Fussball
Basler Polizeikommandant spricht mit Hooligan über Gewalt im Fussball

Anlässlich der 3. Basler Anti-Gewalt-Tage fand eine Podiumsdiskussion über Fussball-Gewalt statt. Sieben Persönlichkeiten, wenn auch mit und aus unterschiedlicher Betrachtungsweise, sprachen, diskutierten und «philosophierten» über Gewalt im Fussball

Georges Küng
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Ruedi Maier (Polizist), Matthias (ehemaliger Hooligan, auf seinen Wunsch hin unkenntlich gemacht), Paolo Fraschina (Opferhilfe beider Basel), Urs Wicki (Chef Fahndung der Kantonspolizei), Pfarrer Jürg Scheibler (Moderation), Heinrich Ueberwasser (SVP-Grossrat), Josef Zindel (Pressesprecher FCB) und Gerhard Lips (Polizeikommandant). Kenneth Nars

Ruedi Maier (Polizist), Matthias (ehemaliger Hooligan, auf seinen Wunsch hin unkenntlich gemacht), Paolo Fraschina (Opferhilfe beider Basel), Urs Wicki (Chef Fahndung der Kantonspolizei), Pfarrer Jürg Scheibler (Moderation), Heinrich Ueberwasser (SVP-Grossrat), Josef Zindel (Pressesprecher FCB) und Gerhard Lips (Polizeikommandant). Kenneth Nars

Die Veranstaltung im Kaisersaal des Theater Fauteuil am Spalenberg stiess auf grosses Interesse. Eine der Podiumsteilnehmer war Josef Zindel, ehemaliger Sportjournalist und seit Jahren Mediensprecher des FC Basel. «Es gibt keine Gesellschaft ohne Gewalt» war eine der ersten Aussagen des Ostschweizers. Und so «lapidar» dieser Satz auch sein mag – er ist eine Tatsache, die sich historisch in der Antike, im Reich der Römer, im Mittelalter, in der Zeit der Industrialisierung und Neuzeit belegen lässt.

Ein Jugendtreffpunkt

Wer FCB sagt, denkt primär an Titelgewinne, Meisterfeiern auf dem «Barfi» und UEFA Champions League. Einige Zeitgenossen assoziieren den rot-blauen Stadtklub, respektive einen Teil seiner Anhängerschaft (meist aus der Muttenzer Kurve), aber auch mit Gewalt und Zerstörungswut. Auch hier hatte Zindel eine dezidierte, ja pointierte Meinung: «Die Muttenzer Kurve ist alle 14 Tage der grösste Jugendtreffpunkt der Schweiz. 6000 Menschen kommen dort zusammen. Sie fiebern mit dem FCB mit, sie unterstützen den Klub. Sie entwickeln grösstenteils eine unglaubliche positive Energie», so der FCB-Pressechef. Dass in einer derart grossen, heterogenen Menge auch Individuen sind, welche den Match für Frustbewältigung missbrauchen, scheint logisch zu sein.

Mit Gerhard Lips, Kommandant der Kantonspolizei Basel-Stadt, und Urs Wicki, Chef Fahndung der Basler Kantonspolizei, waren zwei Personen auf dem Podium, die den Rechtsstaat vertreten. «Nebst der physischen Gewalt sehe ich auch in der verbalen Ausdrucksweise ein grosses Problem. Diffamierungen oder Einschüchterungen sind auch Gewaltexzesse», so Wicki. Und als Polizist Ruedi Maier berichtete, wie er einst von «Anhängern» geschlagen und zu Boden gezerrt wurde, konnten sich die Anwesenden ein Bild machen, welch Aggressionspotenzial viele Matchbesucher in sich haben und mit ins Stadion tragen. «Als ich auf dem Boden lag, versuchten sie, mir den Schutzhelm auszuziehen», so Maier.

Dialog ist wichtig

Hier nehmen diese Ultras (man lernte, dass Ultras und Hooligans zwei Spezies sind) sogar schwerwiegenden Verletzungen, bis zum Tod, eines Menschen in Kauf. «Nur über den Dialog erreicht man die Fans», so Zindel. Und war sich mit Kommandant Lips einig, dass «jede Art von Gewalt zu unterbinden ist. Doch dieser Prozess muss mit Prävention, Integration und notfalls mit sachgerechter Repression erfolgen».

Eine schmale Gratwanderung, ist man da versucht zu sagen. Auf dem Podium auch präsent war ein «Alt-Hooligan» namens «Matthias», der weitere Personalien, wegen seiner Arbeitsstelle und Familie, nicht preisgab. Interessant, dass die «alte Garde der Hooligans» primär den Kampf gegen Gleichgesinnte austrug. Und es gab sogar eine Art Ehrenkodex, wonach man am Boden liegende Rivalen nicht weiter «belästigt». Die heutige Generation (meist 14- bis 20-Jährige) aber, eben Ultras genannt, differenziert weniger bis gar nicht.

Gegnerische Anhänger, Polizeikräfte, Institutionen – gegen alles und jedes wird vorgegangen. Gerne hätte man von «Matthias» die Beweggründe erfahren, was einen (jungen) Menschen antreibt, rund um den Fussball sein Gewaltpotenzial auszuleben.

Auch zugegen auf dem Podium war Grossrat Heinrich Ueberwasser (Riehen). Seine Äusserungen beinhalteten wenig Substanzielles und er hätte nicht demonstrativ einen FCB-Schal der Muttenzerkurve – den er wiederholt explizit zur Schau stellte – gebraucht, um «sauglatt» zu wirken. Der Spagat von «populär zu populistisch» gelang dem Politiker jedenfalls nicht.

Fussball eine grosse Bühne

«Gewalt ist ein Problem in der Gesellschaft», war das Anfangsvotum von Lips gewesen. Auch diese Binsenwahrheit ist nicht neu, jedoch vollauf zutreffend. Im Fussball lässt sich diese ausleben, weil die populärste Sportart eine grosse Bühne bietet. Ein generelles Rezept gegen Gewalteindämmung gibt es nicht. Darin waren sich die Podiumsteilnehmer und die Besucher einig. Einig war sich die illustre Runde auch, dass Anstand und Respekt die Basis sind, um Gewaltexzesse zu vermeiden. Und diese Tugenden lernt man am besten schon von Klein auf. Was wiederum Erziehende und Institutionen fordert - oder eben überfordert.