Vier Fünfer, vier Fünf-bis-Sechs und 16 blanke Sechser – nicht in einer einzelnen Prüfung, sondern im Semesterzeugnis. So gut hat eine neunte Sek-P-Klasse im Januar an einer Basler Sek abgeschlossen, wie erstmals veröffentlichte Zahlen des Erziehungsdepartements (ED) zeigen. In welchem Schulhaus und in welchem Fach der Rekord-Schnitt vergeben wurde, darüber gibt das ED keine Auskunft. Aber der Fall zeigt exemplarisch, wie sehr die Notengebung an städtischen Sek-Schulen aus dem Lot geraten ist. Dieter Baur, Leiter Volksschulen Basel-Stadt, sagt: «Als wir diese Auswertung fürs Januar-Zeugnis gesehen haben, sind wir erschrocken.»

Dem ED liegen die Daten in nicht anonymisierter Form vor. Die Mitarbeitenden wissen also genau, welche Fächer an welchen Schulen tendenziell mit zu hohen Noten bewertet werden. Diese Daten seien jedoch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sagen die Verantwortlichen, weil jegliche Form von Schul-Ranking zu keinen Lösungen führe und daher unerwünscht sei. Zudem sagt Baur: «Es geht jetzt auch nicht darum, einzelne Schulen, Fächer oder Lehrpersonen an den Pranger zu stellen. Uns geht es darum, die Lehrpersonen für ihre Notengebung zu sensibilisieren.»

So stark unterscheiden sich die Durchschnittsnoten der Sek-Klassen.

So stark unterscheiden sich die Durchschnittsnoten der Sek-Klassen.

Aufgrund der vielen Klassendurchschnittsnoten über 5,0 (in der Grafik als grüne Punkte dargestellt) und entsprechend hohen Übertrittszahlen ans Gymnasium hat das ED entschieden, ab nächstem Semester in den Zeugnisnoten nur noch Notendurchschnitte zwischen 4,0 und 5,0 zu akzeptieren. Wobei Ausnahmen weiterhin erlaubt seien, wie Baur sagt. Ein Lehrer könne weiterhin Klassendurchschnittsnoten über 5 vergeben, müsse das dann aber gegenüber der Schulleitung begründen. «Dass ein Drittel aller Zeugnisnotendurchschnitte über 5,0 liegt, ist einfach nicht realistisch», sagt er.

Ein genauerer Blick auf die Grafik zeigt weitere unerklärliche Sonderfälle. So gibt es mehrere Klassen, die relativ konstant bewertet werden, aber einzelne Ausreisser nach oben oder unten aufweisen (zum Beispiel die Klasse 11 mit Notendurchschnitten zwischen 4,5 und 5 sowie einer klar ungenügenden Note). Hierzu sagt Baur: «Einen solchen Fall muss die Lehrperson differenzierter mit der Schulleitung diskutieren.» Es gebe zwar häufig Klassen, die entweder in den naturwissenschaftlichen Fächern oder in den Sprachen besonders stark oder besonders schwach seien. «Mathe und Physik/Chemie müssten dann aber ähnlich gut oder schlecht bewertet werden – wenn dies nicht so ist, wird etwas an der Notengebung nicht stimmen.»

Kritik von Schulsynode

Erstmals mit dieser Notenauswertung konfrontiert wird Jean-Michel Héritier, Präsident der Freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt. Sein Berufsverband kritisiert das ED scharf, weil vorgängig keine Absprachen stattgefunden haben. Er sagt: «Das Bewusstsein dafür, dass aufgrund dieser Grafik und auch anderer Zahlendarstellungen Handlungsbedarf besteht, ist bei uns Pädagoginnen und Pädagogen selbstverständlich vorhanden und wird nicht im Geringsten angezweifelt.»

Dieses Wissen alleine sei es, das dazu führe, dass sich die Situation verbessern werde – Massnahmen wie das vom ED auferlegte Noten-Band seien dafür nicht nötig. Was es brauche, um die hohe Gymnasialquote in den Griff zu bekommen, seien gute Gespräche unter den Pädagogen und eine schulübergreifende Feedback-Kultur. «Wir stellen nicht am Fliessband Schrauben oder Nägel her, sondern arbeiten mit Menschen. Das ist ein weicher Bereich, in dem von oben verordnete Massnahmen rasch missverständliche Signale setzen und daher von kontraproduktiver Wirkung sind.»