Coronavirus

Basler Pandemie-Experte Marcel Tanner: «Wir dürfen uns jetzt nicht einschliessen»

Marcel Tanner zur gefürchteten zweiten Coronawelle: «Wir werden Hotspots haben, wo wir regional und lokal handeln können.»

Marcel Tanner zur gefürchteten zweiten Coronawelle: «Wir werden Hotspots haben, wo wir regional und lokal handeln können.»

Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner über die Lockdown-Massnahmen des Bundes und Wege aus der Coronakrise.

Herr Tanner, Corona ist als Thema überall. Lockdown, Vorschriften, Empfehlungen, Entbehrungen: Verstehen Sie, wenn man vom Thema genug hat?

Marcel Tanner: Sicher. Weil das Gefühl entsteht, immer über dasselbe zu reden. Umgekehrt ist es aber auch so: Wir müssen darüber reden! Denn nur so kann das Gefühl entstehen, dass wir gemeinsam unterwegs sind, aus dieser Situation wieder herauszufinden. Wir können nicht aus so einem Lockdown ausbrechen, ohne dass wir alle zusammen einen Ausweg sehen. Auch wenn es einem ein bisschen viel werden kann.

Und Sie persönlich?

Natürlich werden wir, die versuchen, auf diesem Weg etwas beizutragen, laufend gefragt und angesprochen werden. Aber wir können und dürfen nicht nachlassen, Antworten zu geben und den derzeitigen Wissenstand zu vermitteln. Auch wenn es immer dieselben Fragen, teils auch sehr kritische, sind.

Sind Sie der Ansicht, dass die Schweiz im internationalen Vergleich die Situation gut gelöst hat?

Solche Vergleiche sind sehr schwierig. Jedes Land hat andere gesetzliche Grundlagen und auch soziale, kulturelle und ökonomische Eigenheiten, aufgrund derer Entscheide gefällt werden. Wenn wir aber unsere Situation anschauen, dann können wir feststellen, dass sehr vieles sehr gut gelaufen ist – trotz der Kritik, dass man zum Beispiel noch schneller hätte handeln können.

Wie meinen Sie das?

Wir müssen wohl feststellen, dass wir nicht ausreichend vorbereitet gewesen waren und auch früher eine wissenschaftliche Begleitgruppe hätten einsetzen können. Das ist aber nicht als Fehler anzusehen, sondern als Erkenntnis. Denn all diese Massnahmen, die wir getroffen haben, haben uns nun in eine Lage gebracht, in der wir die Situation handhaben können. Und das ist sehr gut.

Der wochenlange Lockdown war eine radikale Massnahme. Wenn Sie zum heutigen Zeitpunkt zurückblicken: War dieser Lockdown gerechtfertigt?

Ja. Er erfolgte zu einem Zeitpunkt, als es in den Nachbarländern bereits schlecht ausgesehen hatte. Wir sind ein Land, das auf alle Seiten hin stark exponiert ist. Wir mussten wachsam sein, damit wir keine weiteren importierten Fälle haben und sich die bisherigen Infektionen nicht weiter ausbreiten konnten. Plötzlich stellte man schweizweit innerhalb kürzester Zeit Infektionen fest. Angesichts unseres tiefen Kenntnisstands über dieses konkrete Virus sowie mangels Medikamenten und eines Impfstoffs musste ein erster Schritt getan werden, um die Übertragungskette zu unterbrechen. Genau dafür haben wir das Epidemiegesetz: Um zentral und auf Bundesebene Massnahmen zu überlegen und anzuordnen, die zum Wohl des ganzen Landes sind.

Es gibt klare Verhaltensregeln. Ist eine Schliessung der Grenzen wirklich nötig, wenn ein Durchsetzen die Verbreitung des Virus eindämmen würde?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es nicht angezeigt, zurückzublicken, wir müssen vorausblicken. Wenn man die Grundmassnahmen einhält, ist es wichtig und dringend, dass man darüber nachdenkt, wie man die Grenzen bald wieder öffnen kann.

Sie umgehen die Frage gerade sehr elegant.

Keinesfalls. Wir wussten ja nicht, wie die Übertragung zu uns kommt. Selbst bei Einhalten aller Abstands- und Hygieneregeln und gar einer Schutzmaskenpflicht für Kranke wäre eine Durchsetzung dieser Massnahmen extrem schwierig. Wir haben Zehntausende von Grenzgängern allein in dieser Region, so viele Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen kommen. Da ist ein umfassend kontrollierter Umgang eigentlich gar nicht möglich.

Man lässt aber die Grenzgänger aus wirtschaftlichen Gründen über die Grenze und nicht aus epidemiologischer Unbedenklichkeit.

Es ist wichtig, die gesellschaftliche und wirtschaftliche Komponente im Blick zu behalten und nicht das eine gegen das andere auszuspielen. Es ist nicht zu unterschätzen, wie viele Menschen auf verschiedenen Stufen grenzübergreifend hier tätig sind – im Gesundheitswesen, aber auch anderswo. Hätte man diese nicht in die Schweiz gelassen, wir wären vor gewaltigen Problemen gestanden. Das sind Abwägungen, die gemacht werden müssen: Zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Faktoren.

Was braucht es für die Grenzöffnung?

Einen internationalen Konsens zwischen den Ländern, die alle noch unterschiedliche Schutzkonzepte haben. Es geht dabei auch um das Soziale: Die Liebespaare an Grenzzäunen sind ein wichtiges Bild dafür. Klar ist, wir müssen jetzt früh darüber nachdenken, wie es weiter geht.

Viele Menschen haben zurzeit Angst vor einer sogenannten zweiten Welle und einem zweiten Lockdown. Zurecht?

Was sicher nicht angezeigt ist, ist sich nun einzuschliessen, aus Angst vor einer zweiten Welle. Es gibt klare Verhaltensmassnahmen, die uns eben ermöglichen, dass wir uns viel freier bewegen können als etwa in Frankreich, wo zur Ausgangssperre gegriffen wurde.

Wie sieht es denn mit dieser zweiten Welle aus?

Wir müssen sehen: In der Schweiz waren sehr wenig Menschen diesem Virus exponiert. Eine Genfer Studie mit Antikörpertests zeigt, dass insgesamt wohl zwischen fünf und sechs Prozent der Bevölkerung exponiert waren. Weil die Zahl der für das Virus empfänglichen Menschen immer noch enorm hoch ist, müssen wir nun sicherstellen, dass die Übertragung nicht weiter geht und dass die Infektionsketten unterbrochen werden.

Solle man dann nicht einfach weiterhin an einem rigiden Lockdown festhalten?

Nein. Natürlich wird es weitere Fälle geben. Wir werden aber sehen, dass die Infektionen nicht überall in der Schweiz gleichmässig auftreten; sich aber an bestimmten Orten häufen. Wir werden in der Schweiz, aber auch in ganz Europa Clusters erkennen können, wenn man die Ansteckungskette in Echtzeit verfolgt und damit einzelne Massnahmen treffen kann. Dafür brauchen wir aber ein Sentinella-System, das die Echtzeitverfolgung bis ins Lokale zulässt.

Geht das gut?

Ja, da bin ich ziemlich sicher. Wir werden Hotspots haben, wo wir regional und lokal handeln können. Dann braucht es auch keinen generellen Lockdown mehr. Das will auch niemand. Sobald wir in einen Zyklus mit kompletten Lockdowns kommen, wird die Situation fatal. Dann wird zuerst die Gesellschaft auseinanderbrechen und damit auch die Wirtschaft.

Und die Angst, dass wir auf einen Überwachungsstaat unter dem Mantel des Gesundheitsschutzes zugehen?

Nein, gar nicht. Nehmen Restaurants Telefonnummern auf, ist das vergleichbar mit den Passagierlisten eines Flugzeugs. Klar ist: Wir müssen testen, Kontakte verfolgen und Quarantäne verordnen. Diese Kette zur Virusbekämpfung muss vollständig sein. Die App, die man dafür einführen will, hinterlässt keine Daten in einer zentralen Datenbank. Deshalb stellt die Schweiz die Entwicklung selbst sicher, damit wir nicht auf Drittanbieter angewiesen sind, die irgendwo Daten sammeln. Die Nutzung der App ist freiwillig. Muss man die Kontaktverfolgung ohne App ganz traditionell machen, dann wird telefoniert.

Seit Anfang dieser Woche sind die Restaurants wieder geöffnet. Gehen Sie hin?

Ja, sicher! Auch wenn ich zur Risikogruppe gehöre. Eben gerade um aufzuzeigen, dass es geht – wohlverstanden die grundlegenden Schutzmassnahmen beachtend. Müsste ich in die Schule gehen, würde ich auch das tun. Es geht darum zu zeigen, dass wir nun in eine neue Normalität aufbrechen. Da müssen wir alle mitmachen.

Angesichts der Lage: Könnte man 2021 eine Basler Fasnacht durchführen lassen?

Man kann angesichts der Lage nicht im Mai 2020 pauschal sagen, dass sie stattfinden wird oder nicht. Ich würde aber sagen, es wird eine Form der Basler Fasnacht 2021 geben. Wir müssen jetzt vorsichtig verfolgen, wie diese Öffnung gelebt wird. Hält man sich an die Konzepte, ist man zuversichtlich und positiv, dann wird man wieder an Konzerte, an Fussballspiele, an eine Fasnacht gehen können. Entscheidend ist, dass wir nun diszipliniert, aber mit Freude diese Öffnung leben.

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