Kultur

Basler Kunstsammler Ruedi Staechelin: «Auch eine Privatsammlung ist sterblich»

«Die beste Lösung für die Kunststadt Basel» – Ruedi Staechelin (links) mit Sam Keller.

Jahrzehntelang gehörten die Picassos, Gauguins, Cézannes und van Goghs der Sammlung Staechelin zu den Highlights im Kunstmuseum Basel. Seit dem Verkauf von Gauguins «Nafea» für 201 Millionen Dollar hat das Kunstmuseum mit dem Besitzer der Sammlung, Ruedi Staechelin, gebrochen. Dieser hat seine verbliebenen Bilder nun als Depositum in der Fondation Beyeler untergebracht.

Sam Keller möchte ein neues Kapitel in der Geschichte Ihrer Sammlung schreiben. Wie sehen Sie das, Herr Staechelin?

Ruedi Staechelin: Es ist noch zu früh, gleich von einem neuen Kapitel zu sprechen. Aber ich bin optimistisch. Die Sammlung existiert nun seit hundert Jahren. In dieser Zeit ist viel passiert. Alle wissen, dass die Sammlung nicht mehr die ist, die sie einst war. Jetzt kehrt aber erst einmal für zehn Jahre Ruhe ein. Dann werde ich über 75 Jahre alt sein und mein Sohn wird mit 50 Jahren mit grosser Wahrscheinlichkeit an meine Stelle getreten sein.

Vor drei Jahren konnte man Gauguins «Nafea» noch hier in diesem Museum sehen. Wenn man die Sammlung heute überblickt, hat man das Gefühl, es fehle etwas.

Sam Keller: Man kann immer sagen, das Glas sei halb voll oder halb leer. Wenn man in irgendeinem Museum auf der Welt auf zwei Säle mit solchen Bildern trifft, dann richtet man sich doch nach dem aus, was da ist. Natürlich wissen die Menschen, welche die Geschichte der Sammlung kennen, um die Lücken.

Staechelin: Die Sammlung hat Verluste hinter sich. In den 1960er-Jahren durch die Verkäufe nach dem Flugzeugabsturz von Globe Air. Für Basel folgte darauf mit dem Ankauf der beiden Picassos eine tolle Geschichte, für meine Familie war es eine schreckliche Zeit. Das ist aber vorbei. Eine Privatsammlung ist – wie ein Mensch – letztlich sterblich. Irgendwann gibt es die Sammler nicht mehr, dann gehen die Werke entweder an eine Stiftung oder als Geschenk an ein Museum. Oder sie werden verkauft. Die Sammlung meines Grossvaters ist unter anderem auch mit Ankäufen aus anderen Sammlungen entstanden, die dann dort Lücken hinterliessen.

Haben Sie es schon mal bereut, den Gauguin verkauft zu haben?

Staechelin: Wir haben das Bild sicher nicht verkauft, weil es als Kunstwerk nicht ausserordentlich genug gewesen wäre. Das Ganze war nicht zuletzt eine Folge der verrückten Preisentwicklung auf dem Kunstmarkt, auf dem ich mich ja etwas auskenne. Mein Grossvater hatte den Gauguin für 18 000 Franken gekauft. Es war nicht klar, wie lange sich das heutige Niveau halten würde. Wesentlich war, dass ich nicht nur einen Sohn, sondern auch zwei Enkelkinder habe. Wenn man 95 Prozent seines Vermögens in Bildern angelegt hat, die keine Rendite abwerfen, muss man sie auch verkaufen können.

Was im vom Mäzenatentum geprägten Basel aber nicht gut ankommt.

Staechelin: Ich weiss gar nicht, ob ein Geschenk an ein Museum im Rahmen des Family Trust oder der alten Schweizer Familienstiftung juristisch abgedeckt gewesen wäre. Ich wäre aber wohl nicht im Gefängnis gelandet, wenn der Trust das Bild als Schenkung weitergegeben hätte. Aber das war nicht die Idee meines Grossvaters. Er hatte eine Stiftung für die Familie und nicht eine Kunststiftung gegründet. Das Bild wurde mit dem Verkauf ja nicht zerstört. Es werden jetzt einfach andere Menschen an einem anderen Ort den Gauguin sehen.

Was aber seit dem Verkauf nicht der Fall war.

Staechelin: Ich weiss leider auch nicht, wo sich das Werk im Moment befindet, aber es wird zweifellos wieder zum Vorschein kommen.

Sind Sie froh, in Basel einen Platz gefunden zu haben, wo Sie den Anblick Ihrer Bilder geniessen können?

Staechelin: Ja, sonst hätten wir es nicht getan. Wir hätten die Bilder auch an anderen Orten ausstellen können – viele Museen hätten die Bilder wohl gerne genommen. Aber Riehen ist der richtige Ort. Mein Sohn lebt in Riehen, ich bin Präsident der Schachgesellschaft Riehen, und auch mit Ernst Beyeler verband uns viel. In den 1960er-Jahren sind viele unserer Verkäufe durch ihn erfolgt. Ich kannte und schätzte ihn persönlich.

Dennoch war die Fondation Beyeler nach dem Kunstmuseum quasi zweite Wahl.

Staechelin: Von einer zweiten Wahl würde ich beim Renommee dieses Hauses sicher nicht sprechen. Aber es stimmt, wir hätten die Bilder gerne dem Kunstmuseum übergeben, doch die Situation war zu angespannt. Jetzt möchte ich wie Sam keller nach vorne schauen.

Keller: Genau. Ich kannte die Bilder natürlich gut und bedauerte es, dass sie zwischenzeitlich nicht mehr in Basel zu sehen waren. Wir wollen die Geschichte der Sammlung nicht neu deuten, uns geht es darum, das Beste aus der momentanen Situation zu machen. Das Beste ist, diese Bilder öffentlich zu zeigen.

Staechelin: Die Fondation Beyeler hatte absolut freie Hand, was sie in diesen Leihvertrag mit einbeziehen will. Es sind noch Bilder übrig, die bei mir zu Hause hängen – nicht die allererste Wahl vielleicht, aber sehr schöne Werke. Und ich bin letztlich auch froh, dass ich noch etwas zu Hause habe. Das Ganze kam übrigens nicht zwischen Sam Keller und mir zustande, sondern über unseren Anwalt und den Präsidenten der Fondation. Mir lag es fern, Ärger zwischen den Basler Kunstmuseen zu schüren.

Keller: Das Kunstmuseum und wir haben keine Probleme miteinander. Dass wir diese Bilder zeigen, ist sicher nicht gegen etwas oder jemanden, sondern die beste Lösung für die Kunststadt Basel und das Publikum.

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