Herr Leyhe, Sie sind Alterspsychiater. Sind ältere Menschen anders psychisch krank als jüngere?

Thomas Leyhe: Grundsätzlich gibt es keine Unterschiede. Aber bei der Behandlung müssen altersspezifische Themen berücksichtigt werden. Zum Beispiel sind chronische Krankheiten im Alter häufiger und können einen Einfluss auf die Psyche haben. Dann gibt es typische soziale Probleme, die Mitursache einer psychischen Störung sein können wie der Übergang vom Erwerbsleben in die Pension, die Vereinsamung, der Verlust des Partners, die Pflege des Partners oder auch Verarmung.

Welches sind die häufigsten psychischen Krankheiten im Alter?

Depressionen. An zweiter Stelle folgen Demenzen. Allerdings kann auch eine Depression die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen. Das kann zur Folge haben, dass ein älterer depressiver Patient als dement verkannt wird und keine geeignete Behandlung erhält, obwohl diese sehr erfolgversprechend wäre. Hinzu kommt, dass Depressive stärker als psychisch Gesunde unter körperlichen Krankheiten leiden, zum Beispiel unter ihrem Rheuma oder einer Herzkrankheit. Häufig im Alter sind auch wahnhafte Störungen, wenn die Patienten sich zum Beispiel plötzlich unbegründet verfolgt fühlen und Ängste entwickeln. Auch da ist es wichtig, körperliche Ursachen auszuschliessen.

Kann eine Depression auch bei Jüngeren aufs Gedächtnis schlagen?

Ja. Aber weil Demenz im Alter häufig ist, kommt es zum Fehlschluss. Ein Gedächtnisverlust im Alter wird häufig als Normalität hingenommen. Das ist nicht nur schade, weil man etwas für die Patienten tun könnte, sondern auch gefährlich. Das grösste Risiko einer Depression sind Suizide.

Das gilt für jedes Lebensalter?

Das Suizidrisiko bei Älteren ist deutlich höher als bei Jüngeren. Man kann davon ausgehen, dass nicht selten hinter Suiziden im Alter eine verkannte Depression steckt, die man mit Psychotherapie und Medikamenten gut behandeln könnte. Eine starke geistige Beeinträchtigung kann aber auch organische Ursachen haben.

Welche?

Zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion. Ein anderes Beispiel sind Tumore. Ich erinnere mich an eine Patientin, deren Namensgedächtnis über einige Jahre stark nachgelassen hatte. Nach vielen Untersuchungen wurde in einer Kernspintomografie ein grosser, gutartiger Tumor im Gehirn gefunden. Ein halbes Jahr nach der Operation hatte sich ihr Gedächtnis normalisiert. Solche Fälle dürfen nicht unerkannt bleiben. Darum wollen wir in Basel eine Sprechstunde für ältere Patienten mit psychischen Problemen oder Hirnleistungsstörungen anbieten, um die Menschen zu finden, bei denen eine behandelbare Krankheit vorliegt. Und sollte es eine nicht behandelbare Krankheit wie Alzheimer sein, ist es wichtig, dass die Betroffenen die Chance haben, sich damit auseinanderzusetzen.

Welche weiteren Schwerpunkte wollen Sie in Basel setzen?

Eine der beiden alterspsychiatrischen Stationen wird sich auf die Behandlung von Depressionen spezialisieren, die andere schwerpunktmässig auf Patienten mit Demenzen. Wir werden dort Frühdiagnostik und Kriseninterventionen anbieten – auch für Heime. Wir werden uns insbesondere bemühen, psychotherapeutische Ansätze zu etablieren, um mit möglichst wenig Psychopharmaka auszukommen, die bei älteren Patienten ein höheres Risiko als bei jüngeren haben.

Sie werden die Psychotherapie für alte Menschen ausbauen?

Ja, wir werden das sehr in den Mittelpunkt stellen, und auch die Diagnostik und Therapie von Demenzerkrankungen weiterentwickeln.

Wurden ältere Menschen bisher nicht therapiert?

Das Bewusstsein hat sich geändert. Heute weiss man, dass auch Ältere therapierbar sind und dass sich das noch «lohnt». Man muss das jetzt weiterentwickeln. Es gibt noch grossen Bedarf, ältere Menschen und ihre psychischen Probleme zu verstehen, um gezieltere Behandlungen anzubieten. Wichtig ist auch, besser zu erfassen, wie Therapie bei älteren Menschen wirkt. Dazu braucht es Forschung. Ein wichtiges Thema sind dabei auch sogenannte Biomarker. Manche Depressionen sind Vorboten einer Demenz. Es könnte sein, dass bestimmte Blutwerte darauf hinweisen. Wir stehen da vielfach noch am Anfang in der Alterspsychiatrie. Man muss aber der demografischen Entwicklung Rechnung tragen. Die Menschen werden älter, dadurch werden diese Themen immer wichtiger.

Das ist in Basel sehr aktuell. Derzeit wird die Alterspolitik überarbeitet. Denken Sie, die Alterspsychiatrie sollte prominenter berücksichtigt werden?

Ich glaube schon. Ich bin generell der Meinung, dass depressionskranke ältere Mitbürger unterversorgt sind. Aber es werden auch zunehmend Demenzkranke versorgt werden müssen. Bei den über 90-Jährigen werden bis zu 50 Prozent eine Demenz entwickeln. Für die müssen Einrichtungen bereitgestellt werden, in denen sie bis zum Endstadium menschenwürdig leben können.