gibt ihr dies nicht, einen zusätzlichen Job hat sie nicht: «Wir können uns die Uni nicht leisten», erzählt sie den Basler Gymnasiasten. Venter nickt und doppelt nach: «Ihr wachst privilegiert auf, seid dankbar dafür. Es gibt viele in eurem Alter, denen es nicht so gut geht.»

Die Tänzer der Gruppe Taxido gehören zur ersten Generation schwarzer Südafrikaner, die nach dem Ende der Apartheid aufwuchsen. Irene Loebell zeigt den Alltag dieser jungen Menschen, der von Arbeitslosigkeit, abwesenden Vätern oder HIV geprägt ist. «Per Gesetz sind die Schwarzen seit zwanzig Jahren gleichgestellt. Im Alltag Südafrikas ist die Trennung zwischen Schwarzen und Weissen aber immer noch enorm», sagt Loebell. So sei sie für die Tänzer die erste Weisse gewesen, zu denen sie eine Beziehung aufbauten.

Rassismus auch in Zürich erlebt

Das Thema Rassismus diskutieren die Südafrikaner auch mit den Schülern nach den Tanzworkshops. Und sie mussten lernen, dass auch in der Schweiz die Hautfarbe Schranken ziehen kann. So liess in Zürich ein Türsteher die Gruppe nicht in eine Bar. Als Grund gab er an, dass er mit Menschen wie ihnen immer Probleme hätte. «Sie haben sofort verstanden», sagt Irene Loebell.

Gänzlich anders verlief die Begegnung zwischen den Südafrikaner und den Gymnasiasten. Bereits nach den ersten Aufwärmungsübungen erhalten die Tänzer Applaus und Jubel. «Sie haben so viel Energie, das reisst einem sofort mit», sagt ein Schüler. Er habe zwar Tanzerfahrung, aber: «Die nützt mir hier nichts, das sind ganz andere Bewegungen.» In den Pausen knipsen die Schüler mit ihren Handys Gruppenfotos. Und sobald die Musik abgedreht ist, bilden sich um die Tänzer kleine Gruppen. «Also wie viele Freundinnen hast du nun wirklich», will ein Schüler von Tshidiso wissen und legt ihm den Arm um die Schultern.

Der Tänzer brüstete sich zu Beginn des Films, dass er mit insgesamt elf Freundinnen zusammen sei. «Es ist sehr speziell, dass plötzlich die Protagonisten aus dem Film vor einem stehen», sagt eine Schülerin. Als ob sich die jungen Menschen aus zwei verschiedenen Kontinenten schon lange kennen würden, wird über Vergangenes diskutiert. Aber vor allem auch nachgehakt, was in der Zwischenzeit alles passiert ist. Und so bestätigt eine Schülerin, was Jerry am Morgen prophezeite: «Wir hatten unglaublich viel Spass.»

Der Dokumentarfilm «Life in Progress» läuft an folgenden Daten: Samstag, 28. März um 12.20 Uhr, Sonntag, 29. März um 12.30 Uhr und Mittwoch, 1. April um 12.20 Uhr im Kultkino Atelier in Basel.

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