Herr Reinkowski, das Dialog-Institut in Zürich führt Sie als Referenten an. Es ist das Zentrum der Gülenisten in der Schweiz. Wie nahe stehen Sie dieser Bewegung?

Maurus Reinkowski: Das Institut hat mich vor ein paar Jahren zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Ich war einmal dort und bin sonst nicht als Referent für sie tätig. Das Beispiel zeigt aber, wie die Bewegung gegen aussen auftritt. Ihre Politik ist auch die einer schleichenden Vereinnahmung.

Sie bestätigen die sektiererischen Züge, die den Gülenisten vorgeworfen wird?

Nein, diese Kritik teile ich nicht. Um die Gülen-Bewegung dreht sich ein grosser Streit. Im Zentrum steht die Frage, ob sie westlichen Werten zugewandt ist oder ob sie eine versteckte Agenda führt. Das lässt sich nicht eindeutig beantworten: Die Gülen-Bewegung ist weder ein perfides Netzwerk noch eine selbstlose Bewegung.

Was ist sie dann?

Ihre Identität ist klar islamisch. Entsprechend wollen ihre Anhänger auch diese Werte fördern. Gülen hat das Modernitätsdefizit der islamischen Welt früh erkannt. Er strebt eine islamische Moderne an. Eine Erneuerung der eigenen Religion, indem sich die Muslime auf ihre Wurzeln konzentrieren. Gleichzeitig haben Gülenisten stets den westlichen Modernismus akzeptiert, was sie von anderen reformistischen Strömungen deutlich unterscheidet. Sie sehen sich selber als die «guten Muslime»: offen für den Dialog und tolerant gegenüber Andersgläubigen.

Wieso schreibt die Bewegung der Bildung höchste Bedeutung zu?

Sie ist für Gülenisten der Schlüssel, um konservative Muslime in Führungsrollen zu bringen. Das Credo Gülens war: «Wir brauchen Bildung, um unseren Anliegen eine Stimme zu verschaffen.» Bis in die 1970er-Jahre waren in der Türkei die religiösen Kreise gegenüber der kemalistischen Elite nicht wettbewerbsfähig. Gülen gelang es, eine neue Bildungsschicht aufzubauen, die gleichzeitig fromm und kompetitiv war. Dieser Erfolg war einer der entscheidenden Gründe für den Aufstieg der politischen Partei AKP, die Recep Tayyip Erdogan 2001 gründete.

Was führte zum Bruch der früheren Weggefährten Gülen und Erdogan?

Bis etwa 2010 funktionierte ihre Zusammenarbeit relativ gut. Sowohl Erdogan als auch Gülen strebten eine traditionelle, aber durchaus liberale Re-Islamisierung des Landes an, aber 2013 kam der Bruch. Es ist unklar, ob Gülen für Erdogan zu mächtig wurde oder ob es für die AKP der letzte logische Schritt war, sich des alten Verbündeten zu entledigen, nachdem die anderen Konkurrenten ausgeschaltet worden waren. Sicherlich geht es aber um eine Frage der Machtaufteilung.

Erdogan macht Gülen für den Putschversuch im vergangenen Sommer verantwortlich. Dieser wies die Vorwürfe von sich. Was stimmt?

Die genauen Hintergründe des gescheiterten Umsturzes kennen wir nicht. Der Verdacht liegt aber nahe, dass Gülen nahestehende Kreise in den Putsch verwickelt waren. Dass der Prediger selber dazu angestiftet haben soll, halte ich für unwahrscheinlich. Unklar ist, ob er von den Plänen wusste. Das trifft genauso auf Erdogan zu. Keine Regierung kann so rasch eine massive Säuberungswelle durchführen, wenn sie nicht vorbereitet ist.

Nun werden alle Gülen-Anhänger mit dem Vorwurf konfrontiert, einer terroristischen Gruppe anzugehören.

Nicht nur Gülen-Anhänger sind betroffen. Jeder ist potenziell ‹schuldig›, der mit ihnen in Kontakt stand. Würde ich in der Türkei lehren, könnte mir der besagte Referenten-Eintrag den Job kosten.

Ist eine Entspannung absehbar?

Eine baldige Annäherung zwischen Gülen und Erdogan ist nicht vorstellbar. Die Verdammung der Gülenisten wurde zu stark aufgebaut. Das Verhältnis dürfte sich verändern, wenn der heute 75-jährige Prediger stirbt. Oder wenn sich die religiös-konservativen AKP-Kräfte von Erdogan abwenden. Seine autokratische Politik muss mittlerweile für viele Angehörige der alten AKP abstossend sein.

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