Atlantis

Basler Rapper Pyro: «Ich fühle mich als Punk im Hip-Hop»

Rapper Pyro liebts organisch: «Nichts gegen elektronische Musik, aber ich spür’ da oft nichts.»

Rapper Pyro spricht vor seinem Konzert im Basler -tis über seine Liebe zur Musik und die Hip-Hop-Szene.

Bang! Wer MC Pyro googelt, landet zuerst bei einer Feuerwerksfirma in Österreich. Pyro aus Basel lässt es zwar auch krachen, das aber auf der Bühne. Und schon seit Jahren.

Mitunter aber, das gibt er offen zu, grübelt er lieber als einfach nur zu feiern: «Ich bin weniger der Typ, der immer ein Feuerwerk zündet. Mir ist gerade auch Tiefgang wichtig», sagt Daniel Kern, wie er bürgerlich heisst, bei einer Schale Kaffee.

Pyro ist mittlerweile 36 Jahre alt und präsentiert mit «Rohkost» sein drittes Album. Da ist Soul drin, Gesellschaftskritik und Lebensfreude. Am 1. Februar tritt er damit im Atlantis Basel auf.

Nach Ihrer Plattentaufe im Sommercasino treten Sie nun in einem Lokal auf, das für Rock steht. Was verbindet Sie mit dem -tis?

Pyro: Zunächst einmal eine Enttäuschung: Ich war ungefähr 13, als die regionale Funkband Linie 11 dort auftrat. Ich wollte hingehen, aber meine Eltern erlaubten es mir nicht. Dass ich nun im Atlantis spielen kann, ist also meine kleine persönliche Rache (lacht).

Sie haben schon einen Vorgeschmack geliefert, kürzlich, als Gast beim Konzert von Roli Frei. Das eher rapfremde Publikum war begeistert von ihren Skills.

Das habe ich gespürt, ja. Und erstaunlicherweise auch mehr CDs verkauft als an manchen Hip-Hop-Konzerten.

Wie erklären Sie sich das?

Das Publikum gehörte nicht zu meinem Stammpublikum, hatte auch Vorurteile gegenüber Rapmusik. Ich konnte es positiv überraschen. Kommt dazu, dass das Basler Rappublikum zu einem grossen Teil das Album schon gekauft hat. Und andere möchten das Geld lieber für einen weiteren Drink ausgeben. Ich spüre den Trend zum Streaming, wenn es um den Verkauf physischer Produkte geht.

Insofern also gut, dass Sie auch ein Publikum ausserhalb der jugendorientierten Hip-Hop-Szene ansprechen.

Kann man so sagen, ja. Ich bin gerade dabei, meine Zweitausbildung im Marketing abzuschliessen. Während meines Studiums habe ich gemerkt, dass meine breiten musikalischen Interessen aber nicht nur Segen, sondern auch Fluch sind. Aus Marketingsicht sollte ich vielleicht eine Linie reinbringen in meine musikalische Biografie.

Aber vielleicht ist eben gerade die Lust auf Vielfalt Ihre Linie?

Das fürchte ich eben auch (lacht). Musik machen ist das, was mich wirklich erfüllt. Und ich liebe es, Neuland zu betreten: Sei es mit Jazzmusikern, einem Singer-Songwriter oder wie jetzt im Atlantis bei meinem eigenen Auftritt mit einer Stoner Blues Band wie Oakhead. Ich fühle mich ein bisschen als Punk im Hip-Hop.

Inwiefern?

Ich möchte nicht nur Lieder machen, von denen ich mir sicher sein kann, dass sie beim klassischen Hip-Hop-Publikum ankommen. Ich mache Musik für meinen Seelenfrieden, und dazu gehört, neue Wege einzuschlagen. Ich will es nicht allen recht machen.

Ihr neues Album enthält viele Samples aus Soul, Funk, Blues. Damit schwimmen Sie nicht mit dem Strom, der sich Trap und anderen neuen Spielarten zuwendet.

Ja, das stimmt. Ich liebe halt diese alten Tracks und Rhythmen, die Songs etwa von Muddy Waters.

Aber für Muddy Waters sind Sie eigentlich viel zu jung.

Den Blues habe ich schon als Kind entdeckt, über die Plattensammlung meines Vaters. Ich mag die Wärme, das Organische. Nichts gegen elektronische Musik, aber ich spür da oft nichts. Und daher mache ich die neueren Trends vielleicht auch weniger mit.

Pyro: Rohkost

Pyro: Rohkost

Im Titeltrack «Rohkost» liefern Sie ein Plädoyer für Handgemachtes, eine Metapher für Nahrhaftes.

Richtig. Früher war für mein Empfinden in der Musik mehr Seele drin. Den Autotune-Effekt etwa, den alle einsetzen, mag ich nicht, das ist nicht mein Ding. Als Kunstform akzeptiere ich diesen, aber musikalisch langweilt er mich. Auch, weil viel zu viele den Flow von anderen kopieren und so eine eigene Stimme vermissen lassen.

Dagegen sind Sie Oldschool und stolz darauf?

Hm, Oldschool ist ein schwieriger Begriff.

Warum?

Oldschool ist Interpretationssache. Für Jugendliche bin ich oft bereits Oldschool (lacht) Ich definiere mit dem Begriff eher die Akteure der 80er- und 90er-Jahre. Der Basler Szene etwa wurde lange vorgeworfen, sie sei stilistisch stehengeblieben, in den 90ern.

Aber Oldschool ist doch nichts Schlechtes!

Das stimmt, aber der Begriff hat einen Schubladisierungscharakter, den man schlecht loswird. Kommt hinzu, dass es mit meinem Dialekt schon schwierig genug ist auch ausserhalb von Basel wahrgenommen zu werden.

Warum?

Der Basler Dialekt ist leider einer der unbeliebtesten Dialekte in der restlichen Schweiz. Das macht es für uns Mundartrapper nicht einfach. Dabei wird gerne propagiert, dass Dialekt in der heutigen Zeit keine Rolle mehr spiele. Ich empfinde das aber oft auch anders, nicht nur bei mir. Hip-Hop ist eben auch eine Kultur mit Widersprüchen.

Hip-Hop definiert sich sehr darüber, wie sich Hip-Hop definiert.

Da haben Sie Recht, ja. Das gehört aber auch dazu und ist oftmals eine Interpretationssache der jeweiligen Generation. Aber die Szene dreht sich vielleicht manchmal zu stark um sich selber. Und die Leute nehmen sich zum Teil viel zu ernst. Hip-Hop darf auch wieder funky werden, lockerer, lustiger. Das würde ich mir jedenfalls wünschen.

Konzert Pyro & Oakhead: Atlantis, Basel. Donnerstag, 1. Februar, 21 Uhr. Album Pyro: «Rohkost».

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