Nicht jede leicht bekleidete Frau will gleich Sex. Auch ein Kuss muss nicht automatisch zu Geschlechtsverkehr führen. Und das von der Werbung gezeichnete Frauenbild hat mit der Realität ohnehin nicht viel zu tun: Schon länger bieten skandinavische Länder wie Norwegen oder Dänemark Kurse an, in denen sie Asylsuchende darüber aufklären, welche Regeln in Europa im Umgang mit Frauen gelten – und wollen so Vergewaltigungen vorbeugen.
Im Schutz der Masse und der Dunkelheit fassten junge Männer in der Silvesternacht in Köln zahlreichen Frauen an die Brüste und an den Hintern und griffen einer Kölner Polizistin in die Hose. Selbst zu Vergewaltigungen soll es gekommen sein. Nun haben die Sex-Attacken von Köln auch hierzulande ein politisches Nachspiel.

Die fremden Sitten verstehen

Jetzt regt nämlich Silvia Schenker Kurse wie in Skandinavien auch für die Schweiz an. Soeben hat die Basler SP-Nationalrätin im Parlament einen entsprechenden Vorstoss eingereicht: «Diese Kurse sollen den Asylsuchenden helfen, mit möglicherweise für sie fremdem Verhalten zurechtzukommen und dieses richtig einzuordnen», begründet sie. Auch in der Schweiz werde schon länger intensiv über den möglichen Nutzen solcher Kurse diskutiert. Aus diesem Grund soll der Bundesrat nun eine Einführung zumindest prüfen.

Gar nichts mit solchen Gender-Kursen anfangen kann Ratskollege Sebastian Frehner: «Die Flüchtlinge wissen sehr genau, was sie hier erwartet», sagt der Basler SVP-Nationalrat. Auch in Syrien und im Irak gebe es Internet. Entsprechend könnten sich Asylsuchende sehr gut über die Gepflogenheiten in der Schweiz orientieren. Deshalb sieht Frehner auch keinen Grund für Pardon: «Personen, die sich nicht an unsere Regeln halten, sollte man umgehend zurück in ihr Herkunftsland schicken und nicht ‹bibäbelen›.»

Schon heute müssen Asylsuchende beispielsweise im Kanton Waadt ein «Sensibilisierungsmodul» besuchen. Ähnliche Angebote gibt es in weiteren Kantonen. Dort werden sie mit der Schweizer Kultur und den Normen der Zivilgesellschaft vertraut gemacht. Meist nicht spezifisch thematisiert werden dagegen Rechte und Stellung der Frau. Welche Inhalte vermittelt werden, ist unter den Kantonen nicht einheitlich geregelt. Zwar entwickelt das Staatssekretariat für Migration zusammen mit den Kantonen strategische Leitlinien, es macht allerdings keine konkreten Vorgaben.

Noch reichen bisherige Regeln

Auch in Basel-Stadt besteht kein spezielles Angebot. «Seit Anfang Jahr thematisieren wir in den Deutschkursen für neu zugewiesene Flüchtlinge das Rollenverständnis von Mann und Frau und entsprechende Verhaltensregeln aber gewichtiger als bisher», sagt die kantonale Asylkoordinatorin Renata Gäumann. Diese Kurse sind obligatorisch. Zudem würden Asylsuchende bereits in den Bundesempfangszentren und anschliessend in den kantonalen Unterkünften über hiesige Sitten und Gebräuche aufgeklärt.

Ähnlich sieht es in Baselland aus. Auch hier wird auf ein spezielles Angebot verzichtet. «In den Gemeinden sind die Asylsuchenden aber ab dem ersten Tag auch mit weiblichem Betreuungspersonal konfrontiert», sagt Rolf Rossi. Schon da lernten sie den Umgang mit Frauen. Der Leiter der Koordinationsstelle für Asylbewerber weist weiter auf die Basisdeutschkurse hin, in denen hiesige Werte vermittelt werden. «Bisher haben wir damit gute Erfahrungen gemacht», sagt Rossi. Nach Köln sei das Thema mit den Gemeinden zwar angesprochen worden, gemeinsam aber sei man zum Schluss gekommen, dass die bisherigen Massnahmen reichen. Die Situation werde aber laufend beobachtet, um wenn nötig frühzeitig handeln zu können.