Wucher oder gerecht?
Basler Notschlafstelle verlangt unterschiedliche Preise

Ein Stadt-Basler zahlt 6 Franken für eine Nacht in der Notschlafstelle, ein Auswärtiger 40 Franken. Man sei ein kleiner Stadt- und Grenzkanton mit Zentrumswirkung, so die Sozialhilfe.

Fabio Vonarburg
Drucken
Teilen
Willkommen sind vor allem Einheimische: Die Basler Notschlafstelle.

Willkommen sind vor allem Einheimische: Die Basler Notschlafstelle.

Kenneth Nars

Die Notschlafstelle teurer als Backpacker-Unterkünfte. Was absurd klingt, ist in Basel Realität. Auswärtige zahlen in der Notschlafstelle der Stadt Basel 40 Franken pro Nacht; in einem Bett in einem Basler Hostel schläft man bereits ab 31 Franken.

Damiàn E. ist seit September in der Schweiz. Weil er keinen Job findet, bettelt der Mann aus der Slowakei auf der Strasse. Er findet es ungerecht, dass die Basler Notschlafstelle zwischen Einheimischen und Auswärtigen unterscheidet. «Ein Schweizer zahlt 6 Franken, ich pro Nacht 40. Das ist Scheisse.» Damit zahlt der Slowake mehr für eine Nacht, als ein Basler für sieben Tage. Die erste Nacht kostet für Einheimische 10 Franken, die zweite 6, eine ganze Woche 37.50 Franken.

Kanton zahlt Preisdifferenz

Man sei ein kleiner Stadt- und Grenzkanton mit Zentrumswirkung, erklärt Nicole Wagner die unterschiedlichen Preise. Die Amtsleiterin der Sozialhilfe Basel-Stadt ergänzt: «Sämtliche Kosten der Notschlafstelle (NSS), die nicht durch ihre Einnahmen gedeckt sind, werden durch den Kanton Basel-Stadt übernommen.» Würde die Stadt den vollen Betrag der erbrachten Leistung den Obdachlosen verrechnen, so müssten sie über 50 Franken pro Nacht zahlen. Bei auswärtigen Personen versucht der Kanton die Differenz, den zuständigen Stellen zu verrechnen. Beispielsweise den Nachbarkantonen.

Erst einmal schlief Damiàn E. in der Notschlafstelle. «Dusche perfekt, Personal perfekt, alles perfekt», sagt er. Doch: 40 Franken sei ihm zu teuer. Er zieht das Gelände des Euro-Airports als Schlafstelle vor. Sein Bett: Sitzbank oder Boden. Müsste er auch nur 6 Franken zahlen, er wäre Stammgast in der NSS. Für den Preisunterschied hat er eine eigene Erklärung. «Die Schweizer wollen nicht mehr Ausländer.»

Jetzt draussen übernachten, das ist eines. Doch: Der nächste Winter wird kommen. «Bei grosser Kälte oder in Notfällen lassen wir niemanden draussen», versichert Wagner. Hohe Preise für Auswärtige, gleichbedeutend mit vielen Obdachlosen, die in der Nacht im Freien übernachten? Wagner verneint. «Die Tarife haben keinen Einfluss auf die Anzahl Obdachlosen.» Während Damiàn E. lieber draussen schläft, als 40 Franken zu zahlen, bleiben derzeit in der NSS täglich Betten leer. 20 der 75 Schlafplätze sind in der Nacht durchschnittlich unbenutzt.

Die Notschlafstelle der Stadt Zürich verlangt von Auswärtigen und Einheimischen denselben Preis für eine Nacht. Doch: Nur Personen mit Wohnsitz in Zürich sind grundsätzlich in der Notschlafstelle willkommen. «In einer ausgewiesenen Notsituation werden auch auswärtige Personen für eine Nacht aufgenommen», sagt Isabelle Wenzinger, Sprecherin des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Danach nehmen die Mitarbeitenden der Sozialen Einrichtungen und Betriebe mit der zuständigen Gemeinde Kontakt auf oder die Zentrale Abklärungs- und Vermittlungsstelle der Sozialen Dienste klärt die sozialrechtliche Zuständigkeit ab. Neben der Stadt gibt es noch private Schlafstellen in Zürich. Zum Beispiel der Pfuusbus.

Ein Dach für Obdachlose, das bietet in Bern seit über 30 Jahren Sleeper an. Die private Stiftung erhielt im Dezember den Berner Sozialpreis 2014. Ob Berner, Basler oder Slowake, Sleeper macht keine Unterschiede. «Wir nehmen jeden bedürftigen Menschen auf, der an unsere Türe klopft. Er braucht einfach einen Fünfliber», sagt Roger Herzig, der seit 20 Jahren für die Stiftung Sleeper arbeitet.

Viele aus Osteuropa

Die Stadt Basel befürchtet, dass die Notschlafstelle zur billigen Absteige wird. Bei Sleeper kein Problem? «Praktisch niemand kommt freiwillig zu Sleeper.» Es sei aber schwierig einzuschätzen, ob jemand notbedürftig sei. In der Nacht schlafen mehr Ausländer als Schweizer bei Sleeper. Vor allem Leute aus dem Osten, die Arbeit suchen, sagt er. «Sie landen meistens zuerst bei uns.» Ein Happy End gibt es selten. «Es ist tragisch. In den meisten Fällen finden sie keine Arbeitsstelle.»

«Ich will nicht betteln», sagt Damiàn E. Doch genau das tut er im Moment. «Ich will arbeiten.» Was? «Egal. Aber keine Schwarzarbeit.» Der Slowake hat Angst, dabei von der Polizei erwischt zu werden. Am liebsten würde er in einem Restaurant arbeiten. «Putzen.» Dafür würde der ehemalige Strassenbauarbeiter aber einen festen Wohnsitz benötigen. Ohne einen solchen erhält er weder eine Arbeitsbewilligung noch eine Stelle. Damiàn E.: «Das ist Scheisse.»

Aktuelle Nachrichten