Jubiläum
Basler Mission: ein langer Marsch mit leisen Misstönen

Die Basler Mission feiert ihr 200-jähriges Bestehen. Ihre Geschichte ist packend – doch am Schluss bleibt manche Frage offen.

Lukas Meili
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Mit den Basler Missionaren gelangten auch allerlei fremde Traditionen in den ghanaischen Alltag, wie diese Fotografie aus dem Jahr 1901 belegt. (Archiv Mission 21, Sign. BMA D-30.03.043)

Mit den Basler Missionaren gelangten auch allerlei fremde Traditionen in den ghanaischen Alltag, wie diese Fotografie aus dem Jahr 1901 belegt. (Archiv Mission 21, Sign. BMA D-30.03.043)

zvg

«200 Jahre unverschämt viel Hoffnung.» So feiert diese Tage die Basler Mission ihr Jubiläum. Und sie feiert nicht zu knapp: Während einer ganzen Woche finden Veranstaltungen statt, ein mehr als hundert Seiten langes Jubiläumsmagazin wurde veröffentlicht, und das Museum der Kulturen widmet sich mit der Ausstellung «Mission Possible» der langen Geschichte der Basler Mission.

Anlässe in der Jubiläumswoche

Am kommenden Freitag findet um 18 Uhr im Schmiedenhof in Basel die Buchvernissage der neuen Publikation «Basler Mission. Menschen, Geschichte, Perspektiven 1815-2015» statt. Die Veranstaltung ist öffentlich.
Am Sonntag veranstaltet die Mission auf dem Münsterplatz ab 10 Uhr ein grosses Jubiläumsfest mit Gottesdienst und anschliessender Live-Musik, Marktständen und einem familienfreundlichen Programm.

Infos: www.mission-21.org

Gegründet 1815 im Dunstkreis der reichen Basler Pietistenfamilien, schickte die «Basler Missionsgesellschaft» ab den 1820er-Jahren eigene Missionare nach China, Indien und Afrika. Ganz im Sinn des pietistischen Selbstverständnisses sollten sie «Katalysatoren sein für eine wohltätige Zivilisationsentwicklung und für Ausgleich, Gerechtigkeit und Frieden», wie Peter Felber von Mission 21 sagt. An immer mehr Orten wurden im Verlauf des 19. Jahrhunderts Missions-Siedlungen errichtet, an denen Gottes Wort verkündet, Einheimische unterrichtet und europäische Errungenschaften wie etwa die Medizin propagiert wurden.

Der gute Wille und die Sklaven

Die Mission 21 tue sich schwer mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte, sagen Historiker. Stimmt nicht, wehrt sie sich.

In ihrem langen Bestehen kam die Basler Mission – direkt oder indirekt – mit unzähligen verschiedenen Ereignissen und strukturellen Veränderungen in Berührung. Themen wie Kolonialismus oder Sklaverei füllen halbe Bibliotheken. Wie gut sind die verschiedenen, teilweise enorm komplizierten Phasen der Basler Missionsgeschichte aufgearbeitet worden? «Unsere Vergangenheit ist gut erforscht», sagt Peter Felber. Seit 2010 ist der evangelisch-reformierte Pfarrer Kommunikationsleiter bei der Mission 21. «Wir investieren viel in die Aufarbeitung unserer eigenen Geschichte», doppelt er nach.

Dabei spare man auch nicht mit Selbstkritik: Besonders in den 1970er-Jahren habe man sich stark den negativen Auswirkungen der Mission gewidmet. «Dabei ist aber fast ein wenig untergegangen, dass die Basler Mission in ihrer Geschichte auch sehr viel Gutes getan hat. Heute versuchen wir, hierauf den Fokus zu setzen.» Und er ergänzt: «Kolonialismus hat die Welt erschlossen, die Mission hat diese Erschliessung genutzt.» Aber für Behörden des Kolonialismus seien Missionare oft sehr unbequeme Zeitgenossen gewesen. «Wir können diese Zeit heute nicht rückgängig machen – aber wir können aus der Forschung Schlüsse ziehen und diese auf unser heutiges Handeln anwenden.»

Es muss mehr gebohrt werden

Dass das nicht reicht, findet Paul Jenkins. Der Historiker hat von 1972 bis 2003 das Archiv der Basler Mission geleitet. Zuvor hatte er während 9 Jahren in Ghana gelebt. Jenkins, seit vier Jahrzehnten stark mit der Basler Mission verbandelt, moniert anlässlich des Jubiläums die offenbar unkritische Haltung der Institution zu ihrer Geschichte: «Gerade die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg ist ungenügend aufgearbeitet.»

Laut Jenkins sind etwa die frühen Kontakte zwischen den Missionaren und der indigenen Bevölkerung in Indien oder Afrika nicht immer so harmonisch abgelaufen, wie es heute oft propagiert wird. Gerade mit Konkurrenzreligionen wie dem Hinduismus oder dem Islam in Indien oder jenen in Afrika seien die Besucher aus Basel im 19. Jahrhundert oft unzimperlich umgegangen. «Das Ziel war, diese Glaubenssysteme gezielt zu stören und ihre Inhalte schlecht zu machen.»

Verpasste Chancen

Die Konsequenzen sind laut Jenkins bis heute spürbar: «In Indien sowie unter gebildeten Muslimen existiert noch jetzt eine stark negativ geprägte Erinnerungskultur zu den christlichen Missionaren, und in Ghana habe ich Menschen getroffen, die sich noch heute über die Methoden der frühen Mission beklagen.» Er betont jedoch, dass es auch viele Ghanaer und Inder gebe, die deren Arbeit schätzten.

Einer, der Jenkins’ Kritik unterstützt, ist Veit Arlt. Der promovierte Historiker koordiniert das Basler Zentrum für Afrikastudien. «Früher hatte die Basler Mission ein starkes Bewusstsein für das Potenzial ihrer Geschichte und deshalb auch Mittel in den Ausbau und die Pflege von Archiv und Bibliothek investiert.» Bei der Gründung der Mission 21 sei die Vision eines Kompetenzzentrums für interkulturelles Lernen im Raum gestanden, in dem Archiv und Bibliothek eine wichtige Rolle gespielt hätten. «Dieses Potenzial wurde in meiner Wahrnehmung nicht genügend ausgeschöpft», urteilt Arlt. «Doch in Zeiten der knappen Mittel fliessen die Ressourcen verständlicherweise in die Zusammenarbeit mit den Partnerkirchen – für Archiv und Bibliothek fehlt das Geld hingegen zunehmend.»

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden auch immer mehr Reibungsflächen zwischen der Basler Mission und verschiedenen Kolonialmächten. Die Basler Mission äusserte sich offenbar oft kritisch gegenüber dem rauen Umgang der Kolonialbehörden mit den Einheimischen. Dennoch sieht die heutige historische Forschung etwa in den Tätigkeiten der «Basler Handelsgesellschaft» durchaus auch Problematisches. Je nach Definition, schreibt etwa der Basler Historiker Georg Kreis im Begleitband zur Ausstellung «Mission Possible» (Christoph Merian Verlag, 2015), «ist auch die Präsenz schweizerischer Unternehmer in den Kolonien eine Form des Imperialismus».

Unabhängigkeit von Europa

Die beiden Weltkriege markieren für die Basler Mission einen tiefen Einschnitt. Weil sie bis zu diesem Zeitpunkt stark mit Deutschland verbunden war, wächst das Misstrauen der indigenen Bevölkerungen gegen die Basler Mission zunehmend. Ab Ausbruch des Ersten Weltkriegs werden immer mehr Missionare zum Kriegsdienst eingezogen. «Für viele missionierte Christen war es traumatisch zu sehen, dass die europäischen Missionare, die sich als Friedensbringer gegeben hatten, plötzlich zu den Waffen griffen und sich gegenseitig töteten», sagt Felber.

Das habe dazu geführt, dass sich viele Kirchen in Übersee von der Zentralmission lossagten und autonom wurden. «Man kann das als Beginn einer Entkolonialisierung interpretieren», sagt Felber. Ab den 1950er-Jahren unterstützt die Basler Mission denn auch verstärkt die Unabhängigkeitsbestrebungen verschiedener Länder, seit den Neunzigerjahren räumt sie ihren Kirchen in Übersee mehr Mitbestimmungsrechte ein – nachdem sich diese offenbar über die eurozentrische Struktur der Institution beklagt hatten.

Der Blick in die Zukunft

«Mission 21» – so nennt sich die Basler Mission nach einem Zusammenschluss mit anderen Missionen seit 2001. Im Vordergrund stehen nicht mehr abenteuerlustige Missionare, die irgendwo in Afrika das Wort Gottes verkünden. Heute kämpft sie für Gleichstellung, setzt sich im Kampf gegen Boko Haram für Christen und Muslime gleichermassen ein und nennt die Kirchen in Übersee nicht mehr Missionsstationen, sondern «Partner». Der Blick ist klar in die Zukunft gerichtet.

Doch wie das so ist bei langen Geschichten: Am Schluss bleibt manche Frage offen. Offenbar waren gerade die frühen Begegnungen zwischen Missionaren und Einheimischen oft nicht so verständnisvoll wie bisher angenommen. Insofern ist zu hoffen, dass bei allem Blick in die Zukunft auch die Vergangenheit nicht ganz in Vergessenheit gerät.

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