Es muss wohl verrückter Unternehmergeist sein. Dazu noch ein gutes Gespür für gewinnbringende Geschäfte und ein bisschen Liebe: Michael Berli und Andreas Guggenbühl, zwei Studenten der ETH, haben aus einem Alltagsproblem ein Geschäft mit einer Bombenidee gemacht.

Schuld daran ist ein frustrierender Shoppingnachmittag: Als sie mit ihren Freundinnen gemeinsam in der Stadt unterwegs waren, kehrten sie zu viert im H&M ein und probierten Jeans an. Nach 45 Minuten gingen sie mit leeren Händen aus dem Geschäft. Berli war erstaunt, dass keine der Freundinnen ein sitzendes Hosenpaar gefunden hatte, obwohl sie 10 an- und ausgezogenen hatten.

Quellcodes als Glücksformel

Für den Basler Informatikstudenten Berli seien 45 Minuten in einem H&M viel investierte Zeit, sagt er in einem Gespräch. Viel zu viel Zeit, wenn dabei die Energie im Leeren verpufft oder gar schlimmer: sich in negative umwandelt. Wie kommt man also schnell und bequem an die perfekte Jeans? Berli und Guggenbühl suchten die Antwort in Quellcodes. 

Das 3D-Modell.

Das 3D-Modell.

Sie programmierten eine Software, die individuelle Körpermasse auf ein Schnittmuster überträgt. Der Kunde kann folglich seinen Hüftspeck vermessen, die Werte im Netz eingeben und erhält nach 10 Tagen eine massgeschneiderte Hose, die so aussieht, als ob der Speck nie da gewesen wäre.

Die Idee hat sich durchgesetzt: Mittlerweile besitzen Berli und Guggenbühl einen virtuellen Jeans-Laden und beschäftigen zehn weitere Mitarbeiter in Zürich und Berlin.
Anfänglich hatten die beiden Jungen keine Ahnung, wie man eine Hose näht. Für die Umsetzung ihrer Idee konsultierten sie Fashion-Affine, die zu unverzichtbaren Mitglieder des Teams geworden sind. Sie sind es, die die Kreation vorantreiben und neue Modelle entwerfen. 

Das Schnittmuster für eine Jeans.

Das Schnittmuster für eine Jeans.

3-D-Visualisierung

«Selfnation» heisst ihr Label — ein Name, den Berli mit grossen Zielen verbindet. Der virtuelle Kleiderverkauf werde sich in den kommenden Jahren verändern, meint er, «da wollen wir unbedingt dabei sein».

Das Besondere und Einzigartige an «Selfnation» ist die 3-D-Visualisierung des eigenen Körpers. Anhand dieser Visualisierung erkennt man, ob die Hose zum eigenen Körper passt, oder ob man wie eine dicke Wurst aussieht.

Die Kunden scheint es nicht zu stören, dass man den Stoff nicht anfassen kann, um die Qualität zu erfühlen. «Beim Kaufentscheid ist das am wichtigsten», sagt Michael Berli.

Die Hose, die er am Gespräch trägt – natürlich von seinem Label – sieht alles andere als billig aus. Dicker, grobgewobener dunkelblauer Denim mit gelben Nähten. «Copenhagen Ink» heisst sie und ist 219 Franken wert. Das ist nicht viel für eine Massanfertigung; und ist fast 100 Franken günstiger als eine Diesel-Jeans. Die lokale Produktion mindert die Kosten — daher der billige Preis.

Für die Herstellung haben die Studenten in Neualbenreuth, in Bayern, eine Manufaktur mit eigenen Maschinen aufgebaut — Guggenbühl studiert Maschinenbau. Im Tessin beliefern sie eine weitere Manufaktur mit Aufträgen, da sie in Bayern die Kapazitäten bereits überschritten haben. Die Stoffe werden ohne giftige Chemikalien gefärbt, das ist den Herstellern besonders wichtig.

Während des Gesprächs tankt Berli drei Espressi, einen Eistee und eine halbe Wasserkaraffe. Auch bei gefühlten 40 Grad ist der junge Unternehmer auf Trab. Am Morgen reiste er nach Genf, über den Mittag nach Basel und dann zurück nach Zürich ins Büro in der Nähe des Hauptbahnhofes.

Ökologische Fairness

Seit April 2013 arbeitet er 100 Prozent als technischer Leiter für «Selfnation» und schliesst nebenher seinen Master an der ETH ab.

Auf die Frage, ob ihm die Firma über den Kopf wachse, überlegt er kurz und antwortet entschieden: «Nein, ich bin ja nicht alleine», schwierige Entscheidungen diskutiere er immer im Plenum – das helfe.

Obwohl ihr Label sich ökologische und ökonomische Fairness auf die Fahne schreibt, will Berli sich nicht in die Karten blicken lassen. Wie viele Kunden und wie viel Umsatz seine Firma mache, kommt nicht auf den Tisch. Mehrere tausend gäbe es in der Schweiz, die bei ihnen einkaufen. Mehr will er nicht verraten.