Die rekordhohe Gymnasialquote in Basel-Stadt wird weiter zunehmen, wie die bz in der Donnerstagsausgabe schrieb. Der Grund dafür ist in der Umstellung des Schulsystems zu suchen, denn neuerdings reicht Neuntklässlern aus dem höchsten Sek-Niveau ein einziges genügendes Zeugnis im Abschlussjahr zum Übergang ans Gymnasium.

Diese Entwicklung wird nun auch von den Schulkommissionen kritisch beäugt. Roger Stalder, Mitglied der Schulkommission Gymnasium Leonhard, will deshalb eine zusätzliche Prüfung einführen. «Ich werde mich dafür einsetzen, dass es nach dem zweiten Jahr am Gymnasium eine Zwischenprüfung gibt, die über den weiteren Verlauf entscheidet. Wer diese nicht besteht, soll das Gymnasium in Richtung Berufslehre verlassen müssen», schreibt der SVP-Politiker aus Riehen. Es könne doch nicht sein, dass sich so viele Schüler durchs Gymnasium quälen, die gar nicht ans Gymnasium gehören.

«Es ist ein Fakt, dass man Gymnasiasten heute kaum mehr versetzen kann, weil es so viele Repetitionschancen gibt. Es gibt Kinder, die haben sechs, sieben Jahre bis zum Abschluss», sagt Stalder. Er ist eines von sieben Mitgliedern der Schulkommission des grössten Basler Gymnasiums. Präsident der Leonhard-Schulkommission ist Christoph Spenlé. Er sagt: «Ich persönlich finde diese Idee interessant und wir werden sie in der Kommission besprechen. Es ist allerdings noch zu früh, um im Namen der Kommission zu sprechen.»

Sekundarschule bereits angepasst

Susanne Signer, SP-Politikerin und Mitglied des Erziehungsrats, steht der Idee einer zusätzlichen Zwischenprüfung skeptisch gegenüber. «Vor allem scheint mir der Zeitpunkt einer solchen Forderung unglücklich.» Sie sei dagegen, dass die neue Schulreform bereits jetzt wieder überarbeitet werde, noch ehe man entsprechende Erfahrungen gemacht habe. «Das wäre verfrühter Aktionismus», sagt Signer.

Die Tendenz, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler ans Gymnasium gehen, sei nicht neu. Und auch, dass eine Reform daran wenig ändert, habe sich bereits vor 25 Jahren bei der vorletzten Schulreform gezeigt. «Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, dass für Eltern immer häufiger nur der höchstmögliche Abschluss für ihre Kinder infrage kommt. Daran hat sich trotz neuer, attraktiver Möglichkeiten in der Berufsbildung mit Berufsmatur und Passerelle zum Hochschulstudium leider nur wenig geändert», sagt die ehemalige Leiterin einer Basler Orientierungsschule.

Dass der Erziehungsrat als höchstes Beratungs- und Entscheidungsgremiums des Erziehungsdepartements zu zurückhaltend sei bei Eingriffen ins Schulsystem, stimme hingegen nicht: «Wir haben das neu eingeführte Sek-System bereits verschärft, indem seit Beginn des Schuljahres 2016/17 ungenügende Noten doppelt kompensiert werden müssen. Allerdings erst, nachdem die entsprechenden Erfahrungen gemacht worden waren und sich gezeigt hat, dass aufsteigen einfacher war als absteigen.»

Qualität des Gymnasiums sinkt

Das Erziehungsdepartement wird im Mai über die erwarteten Gymnasiastenzahlen fürs kommende Schuljahr informieren. Der hohe Anteil von Schülern im leistungsstärksten Sek-Niveau P dürften jedoch dazu führen, dass die Basler Rekord-Zahlen nochmals steigen. Basel-Stadt ist zwar als Stadtkanton mit kurzen Schulwegen für alle Kinder prädestiniert für viele Gymnasiasten. Andererseits ist auch der Ausländeranteil höher als anderswo – und die fehlende Muttersprache Deutsch ist, das zeigen die Statistiken deutlich, weiterhin der grösste Ausschlussfaktor auf dem Weg zur Matur.

Die höchste Erfolgsquote hingegen haben Mädchen mit Muttersprache Deutsch. Von ihnen erreichen aktuell über 60 Prozent das höchste Sek-Niveau und damit den direkten Zugang zum Gymnasium. Für Schulkommissionsmitglied Stalder ist ein so hoher Gymnasiasten-Anteil in einem Segment ein Hinweis für die zunehmende Verwässerung der Qualität der Ausbildung am Gymnasium. «Und gleichzeitig fehlen in den Berufslehren talentierte junge Menschen», sagt er. Doch weil es kaum möglich sei, an den Selektionskriterien etwas zu ändern, werde er sich nun für die Zwischenprüfung am Gymnasium einsetzen. «Denn nach zwei Jahren Gymnasium ist es noch nicht zu spät, eine Berufslehre zu beginnen und sich damit alle Möglichkeiten offen zu halten.»