Basel
Basler Künstler: «So wird die Kunst politisch instrumentalisiert»

Erste Bewerbungen für seinen Kunstwettbewerb hat Sicherheitsdirektor Baschi Dürr bereits erhalten. Doch die Reaktionen der Basler Kunstszene auf die Ausschreibung sind gemischt.

Miriam Glass
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Das Depot des Kunstkredits am St.-Alban-Graben – Verwaltungsangestellte dürfen sich hier Kunst für ihre Arbeitsplätze ausleihen

Das Depot des Kunstkredits am St.-Alban-Graben – Verwaltungsangestellte dürfen sich hier Kunst für ihre Arbeitsplätze ausleihen

Nicole Nars-Zimmer

Peter Stohler, Leiter des Basler Kunstkredits, hatte am Freitag seinen letzten Arbeitstag. Die Wahl von Stohlers Nachfolger oder Nachfolgerin soll in den nächsten zehn Tagen entschieden werden, sagt der kantonale Kulturbeauftragte Philippe Bischof auf Anfrage der «Schweiz am Sonntag».

Da Stohler nun als Direktor ans Kunstzeughaus Rapperswil wechselt, mag es ihn in seiner letzten Arbeitswoche nicht gross bekümmert haben, dass Regierungsrat Baschi Dürr dem Kunstkredit eine tüchtige Ohrfeige verpasst hat.

Kunstwettbewerb ausgeschrieben

Der Sicherheitsdirektor hätte sich wie alle Verwaltungsangestellten in der Sammlung des Kunstkredits ein Werk für sein Büro aussuchen dürfen. Er wurde aber nicht fündig und hat einen Kunstwettbewerb zum Thema «Sicherheit – zwischen Gemeinschaft, Gesellschaft und Staat» mit einer Preissumme von 10 000 Franken ausgeschrieben.

Baschi Dürrs Wettbewerb kann man als Einsatz für die Basler Kunst verstehen – oder ihn dahingehend werten, dass die Qualität der Kunstkredit-Sammlung Dürrs Ansprüchen nicht genügte. Auf die Frage, inwiefern die Auswahl oder Qualität nicht den Vorstellungen des Sicherheitsdirektors entsprochen habe, antwortet sein Generalsekretär David Frey lediglich: «Von den gerade im Kunstkredit Basel-Stadt verfügbaren Werken hat keines Baschi Dürr spontan angesprochen.»

Grosse Auswahl

Die Auswahl war gross: Die Sammlung umfasst 5294 Arbeiten, rund die Hälfte ist zurzeit entliehen. 800 Werke lagern in einem Depott im Keller des Kunstmuseums, das für Verwaltungsangestellte jeden Donnerstag auf Anmeldung zugänglich ist. Das Spektrum reicht von Kunst aus den 1920er-Jahren bis heute. Weitere künstlerische Arbeiten sind in der Nähe des Zeughauses und beim Bahnhof Muttenz untergebracht und auf Anfrage ebenfalls zu besichtigen. Der Kunstkredit gibt jährlich 90 000 Franken für neue Ankäufe aus.

Hätte das Team des Kunstkredits Regierungsrat Dürr kein Werk zum gewünschten Thema empfehlen können? René Schraner, Kurator der Sammlung, antwortet knapp: «Wir beraten gerne. Aber wir schauen vom Werk her, nicht von einem vorgegebenen Thema.» Ihm geht es darum, dass künstlerisch anspruchsvolle Werke gut platziert werden und nicht darum, zu thematischen Vorgaben ein passendes Bild zu suchen.

«Kunst wird politisch instrumentalisiert»

Weiter will Schraner den Wettbewerb nicht kommentieren. Hört man sich unter Basler Künstlern und Galeristen um, sind die Reaktionen geteilt. «Eine gute Chance» findet Galeristin Karin Sutter die Ausschreibung. Sie weiss von einer Künstlerin, die sich mit einem bestehenden Werk beworben habe. Ein Kunstschaffender, der nicht namentlich zitiert werden will, äussert hingegen Bedenken: «Mit so einer Ausschreibung wird Kunst politisch instrumentalisiert. Das Thema Sicherheit soll so dargestellt werden, wie es dem Sicherheitsdirektor vorschwebt.»

Der Basler Künstler Fabian Chiquet würde aus einem ähnlichen Grund nicht am Wettbewerb teilnehmen: «Der politische Kontext entspricht mir nicht». Grundsätzlich aber hält er die Ausschreibung für unproblematisch. Die Basler Künstlerin Lex Vögtli verortet sie in einer langen Tradition: «Schon vor Jahrhunderten haben Herrscher oder die Kirche Werke in Auftrag gegeben». Dass sie nicht am Wettbewerb teilnimmt, liegt am Thema: «Klingt völlig verkopft und inspiriert mich überhaupt nicht». Vögtli wundert sich, dass Dürr beim Kunstkredit nichts gefunden hat. Sie selbst ist mit vier Werken dort vertreten, Chiquet mit einem.

Klassische Stilleben sind gefragt

Anders als Baschi Dürr nehmen viele Verwaltungsangestellte die Sammlung gern in Anspruch. An den Ausleihen und Rückgaben lässt sich laut Schraner eine Geschichte des Geschmacks ablesen. «Vor zehn Jahren lagen expressive Arbeiten aus den 80er-Jahren im Trend», sagt er. Heute seien bei jüngeren Verwaltungsangestellten vermehrt klassische Stillleben gefragt. Aus der Tatsache, dass viele kleine Formate entliehen werden, schliesst Schraner, dass die Büroflächen des Kantons schrumpfen.

«Angewandte Kunst»

Welche Depotfläche er selbst betreuen wird, wenn das Kunstmuseum 2015 saniert wird, weiss er noch nicht. «Wir werden sehen», sagt er, die Hand auf der Türfalle des Depots. Die keine normale Türklinke ist, sondern speziell gestaltet vom Künstler Erik Steinbrecher. «Angewandte Kunst», sagt Schraner, bevor er die Tür verschliesst – bis zur nächsten Besichtigung.

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