Am vergangenen 24. November marschierte die Basler Polizei auf. Aufgrund eines französischen Rechtshilfegesuchs durchsuchten die Beamten das Geschäftshaus des Kunst- und Briefmarkenhändlers Alain Dreyfus. In dessen Tresor bei der UBS fanden sie, wonach sie suchten: das Gemälde «Premier jour de printemps à Moret» des französischen Malers Alfred Sisley. Es lagert zwar noch immer dort, doch unverkäuflich, von der Justiz beschlagnahmt.

Dreyfus sieht sich als Geschädigter in einem Kunstkrimi. Das Bild gehörte einst dem polnischen Schmuckhändler und Kunstsammler Abner Lindenbaum. Dieser heiratete in die französische Citroën-Familie hinein und nannte sich Alfred Lindon. 1939 emigrierte er aus Furcht vor den Nationalsozialisten von Paris in die USA. Seine Sammlung deponierte er bei der Pariser Filiale der US-amerikanischen Chase Manhattan Bank.

Als die deutsche Wehrmacht einmarschierte, wusste der nazifreundliche Chase-Bankdirektor nichts Besseres zu tun, als die Sammlung Reichsleiter Rosenberg zu übergeben, der damit die Kunstsammlung von Reichsmarschall Hermann Göring bestückte. Gemäss vorliegenden Akten kam das impressionistische Gemälde aber bereits 1941 wieder in den Handel, im Tausch mit einem Klassiker.

Geschönte Provenienz

Alain Dreyfus erwarb den Sisley im November 2008 an einer New Yorker Auktion des Kunsthauses Christie’s. Bei einem Schätzpreis von bis zu 400'000 Dollar erhielt Dreyfus den Zuschlag für 338'500 Dollar. Mit der Aussicht, den französischen Impressionisten zu einem guten Preis weiterverkaufen zu können, präsentierte ihn Dreyfus in seinem Kunstkatalog. Es meldete sich bei ihm aber nicht ein Käufer, sondern vor gut zwei Jahren ein kanadischer Anwalt, der sich auf Restitutionsforderungen spezialisiert hatte. Dessen Angebot: Das Bild zum dreifachen Preis verscherbeln, wobei der Erlös zwischen Dreyfus, der Kanzlei und der Erbenfamlie Lindon gedrittelt werden sollte. Alain Dreyfus lehnte ab: «Ich bin doch kein Idiot.»
Dreyfus ist bereit, das Bild der Familie zurückzugeben, will jedoch von Christie’s das Geld zurück.

Das Auktionshaus hatte dafür bisher kein Gehör. Zum Zeitpunkt des Angebots sei ihnen die Provenienzgeschichte mit der Beschlagnahmung durch Görings Kunsttruppe nicht bekannt gewesen. Aus dem Katalog des Auktionshauses ist nachzulesen, dass das Gemälde nach dem Krieg der französischen Kunstgalerie Wildenstein et Cie. gehört habe. Die Familie Wildenstein ist allerdings einschlägig bekannt, zweifelhafte Geschäfte mit den Nationalsozialisten getätigt zu haben.

Druck auf Christie’s

Das Gemälde wurde nun in Basel beschlagnahmt, weil die Familie Lindon in Paris gegen Christie’s geklagt hat. Dass Dreyfus damit in der Zwickmühle sitzt, passt ihm gar nicht. Deshalb ist er in die Offensive gegangen. Bereitwillig legt er Medienschaffenden die Akten offen und dazu die Forderungen, die er gegen Christie’s eingereicht hat: 338'000 Euro als Entschädigung für den Verkauf sowie 365'000 Euro an Zinsen. Diese sind mit acht Prozent berechnet, was auch Dreyfus hoch findet. Doch Christie’s verlange 16 Prozent, wenn jemand nicht zahlen könne. Also sei es nur richtig, dass er die Hälfte davon fordere.