Nähkästchen
Basler Musikerin und LGBT-Aktivistin Bettina Schelker: «Meine Gefühle sind im Lockdown»

Die Basler Musikerin und LGBT-Aktivistin Bettina Schelker plaudert aus dem Nähkästchen. Über Kinder, Corona und ihr Leben als Künstlerin.

Rahel Koerfgen
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Das Nähkästchen auf dem Küchentresen: Bettina Schelker hat den Begriff «Gefühl» erwischt.

Das Nähkästchen auf dem Küchentresen: Bettina Schelker hat den Begriff «Gefühl» erwischt.

Nicole Nars-Zimmer (10. Dezember 2020

Frau Schelker, was ist das Thema?

Bettina Schelker: Gefühl. Da bin ich die Richtige. Ich bin ein Mensch, der sich von seinen Gefühlen leiten lässt.

Was für Gefühle dominieren bei Ihnen in diesen Tagen?

Meine Gefühle befinden sich gerade in einem Vakuum.

Warum?

Normalerweise würde ich mich jetzt auf die Silvesterparty freuen, auf meine Freunde, auf baldige Konzerte. Vorfreude ist ein wunderbares Gefühl, es ist raumfüllend, nährend auch. Da das alles nicht stattfinden kann im Moment, sind auch meine Gefühle in einer Art Lockdown.

Das kappt sicher auch Ihre Kreativität.

Leider. Endlich hätte ich mal Zeit, so viel Zeit, wie ich wohl noch nie hatte. Ich könnte stundenlang ins Studio, an der Gitarre üben. Aber weil diese Vorfreude, dieses Gefühl fehlt einer anstehenden Tournee, von Konzerten, wo ich diese Songs zum Besten gebe, befinde ich mich in einer ziemlichen Lethargie.

Corona hat Sie doch zu einem gefühlvollen Song inspiriert, «Madame Depression».

Ja, das geschah im Rahmen des Arosa Mundartfestivals, das im Radio übertragen wurde. Ein Song auf Schweizerdeutsch war gefragt, und da ich lange keinen entsprechenden Titel mehr geschrieben habe und keinen alten ausgraben wollte, habe ich einen neuen geschrieben und dieses Jahr damit quasi verarbeitet. Da ist viel drin, nicht nur die Pandemie und die damit verbundenen Sorgen, sondern etwa auch die «Black Lives Matter»-Bewegung. Ich habe das in dem Schlusssatz «Cha nümm schnuufe» zusammengefasst. Da sind viele Gefühle drin.

Welche Sorgen umtreiben Sie gerade?

Neben dem Musikmachen leite ich mit meiner Frau eine Privatschule und Kinderkrippe in Oberwil. Als die Schulen im Frühling geschlossen blieben, stand die Frage im Raum, wie lange wir die Löhne zahlen können. Zudem mussten wir Beiträge der Eltern für die Kinderkrippe zurückzahlen. Diesen Stress konnte ich wunderbar in den Song einfliessen lassen.

Wie gehen die Kinder in Ihrer Schule mit Corona um?

Ich bin vor allem im Management tätig und arbeite im Homeoffice. Was ich aber von den Lehrern gehört habe: Die Kinder können ziemlich gut damit umgehen. Problematischer ist es in der Krippe; die Kleinen können nicht richtig kommunizieren. Gestern ging ich bei der Krabblergruppe vorbei, und als ein Buschi mich mit schwarzer Maske gesehen hat, weinte es. Es hatte Angst vor mir. In diesem Zusammenhang frage ich mich, was die Pandemie für Auswirkungen hat auf die Entwicklung der ganz Kleinen. Die sind abhängig davon, unsere Mimik zu deuten und daraus zu lernen.

Was lernen Sie über sich selber in dieser Zeit?

Ich habe realisiert, wie viel Druck ich im normalen Leben aushalte.

Was ist es für ein Gefühl, fremdbestimmt zu sein? Von einem an sich kleinen Virus?

Für mich ist das nicht so schlimm. Ich halte mich an die Regeln, die die Regierung uns auferlegt – ich finde übrigens, der Bundesrat macht einen super Job, das ist echt nicht einfach. Bedeutend mehr Mühe bereitet mir die Ungewissheit, wenn Entscheide nicht klar sind, wenn man nicht weiss, ob man nun auftreten kann oder nicht. Das war im Herbst sehr mühsam, als ich mein neues Album «Anonymous» im Atlantis vorstellen wollte. Schlussendlich wurde das Konzert abgesagt, aber es war lange in der Schwebe, ob es nun stattfinden kann oder nicht.

Bald ist Weihnachten, viele Familien stehen vor dem Problem, wie und mit wem sie feiern sollen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Wir haben das Glück, eine kleine Familie zu sein. Kinder gibt es keine. Deshalb feiern wir im gewohnten Rahmen, müssen uns nicht entscheiden. Darüber bin ich sehr froh. Mir tun die Leute leid, die zum Beispiel Verwandte im Ausland haben und diese jetzt nicht sehen können.

Wünschen Sie sich Kinder?

Das taten wir lange. Jetzt aber ist es zu spät, das Gesetz hat sich zu langsam geändert für uns. Biologisch ist es nicht mehr möglich. Eine Adoption kommt auch nicht in Frage. Dieses Recht haben wir verloren, als wir unsere Partnerschaft eingetragen haben. Das entsprechende Gesetz ist damals nur durchgekommen, weil die Möglichkeit der Adoption ausgeschlossen wurde.

Sie setzen sich seit Jahren für die Rechte der LGBT-Community ein. Mit Johannes Sieber von Gaybasel ist die Community ab Januar offiziell im Basler Grossen Rat vertreten ...

... Es hat mich sehr gefreut, als ich das vernommen habe. Ein schönes Gefühl, zu wissen, dass wir eine starke Stimme haben im Basler Parlament. Ich kenne Sieber zwar nicht gut, aber ich bin überzeugt, dass er seine Sache gut machen wird.

Fühlten Sie sich in Ihrem Leben oftmals diskriminiert, weil Sie lesbisch sind?

Das kam zum Glück eher selten vor. Ich habe mich aber auch nie versteckt, die Konsequenzen nie gescheut. Das ist sicher entscheidend, es gibt einem ein sicheres Auftreten. Auch in der Schule haben meine Frau und ich nie einen Hehl aus unserer Liebe gemacht. Wir werden von allen akzeptiert, so wie wir sind.

Sie sind ein Mensch, der sich von Gefühlen leiten lässt. Rückblickend gesehen die richtige Strategie?

Wenn man so tickt, läuft man schon eher Gefahr, dass etwas mal in die Hose geht. Meine Frau sagt immer: Ich würde zuerst von der Klippe springen und erst danach einen Fallschirm bauen. Es lohnt sich schon, bei gewissen Entscheiden den Kopf einzuschalten. Ich bin zum Beispiel meinem Vater dankbar, dass er mich dazu gedrängt hat, nicht zu 100 Prozent auf die Musik zu setzen und noch einen anderen Beruf – Primarlehrerin – zu erlernen. Aber grundsätzlich war es in meinem Leben meist so, dass ich etwas erleben musste, um mir eine Meinung darüber bilden zu können. Obschon mich mein Umfeld davor gewarnt hat. In den meisten Fällen bin ich froh drum, habe ich nicht auf sie gehört.