Thomas Sieber

Basler Kulturwissenschafter zum Historischen Museum: «Wir brauchen keine Champions League»

Der Historiker Thomas Sieber hat klare Vorstellungen darüber, wie sich das Historische Museum positionieren soll.

Der Historiker Thomas Sieber hat klare Vorstellungen darüber, wie sich das Historische Museum positionieren soll.

Kulturwissenschafter Thomas Sieber erläutert, worauf der nächste Basler Regierungspräsident beim Historischen Museum achten sollte.

Der künftige Basler Regierungspräsident oder die Regierungspräsidentin wird das Dossier «Historisches Museum» erben. In welchem Zustand befindet sich aus Ihrer Sicht dieses Haus nach den häufigen Direktorenwechseln und dem «Fall Fehlmann»? Was erwartet den künftigen Amtsinhaber oder die Amtsinhaberin?

Thomas Sieber: Ich beurteile die Situation nach wie vor als krisenhaft. Denn seit dem Rücktritt von Burkhard von Roda vor acht Jahren ist das Museum mehr mit personellen Fragen und Turbulenzen beschäftigt als mit der Frage danach, wie es zukunftsfähiger werden kann.

Kann sich dies unter der Führung des interimistischen Direktors Marc Zehntner ändern und beruhigen?

Nein, am Interimschef liegt es nicht, strategische Entscheide zu treffen und programmatische Weichenstellungen vorzunehmen. Allerdings hoffe ich, dass Zehntner für die Arbeitssituation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Konsolidierung und Beruhigung erreichen kann. Dies würde zumindest erlauben, das Kerngeschäft zu bewältigen und drängende Fragen wie zum Beispiel die Inventarisierung auf einer guten Basis anzugehen.

Wie konnte es geschehen, dass mit Marie-Paule Jungblut und Marc Fehlmann gleich zwei Direktoren hintereinander so umstritten waren und vorzeitig gehen mussten? Lag es am Auswahlverfahren?

Das Auswahlverfahren ist, soweit ich das beurteilen kann, professionell gelaufen. Ich bin aber überzeugt, dass es bei den erwähnten Stellenbesetzungen Faktoren gab, die über den jeweiligen Einzelfall hinaus zielen, die mit strukturellen Pro­blemen und inhaltlichen Defiziten zu tun haben. Es braucht hier eine sorgfältige Analyse. Die Skandalisierung und Personalisierung der Situation rund um das Museum hilft hier nicht.

Wie analysieren Sie die beiden letzten Wahlverfahren konkret?

Die Wahl Fehlmanns ist ohne die Wahl Jungbluts nicht erklärbar. Er, der meines Wissens zu einer Kandidatur eingeladen worden war, schien für die Verantwortlichen offensichtlich die gewünschte Alternative zu seiner Vorgängerin darzustellen. In seine Person wurden aber ganz unterschiedliche Interessen und Wünsche hineinprojiziert.

Mit Frau Jungblut hätte das Museum in die Gegenwart und explizit auch ins digitale Zeitalter schreiten sollen. War also Herr Fehlmann eine rückwärtsgewandte Wahl?

So würde ich das nicht sagen. Es scheint mir, dass bereits die für mich nachvollziehbare Wahl der Historikerin Jungblut von einer verzerrten Wahrnehmung des Istzustandes am Museum begleitet war. Dieses war nämlich bereits in der Ära von Roda auf einem vorsichtigen Weg in die Gegenwart. Fehlmann verkörperte die Hoffnung, die Spannungen zwischen Kontinuität und Aufbruch, zwischen lokaler Verankerung und Internationalität, zwischen der traditionellen Stadt der Bürger und einer dynamischen Stadt im Zeichen von Pluralität und Diversität konsensual zu integrieren.

War diese Hoffnung berechtigt?

Ich bin da eher skeptisch. Vieles spricht dafür, dass das Verfahren von kontroversen Wunschvorstellungen beeinflusst war und daher bei Fehlmanns Leistungsausweis nicht allzu kritisch hingeschaut wurde. Mich hat die Wahl eines eher konservativen Kunsthistorikers mit bescheidener Leitungserfahrung an einem kleinen Haus in Winterthur und einem kurzen Engagement als Sammlungsleiter in Berlin überrascht.

Zudem hatte er nur Ausstellungserfahrungen im Kunstbereich und nicht zu Museumsfragen publiziert. Als er als neuer Direktor von einer Hinwendung zur Gegenwart, von Wirtschafts- und Sozialgeschichte und von Neuerungen in der Geschichtswissenschaft sprach, die man endlich berücksichtigen müsse, hat mich das erfreut und zugleich überrascht: Denn mit Blick auf seinen Werdegang schien es mir wenig glaubwürdig. Die von ihm lancierten oder vollenden Projekte – von Ausstellungen zu Münsterschatz und Nietzsche bis hin zu geplanten zu Theodor Herzl oder Peter Ochs – sprechen eher dagegen.

Das heisst, Fehlmann konnte nur scheitern?

So weit würde ich nicht gehen. Das Museum braucht niemanden an seiner Spitze, der alles in sich zu vereinen verspricht. Im Gegenteil: Das Museum muss sich klarer positionieren. Meines Erachtens waren schon vor der Wahl von Jungblut und Fehlmann grundsätzliche Richtungsfragen nicht geklärt, auch zu den drei Standorten. Insofern hatten es beide von Anfang an schwer. Es ist Marc Fehlmann aber offensichtlich nicht gelungen, die Expertise, die es am Haus schon gibt und gegeben hat, in diesen Positionierungsprozess zu integrieren.

Es gibt rund um das Historische Museum zahlreiche Gremien und Kommissionen, die irgendwie Einfluss ausüben. Erschwert dies die Führung des Hauses nicht erheblich?

Im guten Fall stehen die Gremien für eine tragfähige Vernetzung des Museums in der Stadt, im schlechten Fall für ein geschlossenes System, das sich selbst reproduziert. Im Fokus für die Wahl des Direktors stehen spezifisch die Kommission für das Historische Museum sowie die Findungskommission. ­Deren Zusammensetzungen zeigen, dass beispielsweise die Altersgruppe über 55 und der universitäre Hintergrund überrepräsentiert sind. Menschen mit einer Migrationsbiografie kommen gar nicht vor. Insofern haben wir hier seit längerer Zeit schon ein dramatisches Repräsentationsproblem.

Was soll das Historische Museum sein – Champions League oder Regionalliga? Oder anders gefragt: Welche Art von Historischem Museum braucht diese Stadt aus Ihrer Sicht?

Das ist die zentrale Frage, die es für die Kommissionen und die Abteilung Kultur im Präsidialdepartement zu beantworten gilt, bevor man den neuen ­Direktor oder die neue Direktorin sucht. Auch der Einbezug des Parlaments und weiterer gesellschaftlicher Gruppen wäre wünschenswert. Diese Klärung ist seit den neunziger Jahren schon dringlich. Meiner Ansicht nach brauchen wir keine «Champions League». Diese von Fehlmann strapazierte Metapher schmeichelt vielleicht der Stadt, führt aber in die Irre.

Mir schwebt ein regional verankertes Museum vor, das die pluralistische Stadtgesellschaft widerspiegelt und die Bestände, insbesondere zur jüngeren Geschichte, ergänzt und ausstellt. Ein solches Haus könnte auch nationale, ja internationale Beachtung finden. In diesem Museum müssen Fragen zur Gegenwart gestellt werden, denn das Heute ist ja die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das lässt sich in einem neuen «Haus der Geschichte» ebenso leisten wie in den bestehenden Räumen.

Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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